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WIEN/ Staatsoper: PARSIFAL – dritte Vorstellung

06.04.2018 | Oper


Jochen Schmeckenbecher (Amfortas). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN/Staatsoper: Parsifal

Am 5.4.2018 (von Helmut Christian Mayer)

 Es ist eine nicht unbedingt eine neue Idee, wenn Alvis Hermanis Richard Wagners „Parsifal“ in einer Nervenheilanstalt ansiedelt. Zugegeben, das Bühnenbild im Jugendstil im Fin de siècle ist prachtvoll, vielleicht etwas überladen und nicht so elegant wie das Original des Spitals vom Jugendstil-Architekten Otto Wagner. Auch die Innenkuppel der Kirche am Steinhof, die sich immer wieder wie eine Art riesige Lampe in das Geschehen hinabsenkt, macht Effekt. Weniger Sinn macht in diesem Einheitsbühnenbild dann schon die Zwischenwand, die herabgesenkt als entbehrliche Projektionswand für das Opernlibretto in altdeutscher Schrift verwendet wird. Für die Konzeption des Bühnenweihfestspieles ist für den lettischen Regisseur offenbar die optische, ästhetische Wirkung des Jugendstils das Wichtigste. Denn die Gründe für die Verlegung der Erlösungsgeschichte in die Spitalsphäre bleiben bis zum Ende inhaltlich unbegründet.

Aber nicht nur das Wien der Jahrhundertwende mit dem goldenen Jugendstil haben es Hermanis angetan sondern auch die sich damals ausformende Psychoanalyse des Sigmund Freud. Vielleicht ist wegen des Erstarkens der Psychoanalye auch der Gral ein Gehirn, das hell zu leuchten beginnt und im Laufe der folgenden Akte immer mehr an Größe gewinnt.

Und dann gibt es jene Menge von szenischen Absurditäten und Ideen, die hier schon ausführlich behandelt wurden: Gurnemanz im weißen Kittel ist der Chefarzt, Gralsritter sind die Assistenzärzte, die Knappen die Pfleger und Krankenschwestern, der Chor die Patienten. Die ankommende Kundry wird gleich einmal von den Pflegern in ein Gitterbett gesperrt. Gegen Ende des Aktes wird sie mitsamt diesem Bett von Dr. Klingsor, ebenfalls ein Arzt, ein Pathologe, wie sich im zweiten Akt herausstellen wird, abgeholt und mitgenommen. Klingsor betreibt Experimente um die Toten wieder zu erwecken, mit Elektroschocks und  Schädelbohrungen. Irgendwo in diesem Gruselkabinett liegt auch Herzeleide, die Mutter von Parsifal. Im ersten Akt gibt es noch so manche Idee und Personenführung. Im zweiten und ganz besonders im letzten versiegen diese jedoch völlig und es herrscht bald lähmende Statik. Auch wird im dritten Akt die Natur nur mit einer halbherzigen, eingespielten Projektion angedeutet. Durch als dies nimmt Hermanis dem Parsifal all seinen Mythos und seine Ernsthaftigkeit. Das Spiel mit den Zeiten, Räumen und Stilen mutet letztlich nur dekorativ an.

Sängerisch ist der Abend auf hohem Niveau, wobei überwiegend mit großer Wortdeutlichkeit gesungen wird: Christopher Ventris ist ein Parsifal mit jugendlich, schlankem Tenor, dem man gerne zuhörte. Anja Kampe spielt und singt die Kundry sehr intensiv und ausdruckstark, mit kleinen Höhenproblemen. An Kwangchul Youn ist die Zeit zwar nicht spurlos vorübergegangen, er kann als Gurnemanz mit seinem warmen Bariton immer noch sehr einnehmen. Jochen Schmeckenbecher debütiert als tadelloser Amfortas, dem es jedoch etwas an gestalterischer Größe mangelt. Boaz Daniel ist ein blasser Klingsor, dem jegliche Dämonie fehlt. Ryan Speedo Green singt den Titurel stimmgewaltig aus dem Off. Die Blumenmädchen, die zuerst als zugedeckte Leichen auf Tischen liegen und dann auferstehen, singen zwar sehr lieblich, versprühen jedoch in dem schrecklichen Ambiente einer Prosektur keinerlei Erotik. Die kleineren Rollen sind alle untadelig besetzt. Der Chor der Wiener Staatsoper singt kraftvoll, markig und ausbalanciert.

Semyon Bychkov am Pult lässt die Musiker des Orchesters der Wiener Staatsoper mit ungemeiner Zärtlichkeit und feiner Dynamik spielen. Manchmal wird jedoch wegen der besonders im ersten Akt zu stark zurückgenommenen Tempi und der zu wenig aufgebauten Spannung, die Lesart etwas zäh. Er berückt aber meist mit wunderbarem Klangzauber.

Helmut Christian Mayer

 

 

 

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