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WIEN/ Staatsoper: MANON von Jules Massenet – En fermant les yeux … mit geschlossenen Augen

WIEN/Staatsoper: MANON von Jules Massenet –

En fermant les yeux … mit geschlossenen Augen

17.01.2026

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Benjamin Bernheim. Foto: Metropolitan-Opera

Eigentlich sollten Zeitungskritiken nicht eine erste Vorstellung, sondern immer die letzte einer Aufführungsreihe rezensieren, da sich immer erst alles ein- und zusammenspielen muss. Erst am Ende so einer Serie an Vorstellungen kann man ernsthaft die erreichte Qualität beurteilen. Das wurde auch im Falle von Manon ersichtlich, denn viele der Sänger schienen nun zum Finale viel besser in ihren Rollen aufzugehen und wirkten in ihren Partien „angekommen.“

Bei Benjamin Bernheim kann man sich eine Steigerung wohl kaum noch vorstellen, denn er war bereits von der ersten Vorstellung an der souveräne und geradezu ideale Chevalier Des Grieux. Aber selbst der französische Superstar konnte noch einen Tick zulegen, die Stimme strömte freier und klangreicher denn je. Herrlich seine Phrasierungskunst, technisch gelang einfach alles. Was eine Besucherin zu dem Urteil „überirdisch“ verleitet hat.

Es ist aber auch so, dass an diesem überirdischen Tenor im Moment nun wirklich einfach niemand vorbeikommt. Auch abseits der großen Opernauftritte nicht. Denn die Verantwortlichen bei allen großen und kleineren Events holen sich den französischen Tenor an Bord. So sang Bernheim bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele in Paris, trat bei der Wiedereröffnung der Kathedrale Notre Dame auf, stand beim letztjährigen Concert de Paris auf der Bühne und sang dort die Marseillaise, war am letzten Tag des vergangenen Jahres der Solist beim traditionellen Berliner Silvesterkonzert, und Staatsoperndirektor Bogdan Roscic holte sich den Franzosen nicht nur für das Galakonzert im Burggarten zur Eröffnung der aktuellen Staatsopernsaison, sondern konnte ihn nun auch für Auftritte im Rahmen des künstlerischen Programms für den im Februar stattfindenden Wiener Opernball gewinnen.

Warum dieser Mann so sehr gefragt ist, machte nun sein stimmfarbenreicher und in allen Registern mühelos strahlender Des Grieux – der das Publikum der Wiener Staatsoper zu Begeisterungsstürmen hinriss – wieder nur allzu deutlich. Besonderer Höhepunkt war an diesem Abend die „Traumerzählung des Chevalier Des Grieux“, En fermant les yeux, in welcher Bernheim die Stimme hinreißend zurücknehmen konnte, und die im Piano gesungenen Spitzentöne mit schlafwandlerischer Sicherheit meisterte. Hier ist der Name der Arie Programm. Das war wirklich „zum Augen schließen“ und einfach nur zum Genießen … Für diese Traumerzählung erntete Bernheim den längsten Szenenapplaus des Abends mit vielen Bravi. Ja, sogar ein „Bravissimo“ schallte nach Verklingen des letzten Tones aus dem Publikum, was einer Adelung gleichkommt.

Eine erfreuliche Entwicklung hat in dieser Manon-Serie die Interpretin der Titelrolle gemacht. Die Stimme von Kristina Mkhytarian war zwar teilweise zu schwer für die Partie und sie hatte Mühe im Cours-la-Reine-Bild, da es ihr an der stimmlichen Leichtigkeit für die Verzierungen in der Gavotte mangelte. Dafür beeindruckte sie mit einem intensiv ausgeformten Abschied an den kleinen Tisch. Es waren wieder die Szenen im zweiten Teil des Abends die ihr stimmlich viel besser standen, auch wenn das eine akustisch deutlich reifere Manon ergab als man normalerweise zu hören bekommt. So machte ihr Sopran im dramatischen St. Sulpice-Duett mit dem Chevalier einen merklich selbstbewussteren Eindruck als so manche vokal leichtgewichtigere Manon. Ihr robuster Sopran stand im deutlichen Kontrast zu dem weichen frankophonen Ton ihres Bühnenpartners, dennoch passten die Stimmen hier gut zusammen, symbolisierten sie doch auch sehr gut den großen Unterschied ihrer Charaktere. Auf der einen Seite die oberflächliche und leichtlebige Manon, auf der anderen der tiefgründige und sensible Des Grieux.

Während in der vorangegangenen Vorstellung Dan Paul Dumitrescu die Rolle von Des Grieux‘ Vater noch mit müder und schwacher Stimme sang, präsentierte sich das langjährige Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper in der finalen Vorstellung mit deutlich kernigerer und präsenterer Stimme, was der Figur eine völlig andere Prägung verlieh. Was Tagesverfassung ausmacht.

Auch Stefan Astakhov fand als Manons Bruder nun mit ausbalancierterem Klang in die Partie hinein, nachdem er die Rolle zuvor etwas unausgewogen gesungen hatte und nur schwer in den französischen Sprachduktus zu finden schien.

Die restlos ausverkaufte Vorstellung, wieder von Bertrand de Billy routiniert geleitet, wurde beim Schlussvorhang begeistert aufgenommen, wobei Bernheim im Mittelpunkt des Jubels stand. Mit etlichen Vorhängen für die Künstler und rund 15 Minuten Schlussapplaus wurde diese letzte Manon-Vorstellung die am meisten bejubelte der ganzen Serie. Zu Recht!

Lukas Link

 

 

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