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WIEN/ Staatsoper: PETER GRIMES. „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist“

„Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist“

 PETER GRIMES

Wiener Staatsoper, 2.2.2022

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Lise Davidsen. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Als vor der Vorstellung Bogdan Roscic die Bühne betrat wurde es im Publikum ganz still – normalerweise hat das ja nichts Gutes zu bedeuten. Zuallererst beruhigte der Direktor alle indem er sagte, dass alle Solisten wohl auf sind. Allerdings hätte Omikron seinen Tribut beim Staatsopernchor gefordert, allerdings gelang es ihm – in Rücksprache mit Erwin Ortner – 19 Mitglieder des Arnold Schönberg Chors kurzfristig zu engagieren, damit diese die Vorstellung retten. Es war quasi „noch ein Glück“, dass dieser ja im Herbst vergangenen Jahres ebendieses Stück für die Aufführungen im „Theater an der Wien“ einstudiert hatte. In Zeiten wie diesen – auch eingedenk der Tatsache, dass die STOP am Vortag die Vorstellung wegen eines Corona-Falls absagen musste – war es ein glücklicher Zufall, dass hier in Wien an zwei Häusern das eher selten gespielte Stück von Benjamin Britten in der gleichen Spielzeit zur Aufführung gebracht wurde. Der Chor spielt in „Peter Grimes“ eine wichtige Rolle, und dass Christine Mielitz eine Meisterin darin ist, Chormassen zu bewegen erschwerte sicherlich die „Einarbeitung“ von Außenstehenden in diese Produktion. Allerdings bemerkte man überhaupt nichts, es war ein einheitlicher Bewegungsablauf. Der Chor der Wiener Staatsoper, einstudiert von Thomas Lang, bewies auch an diesem Abend sein außergewöhnliches Niveau. Um es mit dem bekannten Floridsdorfer Philosophen Marko A. zu sagen – „Shampoo“. 😊

Die Produktion hat auch schon etliche Jahre auf dem Buckel, was man ihr aber nicht ansieht. Dass unzählige Koffer (ich meine da das Behältnis für den Transport von Sachen) hin- und herbewegt wurden, was in den 1990er Mode war, und dass man am Bühnenboden kopulierte ist eine Eigenheit von Mielitz (siehe auch ihre Inszenierung des „Fliegenden Holländers“) – na ja, wer’s braucht…   Von diesen Einwänden abgesehen eine großartige Produktion, die viel mit Lichteffekten spielt und unglaublich spannend ist (Bühne und Kostüme – Gottfried Pilz, Choreographie Roland Giertz). Diese gehört zu den besten Arbeiten, die Mielitz in Wien gestaltet hat.

Simone Young, die seit 1993 im Haus tätig ist (debütierte seinerzeit in der Holender-Ära in „La Boheme“), entfachte aus dem Orchestergraben enorm viel Spannung, war eine rücksichtsvolle Begleiterin der Sänger und trieb das Orchester der Wiener Staatsoper zu einer überaus spannenden und stringenten Wiedergabe der diversen „Sea Interludes“ an – für meinen Geschmack waren diese Zwischenspiele der absolute Höhepunkt dieses grandiosen Abends.

Was die gesanglichen Darbietungen betrifft konnte man nur zufrieden sein (mit vielleicht ganz kleinen Einwänden – aber wer/was ist schon vollkommen). Überragend (und vielleicht kündigt sich da eine Brünnhilde an) war die Norwegerin Lise Davidsen als Ellen Orford. Hochexpressiv und lyrisch zugleich – sie überragte alle (und ich nahm es mit  Wohlwollen zur Kenntnis, dass sie in den nächsten Jahren in Wien öfters zu hören sein wird). Neben ihr hatten es alle anderen Sängerinnen und Sänger schwer. Die von mir sehr geschätzte Stephanie Houtzeel beeindruckte schauspielerisch als Mrs. Sedley, allerdings denke ich, dass sie in anderen Rollen etwas besser ihre Qualitäten zur Geltung bringen kann. Noa Beinart war eine sehr präsente „Auntie“, während Ileana Tonca einen besseren Eindruck hinterließ als ihre „Mit-Nichte“ Aurora Marthens.

