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WIEN / Staatsoper: OTELLO

14.09.2013 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
OTELLO von Giuseppe Verdi
32. Aufführung in dieser Inszenierung
14. September 2013  

Drei große Namen, die denn auch starke Besetzungen waren, für die „Otello“-Serie der Wiener Staatsoper. „Richtige“ Wiener Debuts für den Jago von Dmitri Hvorostovsky (der diese Rolle, betrachtet man seine Auftritte seit 2008 auf der Opera Data Base, möglicherweise überhaupt zum ersten Mal gesungen hat?) und Anja Harteros als Desdemona – und beinahe eines für José Cura. Er hat den Otello vor sage und schreibe einem Dutzend Jahren (dreimal im Jänner / Februar 2001) in der alten Peter-Wood-Inszenierung hier gesungen und seither betont, dass er gerade diese Rolle in Wien wieder zeigen möchte. Nun ist es geschehen – und partiell wurde er ein Opfer der gegenwärtigen Inszenierung von Christine Mielitz, in der er jetzt erstmals auftrat.

Schon mit dem „Esultate“ (stimmlich bis zum Exzess aufgeheizt) und allen anderen Fortissimo-Ausbrüchen des Otello (und derer sind nicht wenige) erweist sich José Cura als der richtige Kraft-Sänger für diese Rolle, die einen wirklich potenten „schweren“ Tenor verlangt. Da kann er sein Höhenmetall schonungslos einsetzen. Im übrigen bändigte er seine Stimme erfolgreich, manches, wie seine beiden großen Verzweiflungsarien, gelang wirklich überzeugend. Allerdings hat er natürlich „sein“ ganz dezidiertes Timbre, an dem sich immer die Geschmäcker scheiden werden, und dass man die Rolle „geschmeidiger“ singen kann, dafür gibt es Vergleiche genug. Dennoch – ein machtvoller, kraftvoller Otello, der aber nicht zu hundertprozentiger Wirkung kam. Und dafür kann er sich wirklich bei der profillosen Mielitz-Inszenierung beschweren.

Wer Curas Wiener Otellos vor zwölf Jahren versäumt, sich aber für diese seine Rollengestaltung interessiert hat, konnte immerhin auf die DVD der Barcelona-Aufführung von 2008 zurückgreifen. War Willy Deckers Inszenierung auch sehr spartanisch, so gab sie doch den Sängerdarstellern echte Möglichkeiten, die der Wiener Inszenierung fehlen, die rund um ihr zentrales Podest absolut keine Geschichte erzählt. Otello, der große Feldherr, der „Herrscher“ der Geschichte und der Oper, der auch Beherrscher der Szene sein sollte, muss hier in gänzlich unauffälligem Gewand herumstolpern wie alle anderen auch, Zeitung lesen, sich verzweifelt an einen Vorhang klammern, seine große Arie im zweiten Akt hinter einem Gitter kauernd singen, das er selbst zugezogen hat? Nichts definiert ihn in seinem Rang und seiner Funktion, und wo die Fallhöhe fehlt, kann das Zerfallen der Persönlichkeit auch weit schwerer gezeigt werden, als wenn charakterisierende Kostüme und eine für die Handlung greifbare Szenerie die nötige Unterstützung geben. Immerhin, am Ende, wenn es zum Mord und zum Sterben kommt, dann braucht man nur die Persönlichkeit, und dass Cura die Rolle „kann“ und versteht, das hat man gewusst. Schade, dass er sie nicht so wirkungsvoll ausleben konnte, wie es in einem anderen Rahmen möglich gewesen wäre.

Einen fast idealen Jago bekam man in Gestalt des Russen Dmitri Hvorostovsky, den – und das ist weit mehr als nur eine Äußerlichkeit – seine weißen Haare schon immer unverkennbar aus allen anderen herausheben, der dadurch quasi von selbst dämonisch wirkt und diese Eigenschaft bei der Rolle des Bösewichts katexochen natürlich optimal einsetzen kann. Aber es ist nicht nur die überzeugende intrigante Pose allein, die diesen Jago so eindrucksvoll machte, sondern auch der Bariton mit hartem Kern, der solcherart vor keinerlei Schwierigkeit der Partie (und auch nicht vor dem donnernden Orchester) Angst haben musste, Kraft und Gewalt mit Ausdruck und sogar Andeutungen von Schöngesang (so weit hier von Verdi vorgesehen) verbinden konnte. Die Stimme ist in der unteren Lage herrlich dunkel, in den Höhen fast annähernd tenoral hell und changiert dazwischen teilweise faszinierend. Das „Credo“, das wahrlich eines ist (schon vom Text des großen Boito her ein Stück Philosophie), gelang so bemerkenswert, dass man sich Applaus dafür gewünscht hätte. Und im großen Duett am Ende des 2. Aktes, eines der grandiosesten, das Verdi für Bariton und Tenor geschrieben hat, wetteiferten die großen Stimmen der Interpreten kongenial miteinander (und verbeugten sich danach auch mit amikaler Geste). Wenn sich der alte Opernfreund, wenn es erlaubt ist, an den gnomartigen Aldo Protti als grimmig-idealen Jago erinnert, so zeigte Hvorostovsky jedenfalls, wie elegant man die Rolle auch darstellen kann.

Anja Harteros brachte für die Desdemona von Anfang an mehr Kraft und damit auch Höhenschärfe mit, als man von ihr erwartet hätte (ihre wunderbar tragenden Piani ausgenommen), aber sie setzte dies in die Gestaltung einer weit „lebendigeren“ Heldin um, als man sie gemeiniglich sieht. Das ist zwar im anfänglichen Liebesduett eine dahinschmelzende Liebende, aber dann eine Frau, die um ihre Unschuld und ihren Status wunderbar und überzeugend kämpft. Die immer ungemein präsente Harteros kann nicht nur ein Schicksal, sondern auch „Seele“ singen, und in der mehr als Viertelstunde, die ihr Verdi im vierten Akt allein auferlegt, erfüllt sie das mit allen stimmlichen und ausdrucksmäßigen Differenzierungskünsten.

Stark und auch schrill klagte Monika Bohinec als Emilia das Leid ihrer Herrin, mager bei Stimme war der Cassio des Marian Talaba, tapfer schlug sich der anfangs so herumgeschubste Roderigo des Jinxu Xiahou. Alexandru Moisiuc als Lodovico und Mihail Dogotari erstmals als Montano komplettierten.

Und Dan Ettinger am Dirigentenpult zeigte eine schier ausschließliche Vorliebe für Fortissimo, die den Abend beherrschte, aber auch über weite Stellen mitreißend machte. Nun ja, es ist ja ein Gewalt-Stück. Jubel für Cura, Jubel für alle.

Renate Wagner

 

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