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WIEN / Staatsoper: PARSIFAL – die abgewendete Katastrophe

31.03.2013 | Oper

 

WIEN / Staatsoper: 
PARSIFAL von Richard Wagner
38. Aufführung in dieser Inszenierung
Ostersonntag, 31. März 2013 

Die nochmalige Absage von Jonas Kaufmann war, im nachhinein betrachtet, mit Sicherheit die geringste Sorge, die die Wiener Staatsoper am Ostersonntag-Abend hatte. Denn nach der ersten Pause des „Parsifal“, die sich hinauszog (und in der ich den Direktor, was später unverständlich scheint, in den Pausenräumen mit Leuten plaudernd sah), kam Dominique Meyer vor den Vorhang und sprach von einem „unerwarteten Problem“. Erst meinte er, Dirigent Franz Welser-Möst habe sich verletzt, dann sprach er von einem Kreislaufkollaps und bat das Publikum um Geduld, damit man eine Lösung finden könne.

Die Chancen schienen nicht groß – wo läuft am Ostersonntag um 8 Uhr abends ein Dirigent herum, der für den 2. und 3. Akt „Parsifal“ einspringen kann? Andererseits stelle man sich vor: Das Publikum heimschicken und vermutlich auch noch die Kartenpreise zurückzahlen, da man ja keinen Ersatz anbieten könnte…  Aber das Wunder geschah und ließ nicht einmal lange auf sich warten, der ganze Abend dauerte am Ende nur eine halbe Stunde länger als vorgesehen. James Pearson, einer der acht Solokorrepetitoren des Hauses , hatte „alle Proben mitgemacht“ und war bereit, ans Pult zu gehen. Der so freundlich wirkende ältere Herr im grauen Anzug wurde als Retter stürmisch begrüßt und erwies sich tatsächlich als solcher. Akt 2 und 3 gingen nicht nur „irgendwie“ über die Bühne, sondern musikalisch durchgeplant und mit Spannung realisiert – und nun frage niemand, wozu man weltberühmte Dirigenten braucht, wenn es der Assistent fast ebenso gut kann: Erstens hat Welser-Möst geprobt und mit den Philharmonikern sein „Parsifal“-Konzept erarbeitet (und das nicht einmal zum ersten Mal, er hat schließlich schon die Abschiedsvorstellung der Ära Holender dirigiert – damals, als Domingo für die letzten Töne herbeihetzen musste, weil es für Ioan Holender nicht spektakulär genug zugehen konnte). Und nun immerhin für drei Vorstellungen geprobt, wenn auch die Tenor-Rochaden sicher für Nervenproben sorgten. Und außerdem können die Wiener Philharmoniker – wenn sie denn wollten, und an diesem Krisenabend wollten sie – Wagner einfach unfasslich schön spielen, und genau das geschah auch unter James Pearson, der eine hauseigene Medaille für eine solche Rettung erhalten müsste (auch wenn er, wie Anton Cupak im Forum schreibt – woher er es in Erfahrung gebracht hat, weiß ich nicht – ausgebildeter Dirigent ist).

Gesagt muss auch werden, dass Welser-Möst einen schier unglaublich schönen ersten Akt dirigiert hat, schon das Vorspiel war voll von impressionistischem Zauber, romantischer Beseeltheit und jener geheimnisvollen Magie, die dieses Werk Wagners durchzieht. Nur in der „Enthüllt den Gral“-Szene gab Welser-Möst in Bezug auf Wagner-Dramatik (und Lautstärke) etwas Gas, sonst war es eine Interpretation, die sich von jeglicher Bombastik frei hielt. Nie wäre man auf die Idee gekommen, dass es nicht so weitergehen würde…

Niemand von den Uneingeweihten weiß, was genau passiert ist und warum, aber natürlich liegt die Spekulation nahe: Der Generalmusikdirektor war zu fleißig. „Wozzeck“ ist ein Werk, das schon den Zuschauer, der „nur“ unten sitzen muss (und geistig auch abrücken kann, wenn es ihm zu anstrengend wird) wie erschlagen entlässt – wie muss es sein, dreimal schnell hintereinander „Wozzeck“ zu dirigieren? Und dann noch „Parsifal“ dazwischen zu schieben, als ob es nichts kostet? Auch wenn ein Dirigent in seinen frühen Fünfzigern sicher in seinen besten Jahren ist – es ist nicht nur körperliche, sondern auch emotionale  Schwerarbeit, da am Pult zu stehen. Hoffen wir, dass es „nur“ ein ganz gewöhnlicher Kreislaufkollaps ist, der jedem von uns bei diesem Wetter-Jojo passieren kann.

