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WIEN/ Staatsoper: NABUCCO – oder was immer das gestern war

Wiener Staatsoper am 2.3. 2026: NABUCCO

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Abigaille-Kostüm in der Oper von Giuseppe Verdi (1813 – 1901), „Nabucco“ zuerst genannt „Nabucodonosor“ Museum der Scala

Wenn Oper zum (Über-)Lebensk(r)ampf wird

März 2026: Die Diva ist erkrankt, es muss Ersatz gesucht werden. So weit – so der Alltag in Opernhäusern. Ersatz für eine zu Recht als mörderisch bezeichnete Partie, die allerdings in letzter Zeit von hochqualifizierten Sängerinnen hervorragend interpretiert wurde: Hernández, Semenchuck, Pirozzi. Soweit überblickbar – alle derzeit in Europa, alle am 2.3. nicht engagiert.

Jänner 2026: Eine Fremde Fürstin, die mit herausgeschleuderten, zumeist haarscharf daneben gehenden Spitzentönen das Publikum mehr in Angst und Schrecken als in Leidenschaft versetzte. Ihre vergleichsweise kurzen Auftritte waren schnell vorbei, die Erinnerung brannte sich mit der Hoffnung in die Ohren, nie wieder Zeuge derartiger Misstöne werden zu müssen.

Die Fremde Fürstin war Eliška Weissová, die nunmehr für die erkrankte Diva als Abigaille engagiert wurde. Einige wohl informierte Besucher wussten bereits eine Stunde vorab, was dräuen würde und versuchten, die vornehmlich wegen der Diva erworbenen Karten an unwissende zu verkaufen. Die wohl informierte Rezensentin begab sich im vollen Bewusstsein über die Fähigkeiten der Einspringerin in und an den Ring: dies in der Hoffnung, dass der Maestro und die ansonsten sehr ansprechende Besetzung den einen oder anderen erwartbaren scharfen Ton vergessen lassen würden. So weit – so hoffnungsfroh, aber auch so falsch lag die Einschätzung.

Nach der nicht vom Intendanten selbst durchgeführten Ansage war die Bühne frei: Bald nach der außerordentlich gelungenen Ouvertüre und den ansprechenden Auftritten von Zaccaria, Ismaele und Fenena betrat die Sopranistin das Geschehen, und so zog das Unheil in dies Haus: Keine Tiefe, keine Mittellage, teilweises Fehlen ganzer Phrasen, kein Registerwechsel (woher auch?), die hohen Töne allesamt falsch und schrill mit der Lautstärke eines Presslufthammers. Und mit all dem die Furcht der Zuhörerschaft vor jedem weiteren Ton. Anfänglich in den Ensembles noch hörbar freute sich das Publikum, wenn Monica Bohinec’ Fenena – sie verfügt bekanntlich über ein durchaus nicht alltägliches, als interessant zu bezeichnendes Timbre – die Töne der Abigaille überstrahlte. Es folgte das ultimative Desaster im zweiten Akt mit der großen Szene und Arie der Abigaille: Hier hielten sich viele Zuhörer nicht mehr zurück: Gleich den Scala-Loggionisti dutzende Zwischenrufe und Buhs während der Darbietung. Gefühlt stand die Aufführung kurz vor dem Abbruch, und die Wiener Staatsoper (bzw wer auch immer von den dortigen Mitarbeitern für diesen erwartbaren Missgriff verantwortlich ist) darf Marco Armiliato auf Knien danken, dass er deren vorzeitiges Ende mit seiner souveränen sympathisch-wertschätzenden Art verhinderte, indem er einfach weiter und weiter und weiter dirigierte, ohne Pausen entstehen zu lassen, in denen das Publikum – zu Recht – nicht mehr zu halten gewesen wäre. Im Übrigen fand er auch in den sopranistinlosen Teilen immer den richtigen Ton, den Verdi-Klang, den sich der Besucher wünscht und erwartet.

Nach der gefühlt zu lange dauernden Pause verbesserte sich die Situation insoweit, als die Armada der schrillen und falschen Töne nicht mehr im fortissimo, sondern mit zurückgenommener Lautstärke über den Orchestergraben drang.

Sonderapplaus gab’s für den phantastisch disponierten Chor für sein „Va, pensiero“, Amartuvshin Enkhbat sang mit einer kaum überbietbaren Verdi-Stilsicherheit den Nabucco, „Dio di Giuda“ war der Glanzpunkt des Abends, sympathisch Alexander Vinogradov als Zaccaria, etwas glanzlos Ivan Magrì als Ismaele.

Den Solovorhang ersparte sich Weissová. Ein Opernabend war das keiner. Vielleicht eine Zirkusvorstellung, vielleicht eine traumatisierende Traumabewältigung, jedenfalls ein Abend, der in vielerlei Hinsicht zu denken gab. Wir warten auf eine Entschuldigung.

Sabine Längle

 

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