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WIEN/ Staatsoper: PIQUE DAME – 2. Vorstellung

WIEN/ Staatsoper: PIQUE DAME am 23.1.2022

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Olga Borodina (Gräfin). Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die Wiener Staatsoper hat ihre Produktion der „Pique Dame“ nach sieben Jahren wieder auf den Spielplan gesetzt. Für die Wiederaufnahme wurde ein Ensemble mit starker russischer Beteiligung engagiert. Nachstehende Anmerkungen beziehen sich auf die zweite Aufführung der laufenden Serie.

Die Inszenierung stammt aus dem Jahr 2007. Vera Nemirova hat sich damals von einem postkommunistischen Ambiente inspirieren lassen: Das Einheitsbühnenbild zeigt den Fassadenausschnitt eines Palais, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Ein breiter Stiegenaufgang ist das zentrale Element. Dieses Palais verwandelt sich im Laufe des Abends von einem Kinderheim in ein Casino.

Im ersten Bild zwischen Stahlrohrbetten und bei gedrillten Kindern kommen keine Frühlingsgefühle auf und bis zur Pause regiert die übliche, platte Gesellschaftskritik. Aber der Auftritt der Zarin im Zuschauerraum wirkt heutzutage sogar „frischer“ als im Jahr 2007. (Damals hat man sich gleich an den Regie-Aktionismus der französischen „Don Carlos“-Premiere erinnert.) Nach der Pause gewinnt das Beziehungsdreieck zwischen Gräfin, Hermann und Lisa stärker an Konturen, wobei Nemirova der „Gespenstergeschichte“ eher aus dem Wege geht. Im Finale wird Lisa als Leiche auf den Spieltisch getragen, Hermann fuchtelt mit dem Revolver herum und erschießt sich. Immerhin bleiben die Figuren einigermaßen „intakt“ und werden nicht „dekonstruiert“.

Um noch einmal auf diesen Auftritt der Zarin zurückzukommen: „staatstragender“ als Valery Gergiev kann man das möglicherweise nicht dirigieren. Aber die starken Momente waren an diesem Abend ohnehin eher die lauten, so wie das Gewitter des ersten Bildes. Die Gefühlsaufwallungen wurden groß und „romantisch“ herausgestrichen, psychologische Feinarbeit – ablesbar etwa an einer gestalterischen Zuspitzung des Kartenmotivs – wurde weniger präferiert. Das Intermezzo hätte sich für meinen Geschmack transparenter und feinnerviger Gehör verschaffen müssen, entwickelte sich an diesem Abend zur „Durststrecke“ – aber dafür wurde das Publikum am Schluss des Maskenballs mit dem pompösen Auftritt der Zarin belohnt.

Der Hermann von Dmitry Golovnin war ziemlich heroisch eingestellt: ein heller, „stählerner“ Tenor, in der Höhe leicht grell färbend, wie ein versierter Degenfechter, der seine Liebesbeteuerungen in den Waffengriff graviert. Er hatte keine Probleme, es mit dem vollen Orchester aufzunehmen, war im Wahnsinn von keiner Schwäche angekränkelt, und im Liebeswerben beweglich genug, um dabei nicht zu straucheln. Solchem Hermann kann eigentlich nichts Besseres passieren als ein regiebedingter Amoklauf – und der ging einem an diesem Abend unter die Haut.

Der Sopran von Elena Guseva kam bei den dramatischen Gefühlsausbrüchen stark ins Schwingen und wirkte dann überbeansprucht, wenn auch emotional überzeugend und vom Publikum unbedingte Anteilnahme einfordernd. In den lyrischen Passagen, wie beim Lied mit Polina im zweiten Bild, erfreute die Stimme mit melancholisch timbriertem Klang. Insofern hinterließ die Sängerin zwar einen rollengerechten, aber gesanglich zu unausgewogenen Eindruck.

Bei der Gräfin stellt sich mir immer die Frage, wie groß der Kompromiss zwischen Alter und Stimme sein darf. Wenn die Sängerin zu jung wirkt, kauft man ihr die alte Frau nicht ab, wenn die Stimme altersbedingt zu stark gelitten hat, ist es für das Publikum kein Vergnügen mehr ihr zuzuhören. Olga Borodina ist altersmäßig noch zu weit vom 80er entfernt, um in dieser Rolle einigermaßen „naturalistisch“ zu wirken. Aber so wie an diesem Abend mit bordeauxweinrotem Samt ausgeschlagen hat man die Gräfin noch selten von den guten alten Zeiten schwärmen gehört. Borodina bot wortdeutlichen Wohlklang und einiges an erotischer Spannung, die sich mit dem Niederlassen auf einem Stahlrohrbett jedoch rasch verflüchtigte. Szenisch ist von der ursprünglichen Beinahe-Vergewaltigung durch Hermann nach über 30 Aufführungen ohnehin nicht mehr übrig geblieben als eine schläfrige Einladung zum Koitus.

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Alexey Markov. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Als gesanglicher „Man of the Match“ empfahl sich Alexey Markov als Tomski (zum Schäferspiel steuerte er den Pluto bei): ein kräftiger, etwas rautimbrierter Bariton, der seine beiden „Lieder“ mit prägnanter Ausdruckskraft zur Geltung brachte. Beim Jeletzki von Boris Pinkhasovich hätte ich mir – siehe Gräfin – auch so einen stimmlichen „Samtbehang“ gewünscht, um das Glück perfekt zu machen. Evgeny Solodovnikov, als Surin kurzfristig für Artyom Wasnetsov eingesprungen,  und Robert Bartnek (Tschekalinski) profilierten sich als stichelnde Stichwortgeber. Weitere seriöse Mitglieder der Herrenrunde waren Dan Paul Dumitrescu als Narumow und Angelo Pollak als Tschaplitzki.

Bei den Damen hatten Monika Bohinec und Anna Nekhames neben ihren Rollen als Polina beziehungsweise Mascha auch die Daphnis beziehungsweise Chloe in der Balleinlage zu übernehmen. Bohinec hinterließ von den beiden bei mir den nachhaltigeren Eindruck. Leider gar nicht positiv nachhaltig war, was Stephanie Houtzeel als Gouvernante mit ermattetem Mezzo beisteuerte. Bleiben noch zu erwähnen: der Festordner von Hans Peter Kammerer und der stimmkräftige Staatsopernchor. Als Klavierspielerin agierte auf der Bühne Kristin Okerlund. Der Schlussapplaus dauerte fünf, sechs Minuten lang. Für Olga Borodina gab es einen Strauß weißer Rosen (zu dieser Gräfin hätten dunkelrote allerdings besser gepasst).

Das Haus war wieder weit davon entfernt, gut besucht zu sein. Auf der Galerie zählte ich knapp über 100 Besucher. Das Parterre war im vorderen Teil sehr gut gefüllt, erst die paar Reihen vor dem Stehplatz dünnten stark aus. In den Logenreihen der rechten Seite, die ich von meinem Platz aus einsehen konnte, war zwar fast in jeder Loge die erste Reihe besetzt, für die hinteren Logenplätze hatten sich aber kaum Besucher erwärmen können.

In der Pause war unter anderem das aktuelle COVID-Testregime ein Gesprächsthema. Besucher, die regelmäßig aus den Bundesländern nach Wien anreisen (darunter sind gar nicht so wenige Stammbesucher), leiden derzeit stark unter der unzuverlässigen Zustellung der Testergebnisse. In Wien ansässige Kulturliebhaber können erfahrungsgemäß diesbezüglich mit einer größeren Verlässlichkeit rechnen.

Dominik Troger/ www.operinwien.at

 

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