Bei den Herren der Schöpfung muss der Lorbeerkranz Bryn Terfel überreicht werden, der als Balstrode vielleicht nicht die größte Rolle hatte, doch mit seiner Ausstrahlung, seinem Timbre und seiner Technik bei jeden seiner Auftritte das Geschehen auf der Bühne beherrschte.

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Lise Davidsen, Jonas Kaufmann, Bryn Terfel. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Wie meistens bin ich, was Jonas Kaufmann betrifft, zwiegespalten. Es steht außer Frage, dass er sicherlich zu den besten Singschauspielern seiner Generation gehört, allerdings ist mir seine Stimme zu baritonal und (obwohl technisch perfekt) ich kann seinem Falsett-Gesang nicht wirklich was abgewinnen. Vielleicht bin ich da auch zu sehr von der Aufnahme mit Jon Vickers geprägt…

Schon in der 2013er Serie tätig waren Carlos Osuna (Horace Adams) und Wolfgang Bankl als Swallow. Bankl war auch ein Akteur des Abends, dessen Leistung überdurchschnittlich gut war. Thomas Ebenstein als Bob Boles wäre auch hervorzuheben. Die anderen Mitglieder des Ensembles, des Staatsopernchors und Opernstudios, die zum Erfolg des Abends beitrugen, waren, Martin Häßler, Erik Van Heyningen, Pavel Strasil, Ferdinand Pfeiffer, Katarina Porubanova und Thomas Köber.

Das Publikum bejubelte besonders Davidsen und Young, gefolgt von Terfel und Kaufmann.

Anschließend wurden auf offener Bühne die Ehrungen durchgeführt. Eloquent wie immer pries Direktor Roscic die Verdienste von Young, Terfel und Kaufmann (seine Rede ist bei mir auf Facebook zu sehen und zu hören), ehe die Staatssekretärin für Kunst und Kultur, Andrea Mayer die Bühne betrat und bewies, dass sie von einem Zettel ablesen kann. Sie produzierte für meinen Geschmack zuviel „Politsprech“ und kam immer wieder auf die tagespolitische Relevanz des Inhalts von „Peter Grimes“ zu sprechen. Sie liegt damit ja sicherlich nicht falsch, trotzdem ging es an diesem Abend nicht um das Stück, sondern um die zu Ehrenden.

Simone Young wurde Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper und bedankte sich bei allen drei Direktoren (Holender, Meyer und Roscic) für die Chancen, die man ihr gab. Ioan Holender war persönlich anwesend, Meyer nicht. In seiner Dankesrede hob Jonas Kaufmann noch einmal den Mut von Holender hervor, in dem er mit Young zum ersten Mal eine Dirigentin engagierte, und mit ein bisschen „Tongue in Cheek“ meinte er auch, dass sie wahrscheinlich unter einem enormen Druck gestanden war – denn, wenn sie quasi versagt hätte, das Dirigentenpult für Frauen für die nächsten 150 Jahre in Wien wahrscheinlich unerreichbar gewesen wäre.

Kaufmann erklärte, dass er sich immer als Österreicher gefühlt hat – aber er erst jetzt zu einem „echten Österreicher“ wurde – weil, „in Österreich muss man einen Titel haben“. Jawohl, Herr Kammersänger!

Bryn Terfel bedankte sich im perfekten Cymraeg über die Auszeichnung (was einen Jubelschrei einer Besucherin zur Folge hatte), ehe er – der Verständlichkeit halber – in Deutsch und Englisch fortsetzte. Terfel ist ein unheimlich sympathischer und charismatischer Künstler – und auch er wird in den nächsten Jahren viel öfter in Wien zu sehen sein als bevor, wie Bogdan Roscic versicherte.

Es war ein musikalisch großartiger und vom Umfeld her denkwürdiger Abend. Wenn man die Umstände betrachtet kann man die Gage der Staatsoperndirektion und des Besetzungsbüros aktuell nur als „Schmerzensgeld“ betrachten.

Kurt Vlach

 

 

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