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WIEN / Staatsoper: OTELLO

Schager geht an die Rolle des Otello "mit sportlichem Ehrgeiz" heran - hat sich gelohnt

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Nicole Car (Desdemona), Andreas Schager (Otello). Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: OTELLO

17. Aufführung in dieser Inszenierung

13. Mai 2024

Von Manfred A. Schmid

Adrian Nobles dunkel-triste Inszenierung aus dem Jahr 2019 hat nur einen Vorteil, der für sie spricht: Sie ist etwas besser als ihre Vorgängerin und bietet immerhin eine halbwegs gut bespielbare Bühne, um Verdis Meisterwerk adäquat umsetzen zu können. Für den Erfolg ist ohnehin die Besetzung der drei zentrale Rollen Otello, Jago und Desdemona das ausschlaggebende Kriterium. Die eben anlaufende Aufführungsserie kann da mit großen Namen aufwarten, die den hohen Anforderungen dieses Werks, das gesanglich enorme Vielseitigkeit abverlangt, durchwegs gewachsen sind. Nicole Car als Desdemona bewältigt die von ihr abverlangten unterschiedlichen Herangehensweisen an diese Figur souverän, singt zart lyrisch im 1., mit berührender Innigkeit im 4. Akt und wird höchst dramatisch im 3. Akt, wenn sie sich in der erschütternden Auseinandersetzung mit Otello mit wachsender Verzweiflung gegen die öffentlich gegen sie vorgebrachten Untreuevorwürfe wehrt und leidenschaftlich, wen auch vergeblich ihre Unschuld beteuert. Packend dann ihre zurückgenommene Wiedergabe des „Lieds von der Weide“ und ihr angesichts der erahnten Katastrophe atemberaubend und schicksalsergeben gesungenes „Ave Maria“ im letzten Akt. Eine Meisterleistung der Subtilität und auch darstellerisch von bezwingender Art.

Der Bariton Igor Golovatenko als Jago verfügt über eine ausdrucksstarke, schöne Stimme, die in dieser Rolle, laut Verdis Anweisung, gar nicht so sehr gefragt ist. Als Großmeister der Manipulation und Doppelzüngigkeit ist er vor allem deklamierend unterwegs, verstreut mit Bedacht die bösen Andeutungen, die Otellos Eifersucht immer mehr anstacheln und schließlich zum Explodieren bringen. Golovatenko, an der Staatsoper zuletzt im Jänner in Verdis I Vespri Siciliani zu bewundern, ist gesanglich wie auch darstellerisch beeindruckend. Energisch im Trinklied, eine schockierende Inkarnation des Bösen in seinem kraftvoll gesungenen „Credo“, und kalkulierend listig und machiavellisch brutal in seiner Verführungskunst, bietet er alles, was man von diesem komplexesten aller Shakespeare-Schurken verlangen kann. Golovatenkos Bühnenpräsenz lässt nachvollziehen, wieso Verdi und sein Librettist Arrigo Boito sogar daran gedacht hatten, ihrer Oper den Titel Jago zu geben. Alles nimmt so seinen Lauf, wie er es gewollt hatte. Er ist der Sieger, auch wenn er das mit seinem Leben bezahlt, was für einen Nihilisten seiner Art wohl gar nicht so schlimm sein dürfte.

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Igor Golovatenko (Jago), Alessandro Liberatore (Cassio)

Es ist Andreas Schager, der bei seinem Rollendebüt als Otello eindrucksvoll bestätigt, warum dieser Kriegsheld, der im Umgang mit Menschen so erbärmlich agiert, so leicht beeinflussbar ist und seine Gefühle nicht unter Kontrolle halten kann, schließlich doch zu Recht zur Titelfigur gemacht wurde. In einem Online-Merker-Interview 2018 mit Renate Wagner meinte Schager, auf Otello angesprochen, „das ist eine wunderbare Musik, und wenn es sich einmal ergibt, mache ich es vielleicht aus sportlichem Ehrgeiz…“. Sechs Jahre später ist es nun so weit, und Schager legt wirklich alles, was er zu bieten hat, in diese Darstellung und löst damit das Versprechen, mit „sportlichem Ehrgeiz“ an diese Figur heranzugehen, eindrucksvoll ein. Wohl auch, weil auch künstlerischer Ehrgeiz dazukommt. Es gelingt ihm, in den wenigen Augenblicken der Zärtlichkeit mit Desdemona, seinem heldischen Tenor lyrisch-lockere Töne eines Belcanto-Liebhabers zu entlocken, während er als gefeierter Kriegsheld, wie gewohnt, über stählern klingende Spitzentöne en masse verfügt. Die Gefühlsausbrüche entladen sich intensiv, variieren aber in Nuancen und Farbigkeit und zeigen auf, wie sich Otello nach einem Anfangsverdacht zunehmend hin zum Wahnsinn steigert und zum Spielball Jagos wird. Das Duett mit Jago am Ende des dritten Akts, beide auf Augenhöhe, ist einer der Höhepunkte des Abends, der nur von der Gestaltung der letzten Szene durch Car und Schager an Intensität übertroffen wird. Im Vergleich zum Tenorkollegen Jonas Kaufmann, der vor nicht so langer Zeit in Wien ebenfalls als Otello debütierte, hat Schager wohl die besseren Karten.

Unter den kleineren Rollen fällt der Tenor Alessandro Liberatore bei seinem Debüt als markant in Erscheinung tretender Cassio auf, auch die Mezzosopranistin Margaret Plummer, die in dieser Saison vorübergehend ins Ensemble zurückgekehrt ist, verkörpert eine Emilia, die am Ende des vierten Akts aus dem Schatten tritt und – leider zu spät – die maßgeblich Rolle ihres Mannes Jago offenbart.

Weitere rollendeckende Hausbesetzungen sind u.a. die Ensemblemitglieder Carlos Osuna (Roderigo), und Leonardo Neiva (Montano) sowie Stephano Park aus dem Opernstudio als Lodovico.

Der italienische Dirigent Giampaolo Bisanti  führt mit straffen Tempo durch die Handlung, räumt aber den wenigen lyrischen Momenten die nötige Luft zum Atmen ein und bringt die vielseitige Farbigkeit der Orchestrierung schwelgerisch zum Blühen, während zwischendurch die Holz- und Blechbläser immer wieder für feinsensible, subtile Klänge sorgen. Nicht zu vergessen der brillante, von Thomas Lang einstudierte Chor, der, um den Extrachor erweitert, schon in den ersten Minuten, im aufbrausenden Sturm  und von den Wogen gepeitscht, die Mächte angsterfüllt beschwört und erahnen lässt, dass das Ganze böse enden wird. Der Auftritt des Chors der Opernschule in Matrosenkleidern gehört zu den wenigen beschaulich-idyllischen Momenten dieser Oper, die ansonsten meist von innerer Unruhe und dunklen Machenschaften geprägt ist.

Starker Applaus, der die üblichen fünf Minuten merkwürdigerweise kaum übersteigt, obwohl das Publikum während der von Verdi durchkomponierten Oper kaum Gelegenheit für allfällige Beifallsbekundungen hatte.

 

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