Der Jonas-Kaufmann-Ersatz-Parsifal hieß Christian Elsner, und man weiß ja, dass man Einspringern und „Rettern“ besonders dankbar sein muss. Auch erreichten Anton Cupak Mails von mehreren Seiten, Leute die Elsner kannten und hoch lobten. Nun, auf die Bühne kam ein Mann etwa von der Statur unseres Johan Botha, aber nun doch nicht annähernd mit seinen Mitteln. Ein Tenor mit baritonaler Mittellage, leichter und auch guter Höhe, aber für das Haus am Ring entscheidend zu kleiner Stimme (es ist die Frage, ob Welser-Möst das Orchester zurück genommen hätte, aber hier ertrank dieser Parsifal etwa unter den Blumenmädchen bis zur Unhörbarkeit). Wenn „Amfortas! Die Wunde!“ oder „Nur eine Waffe taugt“ nicht auch mit stimmlichem Nachdruck präsentiert werden, ist das einfach zu wenig, zumal Elsner (der vordringlich als Konzertsänger gilt) auch kein besonderes Darsteller-Talent ist: Da war nicht viel Gestaltung zu sehen, in die Rolle hineingekniet hat er sich jedenfalls nicht. Aber er hat auch keinesfalls sich oder dem Haus Schande gemacht, also sei er bedankt.

Noch eine halbe Enttäuschung, die besonders schmerzt, wenn man die Sängerin so sehr schätzt wie Evelyn Herlitzius: keine Brünnhilde war jünger und unternehmungslustiger als sie (2000 im Flimm-Ring in Bayreuth), keine Isolde faszinierender in der Darstellung, und auch die Färberin war (besonders in Wien, wo sie sie spielen durfte, nicht nur herumstehen wie in Salzburg) höchst beieindruckend. Aber sie hat sich (Salome, Elektra, Leonore, Turandot singt sie darüber hinaus hausauf, hausab, und in Wien wird sie in der nächsten Serie die Wozzeck-Marie sein) mit diesen Wahnsinnspartien ihre Stimme so ziemlich ruiniert. Nun kann eine Kundry im ersten Akt rau klingen (im letzten muss sie ohnedies nur noch stöhnen, schreien und „dienen“ sagen), aber wenn es an Parsifals Verführung im zweiten Akt geht, da müsste es schon verdammt schön und sinnlich klingen, und das klappt gar nicht. Unnötig zu sagen, dass sie wieder einmal als Darstellerin grenzenlos fasziniert, auch mit ihrer Bereitschaft zur „Körperlichkeit“ (den Busen zeigt sie allerdings nicht wie die Exhibitionistin Denoke, und glücklicherweise wird darauf verzichtet, dass Gurnemanz sie im dritten Akt sexuell belästigt – vielleicht könnte man nicht nur diese Ideen, sondern die ganze scheußlich Christine Mielitz-Inszenierung in ihrer provokanten Hässlichkeit abschaffen???). Die existenzielle Verzweiflung, die Kundry aus ihrer verletzten Seele und ihrem verfehlten Leben schreit, ist bei einer Darstellerin wie der Herlitzius natürlich zu erleben wie bei wenigen sonst, aber es wäre doch schön, wenn man nicht nur die trockenen Reste einer Stimme hörte. Dies in aller Bewunderung für eine große Künstlerin gesagt.

Tomasz Konieczny ist ein kluger Sänger, der sich über Stilfragen den Kopf zerbricht, und er weiß, dass man den Amfortas nicht in der offensiv-aggressiven Art eines Alberich singen kann. Sein Bemühen um die große Linie ist zu hören, aber eben noch zu hören (irgendwann wird er es verinnerlicht haben, dass es selbstverständlich kommt), hie und da stößt er noch – vor allem in der gepressten Fortissimo-Höhe – seine altbekannten Töne heraus, die er auch noch in den Griff bekommen wird.

