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WIEN/ Staatsoper: MANON von Massenet – ein Musterbeispiel tenoraler Perfektion

9.1.2026 –  Wiener Staatsoper MANON

Ein Musterbeispiel tenoraler Perfektion

Manon (Werk - Jules Massenet/Henri Meilhac) | Opera Online - Die Website  für Opernliebhaber

1884 wurde Massenets 5-aktige opéra comique in Paris uraufgeführt und stellt seit geraumer Zeit einen fixen Bestandteil im internationalen Opernrepertoire dar, obwohl sie musikalisch die Höhen seines Werther nicht (durchgängig) erreicht. Sind die Solostücke und die Duette der beiden Hauptdarsteller zumeist von großer dramatischer Dichte und reich an eingängigen Melodien, präsentieren sich die schier nicht enden wollenden Genreszenen vornehmlich in musikalischer Beliebigkeit. Diese etwas sperrige Struktur des Werkes macht eine einheitliche Interpretation und das Finden einer durchgehenden Linie schwierig, gleiten die Ensemble- und Chorszenen doch nicht selten in revue-, fast parodienhafte musikalische Nummern ab.

Die nunmehrige Aufführungsserie ist dem Alleskönner Bertrand de Billy anvertraut, der selbstverständlich und insbesondere im französischen Repertoire für seine – je nach Bedarf – luftigen oder dramatischen Interpretationen bekannt ist. Er behält dabei – wie auch an diesem Abend – das Werk in seiner Gesamtheit im Auge bzw im Taktstock, ohne sich allzu sehr in Details zu verlieren oder sich dem Herausstreichen einzelner Solostellen oder Instrumentengruppen zu verschreiben. Auch der hervorragend disponierte Staatsopernchor wird von de Billy friktionsfrei gelenkt.

Das dramatische Geschehen um die anfänglich 16-jährige lebenslustige Manon wird nach wie vor in der durchaus als Referenzinszenierung zu bezeichnenden Produktion des rumänisch-us-amerikanischen Regisseurs Andrei Șerban gegeben, die einerseits das Pariser Flair des Geschehens und andererseits die intimen Momente zwischen den beiden Protagonisten kongenial einfängt.

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Benjamin Bernheim. Foto: Youtube

Dort, wo es nichts zu kritisieren gibt, ist der Kritiker seiner Aufgabe entledigt: Dies gilt für Benjamin Bernheims Des Grieux. Stimmschönheit, Technik, Perfektion, Ausdruckskraft, Piani, Höhen, Attacke, Leidenschaft: Alles da. Kein Aber. Zunächst als schüchtern Verliebter gestaltet er nicht nur das Kennenlernen, sondern auch die intime Szene mit Manon im zweiten Akt besonders delikat und findet an dieser Stelle mit „En fermant les yeux“ einen vorläufigen, pianoreichen Höhepunkt, um dann in Saint Sulpice mit dramatischem Impetus insbesondere bei „Ah fuyez, douce image“ in den exponierten Lagen Akzente zu setzen, in denen schon Cavaradossi und Don Carlo(s) zu hören sind – eine Entwicklung und Erweiterung seines Repertoires, die dieser französische Tenorstar hoffentlich schon bald nehmen wird. Unerbittlich in der Spielszene und verzweifelt im Schlussbild beweist er mit jedem Ton, dass jede einzelne Note nur genau auf die von ihm gewählte Weise zu singen ist; dies mit einer Selbstverständlichkeit, einer Noblesse, der Eleganz des „native speakers“ und einer scheinbaren Mühelosigkeit, wie sie seit vielen Jahren in den Opernhäusern der Welt in diesem Fach nicht gehört wurde.

Neben diesem höchstkarätigen Tenor zu bestehen ist eine schier unlösbare Aufgabe: Kristina Mkhitaryan ist die ihm zugemessene Geliebte. Die russische Sopranistin war an der Staatsoper schon in einigen Rollen zu hören, von denen die Liù den stärksten Eindruck hinterließ. So scheint sie der doch teilweise recht koloraturlastigen Manon schon etwas entwachsen. Der eine oder andere hohe Ton strahlt nicht, wird teilweise nur angesteuert oder klingt hart. Mehr Gehalt haben die dramatischeren musikalischen Aspekte dieser Figur. So wird die Schlussszene mit großer Innigkeit gestaltet. In darstellerischer Hinsicht gibt sie in den ersten Akten die etwas outrierte und aufgedrehte Kokette, die zu Bernheims eher zurückhaltendem Agieren nur bedingt passt.

Die Begegnung mit dem sonor klingenden brasilianischen Bass Matheus França als Graf Des Grieux war eine durchaus erfreuliche, etwas blasser blieb Stefan Astakhov als Lescaut.

Wer tenorale Perfektion erleben möchte, sollte eine der Folgeaufführungen in den nächsten Tagen an der Wiener Staatsoper besuchen.

Sabine Längle

 

 

 

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