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WIEN/ Staatsoper: OREST – weit besser besucht als die Premiere

11.04.2019 | Oper


Evelyn Herlitzius. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN/ Staatsoper: OREST 10.4. 2019

Der Rezensent hatte bislang alle Vorstellungen von Trojahns Orest an der Wiener Staatsoper sowie die Generalprobe besucht. Das geschieht dann, wenn er von einem Werk überzeugt ist und ihm die Umsetzung auf der Bühne im Großen und Ganzen zusagt. Zu Beginn der Oper, die man als Fortsetzung der Strauss’schen Elektra auffassen darf kann, hört man den gellenden Todesschrei von Klytämnestra und die Erinnyen, die den Muttermörder Orest mit ihrem gespenstischen „Orest“-Ruf verfolgen durch Lautsprecher eingespielt. Leitmotivähnlich koppelte Trojahn diese Frauenstimmen in einer verminderten Quint an sechs Violinen, die auf solche Weise die ihn anklagende Mutter vervielfachten. Und in den Momenten äußerster Gewissensqualen Orests hören wir immer wieder diese wehmütigen Stimmen, die Orest nicht zur Ruhe kommen lassen und ihn durch quälende Schuldgefühle aufreiben. Wie ein anklagendes Memento begleiten diese gespenstischen Orest-Rufe die Oper und leiten eine blutige  Gewaltorgie ein, in der Apollo den Mord an Helena befiehlt, und darin von Elektra noch bestärkt wird. Vor dem Mord an deren Tochter Hermione schreckt Orest jedoch zurück, erkennend, dass die Macht der Götter nur auf der Ohnmacht der Gläubigen beruht… Und Orest schreitet langsam Hermione nach auf der Sinnsuche in das Innere seiner Seele…

Gegenüber Strauss hat Trojahn den Oboen noch das selten verwendete Heckel Phon, eine Weiterentwicklung der Basset Oboe, unterlegt, sowie Bassklarinette, Kontrafagott, Kontraposaune, Alt- und Pikkoloflöte und eine ganze Batterie an Schlagwerk hinzugefügt und so zu seinem unverkennbaren, geradezu hypnotisierenden Orchestersound verdichtet.  Dirigent Michael Boder gelang es an diesem Abend erneut das Orchester der Wiener Staatsoper zu einem musikalischen Höhenflug zu führen und stellte damit aufs Neue eindrucksvoll seinen Ruf als Spezialist modernen Musiktheaters unter Beweis. Der Wagnerbariton Thomas Johannes Mayer gestaltete die Titelpartie wieder mit äußerstem körperlichem Einsatz und bewies stimmliches Durchhaltevermögen. Ihm zur Seite seine von Rachegelüsten getriebene und wie eine Furie agierende Evelyn Herlitzius, die sich stimmlich nicht schonte und in Wien schon die Elektra von Richard Strauss eindrucksvoll gestaltet hatte. Übrigens wurde ihre Rolle 2014 in der Produktion der Neuen Oper Wien noch von einem Mezzosopran (Jolene McCleland) gesungen! Und Regisseur Marco Arturo Marelli. lässt die beiden noch wie Siegmund und Sieglinde – angedeutet – den Geschlechtsakt vollziehen, worauf dann beide völlig entsetzt über das eben Vollzogene an die entgegengesetzten Bühnenränder zurückweichen. Laura Aikin mimte wieder betont lustvoll die „schöne“ Helena, um die dereinst der Trojanische Krieg entbrannte, eine Diva à la Marilyn Monroe par excellence, die bereits jeglichen Bezug zur Realität verloren hat und sich nur mehr in einstudierten Posen gefällt und dabei in allerhöchsten Tönen verwirklicht, und, nachdem sie von Orest mit einer Axt getötet wurde, schließlich ihre finale Bestimmung darin findet, von Apollo/Dionysos in den Himmel entrückt zu werden. Audrey Luna, noch gut in Erinnerung in Wien als Luftgeist Ariel in Adès „The Tempest“ trat gegenüber ihrer Mutter Helena, als deren Tochter Hermione, keinerlei Sexappeal verströmend, wie ein hausbackenes Schulmädchen in blauem Wollkostüm mit Liebestöter Strümpfen bekleidet auf. Doch das ist nur ihr äußerer Schein, nach dem ersten Zusammentreffen mit ihrer Mutter hat sie sich bereits an ihrem Äußeren gefeilt und sich der unschönen Strümpfe entledigt. Nun zeigt sie nacktes Bein und durchschaut auch die tödliche Gewaltspirale im Haus der Atriden. Ihre Rolle verlangt ihr von allen drei Damen die höchsten Töne ab, wofür sie bereits bei den Salzburger Festspielen 2016 und an der New Yorker Metropolitan Opera 2017 in der Rolle der Leticia Maynar  in Thomas Adès‘ „The Exterminating Angel“ beredtes Zeugnis ablegen konnte.

Der schwedische Tenor Daniel Johansson wurde durch in der Doppelrolle Apollo/Dionysos stimmlich stark gefordert und klang fallweise etwas angestrengt. Als Dionysos schwarz gekleidet ist er der Gott der Ekstase, ganz dem mörderischen Auftrag an Orest hingegeben, als goldgekleideter Apollo ist er demgegenüber der Zyniker, der Helena auf die Frage nach dem Grund ihrer Vergänglichkeit lächelnd antwortet, dass nur im Vergänglichen wahre Schönheit liege. Der zaudernde König Menelaos wurde von Charaktertenor Thomas Ebenstein genussvoll karikiert. In seinen Breeches, Uniformjacke und Reiterstiefeln beschwört er – vom Regisseur gewollt oder nicht – unwillkürlich Assoziationen an elitäre Regime der jüngeren Vergangenheit. Apropos Bühnenbild: erinnert uns das nicht an jenes von Herbert Schäfer für die Dalibor-Inszenierung von Torsten Fischer für den Klangbogen Wien 2004 im Theater an der Wien? Einziger Unterschied sind die sich immer wieder geheimnisvoll öffnenden Türen an der Wand bei Marco Arturo Marelli.

Das Publikum zeigte sich begeistert und gegenüber der Premiere war das Haus recht gut besucht und im Parkett nur einzelne Plätze verwaist. Die „schöne“ Helena genoss es dann auch bei ihrer Verbeugung dementsprechend rollengemäß aufzutreten. Bravi!

Harald Lacina                           

 

 

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