 

Immer glänzend, zumal in dieser Inszenierung, in der er seit der Premiere 2004 immer wieder der Klingsor ist (ein wenig scheint ihm die Interpretation geradezu auf den massigen Leib geschneidert), ist Wolfgang Bankl, während Andreas Hörl als Titurel höchst bresthaft klang – auch wenn er schon bei Absterbens Amen ist, kann er noch mehr hören lassen.

So komme man zu der einzigen Leistung des Abends, die nicht nur ohne Abstriche zu würdigen, sondern tatsächlich zu bewundern ist: der Koreaner Kwangchul Youn als Gurnemanz. Erst einmal war er wortdeutlicher als alle anderen an diesem Abend (und da waren mit Ausnahme von Konieczny nur „native speakers“ auf Deutsch vertreten!), zweitens ist die Stimme wunderbar, ein satter Bass, der punktgenau zur Rolle passt, und drittens bewältigte er alle technischen Tücken geradezu souverän (man hört ja immer besonders dort hin, wo’s schwierig ist – und er wusste alles, meisterte alles). Dass man in dem blöden Kostüm, wo er aussieht wie ein Nordseefischer in seinem Ölzeug, nicht eine würdige Gurnemanz-Erscheinung sein kann, wie Hotter & Co. ihn einst erschreiten durften, versteht sich. Youn holt noch immer alles nur Mögliche aus der Rolle (und wie gesagt verweigert die blödsinnige sexuelle Belästigung im dritten Akt).

Noch angemerkt: Wenn man die Blumenmädchen von echten Protagonistinnen wie Ileana Tonca und Anita Hartig anführen lassen kann, werden sie ganz schön glanzvoll. Und zumal der Herrenchor des Hauses fährt bei Wagner stets zu Großleistungen auf.

Am Ende herrschte Jubel und Dankbarkeit. Wir würden gerne wissen, wie es Franz Welser-Möst geht.

Renate Wagner  

Vielleicht noch einige Überlegungen am Rande der Aufführung: Sagen Weltstars häufiger ab als „andere Sänger“? Und darunter versteht man den gesamten riesigen Mittelbau von Künstlern, ohne den in Hunderten und Aberhunderten Opernhäusern dieser Welt nicht allabendlich der Vorhang aufgehen könnte. Wenn einer von ihnen absagt, wird das meist nicht einmal wahrgenommen, denn abgesehen von ein paar persönlichen Fans, die jeder hat, ist es der breiten Opernöffentlichkeit herzlich wurscht, ob Dame A oder B singt. Wenn es nicht die Netrebko oder die Garanca oder die Harteros oder die Damrau ist, wird man kaum große Erregung feststellen.
Nochmals: Sagen Weltstars häufiger ab? Vermutlich nicht. Aber erstens wird es wahrgenommen, und das in einer Stadt wie Wien so sehr, dass es den Weg bis in die ORF-Nachrichten findet („Kaufmann sagt auch zweiten Parsifal ab!“). Und zweitens haben die Spitzensänger, eben durch die Beachtung, die sie genießen, mehr zu riskieren und mehr zu verlieren – sind sie schlecht, wird es breitgetreten, sind sie fast am Ende wie Villazon, wird ein wahres Zirkusstück der Medienhatz daraus. Wer möchte eigentlich ein Spitzensänger sein? (Trotz hoher Gagen und Weltruhms – man erkauft es sich teuer.)
Konkreter Anlass der Überlegung: Wie geht die Staatsoper mit so etwas um? Nicht ganz korrekt. Die Meldung, dass Jonas Kaufmann auch die zweite „Parsifal“-Vorstellung abgesagt hat, wurde Freitag Abend ausgesendet und war am Samstag in vielen Medien, Einspringer Christian Elsner stand fest (und wurde vom Pressebüro der Staatsoper auch mit einer Biographie versehen). Aber am Abendplakat des Hauses prangte der berüchtigte rosa Zettel, der Christian Elsner ankündigte, während am Plakat (und auch auf den Programmzetteln) noch Kaufmann stand, als handelte es sich um eine „Absage in letzter Minute“. Wen will man da eigentlich verschaukeln?

 

 

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