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WIEN/ Staatsoper: PARSIFAL. Premiere

30.03.2017 | Oper

PARSIFAL – PREMIERE STAATSOPER – 30.3.2017

(Heinrich Schramm-Schiessl)

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Nina Stemme (Kundry), Jochen Schmeckenbecher (Klingsor). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Als ich vor ca. einem Jahr meine Anmerkungen zu den geplanten Neuinszenierungen schrieb, so bezeichnete ich jene des „Parsifal“ als die zweitunnötigste. Ich mochte zwar die Mielitz-Inszenierung nicht, aber für die in der Regel drei Aufführungen pro Saison hätte sie durchaus weiter gereicht. Angesichts dessen, was ich jetzt an diesem Abend erleben musste, fühle ich mich in meiner damaligen Ansicht voll bestätigt.

Was Alvis Hermanis auf die Bühne stellte, war nicht nur vom Zugang her falsch, sondern auch handwerklich nahezu unbewältigt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, was Hermanis in der ORF-Sendung „Kulturmontag“ (ORF 2, 27.3.2017) sagte: “Als ich gefragt wurde, ob ich in Wien „Parsifal“ machen würde, habe ich zunächst im Internet nachgesehen, wer denn dieser Richard Wagner ist und stiess darauf, dass es ja noch einen anderen bedeutenden Wagner, nämlich Otto Wagner, gibt.“ Jetzt hätte mich nicht gestört, hätte er die Dekorationen, für die er auch verantwortlich zeichnet, im Stile Otto Wagners gefertigt, aber er war offenbar von dessen psychiatrischen Krankenhaus am Steinhof so fasziniert, dass er die komplette Handlung in ein solches Krankenhaus verlegt hat, wobei er Gurnemanz als den guten Chefarzt sieht.. Er meint nämlich, dass die Gemeinschaft der Gralsritter krank sei, was jedoch meines Erachtens falsch ist. Ihr Führer  ist krank und daher sind sie orientierungslos bzw. für Neuerungen resistent, sodass es jemandes von aussen bedarf – nämlich Parsifal – der sie in die Zukunft führt.

Dazu kommt, dass die Inszenierung handwerkliche Mängel hat. Von einer praktisch nicht vorhandenen Personen- bzw. Chorführung einmal abgesehen, bleiben viele wichtige Momente unbewältigt. Das fällt erstmals schmerzlich bei der Verwandlung im ersten Aufzug auf. Diese beschränkt sich nämlich auf das Hin- und Herfahren einiger Wände, wobei dabei eine zwingende Logik nicht erkennbar ist. An diesem Abend wird „die Zeit sicher nicht zum Raum“. Merkwürdig auch die Abendmahlszene, in der der Wein in Kaffeeheferln (für Nichtwiener: Kaffeetassen) ausgeschenkt wird. Dass man verschiedene Persönlichkeiten der damaligen Zeit unter den Choristen bemerkt, soll offenbar davon ablenken, dass dem Regisseur in Wirklichkeit nicht sehr viel eingefallen ist.

Szene aus Parsifal
Eher unsexy: Parsifal und die Blumenmädchen. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Der zweite Aufzug spielt dann in der Prosektur, wobei Klingsor der Pathologe ist, in dessen „Büro“ die legendäre Couch von Siegmund Freud steht, um nur ja kein Dejavu auszulassen. Einer der auf Seziertischen herumliegenden Körper ist Kundry, die erst wieder zum Leben erweckt wird. Mit gutem Willen könnte man das dem Text entsprechend interpretieren. Die übrigen Leichen entpuppen sich dann als die Blumenmädchen. Der Speer steckt die ganze Zeit in einem grossen Gehirnmodell, an dem Parsifal merhrfach vorbeigeht und ihn eigentlich nur mitnehmen müsste. In der entscheidenden Szene am Ende stellt Klingsor dieses Gehirnmodell vor Parsifal, der den Speer einfach herauszieht. Bei „mit diesem Zeichen bann ich Deinen Zauber“, wobei er natürlich kein Kreuzzeichen macht, geschieht ausser einer leichten Verdunkelung eigentlich nichts.

