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WIEN / Staatsoper: OTELLO

14.01.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
OTELLO von Giuseppe Verdi
24. Aufführung in dieser Inszenierung
13. Jänner 2012 

Das Züricher Debut von Wagner-Held Peter Seiffert in der Rolle des Othello hat nicht stattgefunden, so kam Wien in den Genuss, ihn erstmals in dieser Partie zu erleben. Man versteht, dass ein Tenor, der rund um die Welt in allen großen Wagner-Aufgaben (mit Ausnahme des Siegfried) reüssiert, sich selbst auch an anderen Herausforderungen beweisen will. Was man zu sehen und zu hören bekam, war jedenfalls höchst beeindruckend (und macht auf seinen Turridu neugierig).

Sicher, wer Tannhäuser und Tristan ist, muss sich vor dem Othello nicht fürchten, aber es gibt keine seiner Tenorpartien, in der Verdi seinem Protagonisten (von „Esultate!“ bis „O Gloria!“) Ähnliches abverlangt. Diese Rolle ist fast durchgehend auf Hochdramatik gestimmt, selbst das erste Liebesduett mit Desdemona glüht, und bald darauf setzen die psychologischen „Erregungen“ der Figur ein. Kurz, Othello ist eine Anstrengung von Anfang bis zum Ende, die man nicht merken darf. Peter Seiffert leistete Erstaunliches – mag er sich vor seinem ersten Fortissimo-Auftritt vielleicht noch gefürchtet haben (man hörte es eigentlich nicht), war es erstaunlich, mit welch stupender Sicherheit er eine Rolle bewältigte, die er schließlich erstmals auf der Bühne sang. Er kennt nicht nur alle technischen Tücken (und die sind bedeutend) und „derpackte“ (wie man in Wien sagt) sie eindrucksvoll, er erzielte auch so viel Legato, wie er seiner „deutschen“ Stimme abverlangen kann, und war in den großen Ausbrüchen bestrickend. Darüber hinaus habe ich persönlich ihn noch nie so lebendig, engagiert, ja „körperlich“ auf der Bühne erlebt wie hier, wo er seine inneren Nöte auch in einer dramatischen Bewegungssprache ausspielte. Bedenkt man, dass dies ohne Regisseur erarbeitet wurde, kann man nur sagen: Chapeau.

Seiffert hatte mit Krassimira Stoyanova eine der derzeit denkbar besten Desdemonas an seiner Seite. Obwohl nun auch schon über zwei Jahrzehnte „im Geschäft“, hat ihre helle, klare Stimme (die sich nur in der tieferen Mittellage nicht ganz wohl fühlt) ihre Schlankheit bewahrt, ein winziges Vibrato macht sie reizvoll, gehört gewissermaßen zu ihrem Timbre, die Höhen sind wohlklingend, und ihre Piano-Kultur ist schlechtweg außerordentlich. Derzeit singen ihr wenige Kolleginnen diese Rolle so nach, und zum Glück für diese Ausstattung ist sie so schlank und elegant, dass sie in den weißen Fähnchen, die man ihr hier als Kostüme zumutet, nicht lächerlich aussieht. Man will nicht daran denken, wie eine weniger zart gestaltete Dame wirken müsste…

Für den Jago bringt Franco Vassallo, auch er ein Wiener Rollendebutant an diesem Abend, einen wohl tönenden, klassischen italienischen Bariton mit, manchmal nicht gänzlich stark genug für die hier entfesselten Orchesterwogen, aber sehr gut geführt. Allerdings gestaltete er den Jago mehr stimmlich (mit vielen Nuancen und Farben) als darstellerisch, wo er eher blass blieb.

Marian Talaba als durchaus fröhlicher Cassio und Peter Jelosits als schlecht gelaunter Roderigo, Dan Paul Dumitrescu als besorgter Lodovico und die östlichen Herren (Eijiro Kai als Montano, Hiro Ijichi als  ein Herold) überzeugten mehr als die sonst so geschätzte Aura Twarowska, die ihre glücklicherweise nur wenigen Ausbrüche als Emilia nicht eben klangschön absolvierte.

In hohem Maße bemerkenswert erwies sich Dan Ettinger am Pult. Erst 40, mit weißem Schopf, sparsamen Bewegungen und dabei ein Furioso ohnegleichen entfesselnd, lieferte er einen hochdramatischen Fortissimo-Othello, der dennoch in allen Farben und Stimmungen richtig leuchtete. Immer nahm man das Orchester als Mitgestalter des Abends wahr, und abgesehen von der erhitzten, aber nie künstlich wirkenden Dramatik hat der Dirigent etwa unter Desdemona für ihre lange Szene im vierten Akt geradezu schwebend liebevoll den Klangteppich ausgerollt. Das war schon mehr als Routine-Repertoire.

P.S. Erwähnt muss werden, dass der „Weiße“ (darf man das sagen?) Peter Seiffert als „Schwarzer“ (darf man das sagen?) geschminkt war, ohne dass die entsetzlichen Rassismus-Konsequenzen bedacht wurden. Oder malen sich diese nur in besonders verschrobenen Menschenköpfen so düster aus?

P.P.S. Sieglinde Pfabigan schwört, dass auf den Abendplakaten der Vorstellung „Regie: Willy Decker“ zu lesen stand. Ich kann dazu nichts sagen, ich habe nicht darauf geachtet, relata refero. Aber ich hätte was für eine Decker-Inszenierung anstelle der Mielitz-Sinnlosigkeiten  gegeben, die einem auch diesen „Othello“ zu vergällen imstande wären…

Renate Wagner

 

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