WIEN/ Staatsoper: PARSIFAL am 9.4.202
Da man hier ist, seine Gedanken zu äußern; da man aufgerufen ist zu sprechen, so will ich bemerken dürfen, daß mir dieses Werk nicht mehr viel sagt. Daß im Gegenteil mich seine im 19. Jahrhundert steckengebliebene Pseudoreligiosität abstößt; daß mich die in Teilen des Publikums immer noch vorhandene, kultische Verehrung wenig mehr als lächerlich dünkt.
Einerseits rückt die Staatsoper die Wünsche Wagners betreffend die Applausregelung in den Abendzettel, andererseits scheren sich die Verantwortlichen keinen Deut um des Komponisten ebenfalls eindeutige Regieanweisungen. Auch weiß ich mich, wenn schon nicht in guter Gesellschaft, so doch eins mit Intendanten, welche den Besuch einer Vorstellung dieses Werkes als » Prüfung « bezeichneten. Und dabei doch so glücklich waren, Kirill Serebrennikovs Überschreibung noch nicht zu kennen.
Wäre da nicht Richard Wagners Musik, kein Mensch gäbe auch nur das Schwarze unter seinen Fingernägeln für eine Ritterschaft, die — wer’s denn glauben mag — einerseits in Keuschheit lebt, andererseits so dysfunktional gezeichnet wird, daß eine schwere Wunde ihres Anführers sie nur mehr in Lethargie vor sich hinvegetieren läßt. (Dagegen erscheint einem Verdis Il trovatore glaubhaft und logisch nachvollziehbar.) — Kurzum, dieses Werk ist heute nur mehr auszuhalten, wenn eine Produktion diesen für uns Heutige eigentlich nicht mehr faßbaren, aufgepfropften Konflikt ernstnimmt und mit den besten musikalischen Kräften paart. Dem Haus am Ring gebricht es an beidem…

Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
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Thomas Prochazka/ www.dermerker.com