Im dritten Aufzug gibt es dann beim Karfreitagszauber die Projektion des Parks der Steinhofanlage, wie überhaupt sich Hermanis, wenn er offenbar nicht weiter weiß, mit Projektionen des Parsifal-Textes oder der Wagnerischen Regieanweisungen weiterhilft. Ein  Trick, der übrigens nicht wirklich neu ist, denn den hat Peter Konwitschny schon bei seiner Stuttgarter „Götterdämmerung“ für die Schlusszene gewählt. Ganz zum Schluss darf Kundry den Gral enthüllen – vielleicht die einzige wirklich orginelle Idee – um sich nachher auf „englisch“ zu verabschieden.

Das Bühnenbild zeigt collageartig zusammen gefügte Elemente von Otto Wagner-Bauten, die immer wieder variiert werden, aber trotzdem eintönig bleiben. Die Kostüme von Kristine Jurjäne sind zeitlos.

Erfreulich hingegen die Sänger, wobei als allerster Rene Pape als Gurnemanz zu nennen ist. Sein wunderbar klingender Bass war den ganzen Abend voll präsent und es blieb eigentlich kein Wunsch offen. Auch darstellerisch war er überzeugend und es war überhaupt nicht zu bemerken, dass er erst vor wenigen Tagen in die Produktion eingestiegen ist. An Nina Stemmes Kundry schieden sich in der zweiten Pause etwas die Geister. Mir persönlich hat sie gefallen, insbesonders im ersten Teil der grossen Szene mit Parsifal wo sie sehr schön auf Linie sang. In den dramatischen Momenten begann sie dann jedoch leider zu forcieren, sodass manch etwas schrille Ton zu hören war. Darstellerisch konnte sie trotz eines nicht gerade glücklich gewählten Kostüms – obwohl dies einigen Damen gefallen haben soll – durchaus überzeugen. Christopher Ventris sah in der Titelrolle sehr gut aus und war auch stimmlich – speziell auch in den heiklen Passagen des zweiten Aufzuges – überzeugend. Gerald Finley sang den Amfortas sehr schön, auch wenn man sich etwas mehr Ktaft gewünscht hätte. Jochen Schmeckenbecher war ein stimmlich guter Klingsor, dem es allerdings an Dämonie fehlte. Den übrigen Mitwirkenden gebührt ein Pauschallob. Der von Martin Schebesta einstudierte Chor sang ausgezeichnet.

Eine Enttäuschung war für mich leider Semyon Bychkov. Ich mag diesen Dirigenten an sich sehr gerne und mir haben seine bisherigen Auftritte in der Staatsoper auch gefallen, aber an diesem Abend konnte er mich überhaupt nicht überzeugen. Das lag weniger daran, dass er einen eher langsamen „Parsifal“ dirigierte (für Statistiker, der erste Aufzug dauerte 1 Stunde 50) aber er konnte das ganze nicht mit Spannung erfüllen und es fehlte komplett der große Bogen. Es gab zwar durchaus einzelne interessant musizierte Passagen, aber das addierte sich zu keinem Ganzen. Im ersten Aufzug klang alles noch durchaus annehmbar, aber im zweiten Aufzug wurde er noch langsamer und verlor noch mehr an Spannung. Im dritten Aufzug hatte man dann stellenweise das Gefühl, alles würde es zum Stillstand kommen.    

Am Ende viel Jubel für die Sänger, insbesonders Rene Pape, eine Mischung aus Bravos und Buhs für Bychkov und einen Buhorkan, wie man ihn schon länger nicht mehr gehört hat, für das Regieteam.

Heinrich Schramm-Schiessl   

 

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