27.2.2026- „Nabucco“- Wiener Staatsoper
„Tremin gl‘insani del mio furore…“ (Abigaille, 2.Akt)

Die hängenden Gärten von Babylon
Das packende „Dramma lirico“ in vier Akten „Nabucco“ mit dem Text von Temistocle Solera war überaus eindrucksvoll an der Wiener Staatsoper zu erleben!
Giuseppe Verdis Meisterwerk, das am 9. März 1842 im „Teatro alla Scala“ in Mailand uraufgeführt wurde, bedeutete Verdis Durchbruch als Opernkomponist.
Das zentrale Element in der Inszenierung von Günter Krämer war die Sichtbarmachung hebräischer Buchstaben und Texte auf eine den gesamten Bühnenraum einnehmenden Projektionsfläche. Die zunehmende geistige Verwirrung Nabuccos zeigte sich auch optisch im Verrutschen, Verschwimmen und Sich-Auflösen dieser Texte. Die Protagonistinnen und Protagonisten agierten abwechselnd vor und hinter dieser Projektionsfläche. Für die großen Chorszenen wurde sie zumeist hochgezogen, um den gesamten Bühnenraum bespielen zu können. Dafür verantwortlich zeichneten Petra Buchholz und Manfred Voss (Bühne), für die Kostüme Falk Bauer und das Licht Manfred Voss. Günter Krämers fein ausgearbeitete Personenregie unterstrich detailliert die fesselnden Charakteristika der Sängerinnen und Sänger.
Unter der souveränen, sehr präsenten und hochmusikalischen Leitung von Marco Armiliato, der zu den wichtigsten Operndirigenten der Gegenwart zählt, präsentierte das exzellente Orchester der Wiener Staatsoper einen packenden Verdi, geprägt von mitreißender Dramatik in Verbindung mit differenziert durchgearbeiteter Italianità und typischem, grandiosem, verdianischem Impetus. Akzentuiert auch die weichen, feinnervigen „Zwischentöne“ konzentriert beachtend.
Amartuvshin Enkhbat glänzte in der Rolle des babylonischen Königs Nabucco mit wohldosierter, qualitätsvoller, intelligent eingesetzter und geführter Stimme, um das Riesenspektrum dieser anspruchsvollen Bariton-Rolle souverän und überzeugend durchziehen zu können. Seine Verwandlung vom mächtigen König, über seine geistige Verwirrung bis zu seiner Läuterung war sehr glaubhaft und gekonnt.
Mit großer Spannung wurde das Rollendebüt von Anna Netrebko in der Rolle der Abigaille an der Wiener Staatsoper erwartet.
Die Ausnahmesängerin faszinierte in dieser mörderischen Rolle und gab vollen Einsatz, sowohl stimmlich, körperlich und darstellerisch. Mit enormer Risikobereitschaft und überragender Dramatik führte sie ihre Riesenstimme von den höchsten Höhen bis in die tiefsten Tiefen. Sie vermochte es ihre Stimme vom pastosen, dramatischen Altregister, naht- und bruchlos in die feinsten, belcantesken Höhen zu führen und die Stimme, nach einem dramatischen Ausbruch umgehend zurückzunehmen, um mit den weichsten Pianissimi zu fesseln.
Bühnenberrschend verlieh Anna Netrebko der Rolle der Abigaille überragende Energie, Kraft, Intensität und Dramatik. Ein fulminantes Rollendebüt im Haus am Ring!

Rollendeckend überzeugte Ivan Magrì als Ismaele. Sein lyrischer Tenor bestach durch Durchschlagskraft, Präsenz und Verlässlichkeit.
Unverständlich waren mir die Buh-Rufe für Alexander Vinogradov in der Rolle des Zaccaria (Rollendebüt an der Wiener Staatsoper). Er führte seine Stimme fokussiert, souverän mit angemessener Durchschlagskraft. Die Farbe seiner Stimme, die eine leichte Unruhe in sich birgt, möge Geschmackssache sein, aber er brachte, meiner Meinung nach, eine überzeugende Leistung und wußte seine Rolle sowohl stimmlich als auch darstellerisch gebührend auszufüllen.
Monika Bohinec, bewährtes Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, verlieh der Rolle der Fenena Dramatik, Präsenz und Authentizität.
Sehr gut ergänzten Dan Paul Dumitrescu (Oberpriester des Baal), Lukas Schmidt (Abdallo; Rollendebüt an der Wiener Staatsoper) und Maria Zherebiateva (Anna; Rollendebüt und Mitglied des Opernstudios-Wiener Staatsoper).
Hervorragend der Chor und Extrachor (Choreinstudierung: Thomas Lang), wunderbar weich schwebend der berühmte Chor der gefangenen Hebräer „Va, pensiero, sull‘ali dorate“, das Bühnenorchester, die Opernschule, Ballettakademie und Komparserie der Wiener Staatsoper.
Eine großartige Aufführung mit hochkarätiger Besetzung auf höchstem Niveau, die zu Recht stürmisch bejubelt wurde!
Marisa Altmann-Althausen

