WIENER STAATSOPER: 14.3. 2026: MADAMA BUTTERFLY
Chronik eines angekündigten Selbstmords

Der 2008 viel zu früh verstorbene Brite Anthony Minghella brachte mit seiner ursprünglich für die New Yorker MET 2006 konzipierten und von der Wiener Staatsoper 2020 übernommenen Inszenierung der Tragödie einer Japanerin (Regie & Choreographie: Carolyn Choa; Bühne: Michael Levine) eine allgemeingültige, kongeniale Interpretation des Puccinischen Sponsorenwerks für Taschentuchhersteller auf die Bühne, die nicht nur mit ihren wunderschönen, poetischen Bildern, sondern auch der subtilen und treffenden Personenführung besticht, die niemals Langeweile aufkommen lässt. Kirschblüten, Lampions, Paravents, im Hintergrund Treppen, das Bühnenrund weit geöffnet, die Spiegelungen des Geschehens auf der Decke sichtbar, die Protagonisten passend und phantasievoll gekleidet (Kostüme: Han Feng), allein schon der Blick auf die Bühne stellt eine wahre Freude dar.
Marco Armiliato versteht es mit dem blendend aufspielenden Orchester der Wiener Staatsoper eine spätromantische musikalische Welt aufzubauen, die nicht nur die für Puccini so typischen voll-satten Klänge zum Leuchten bringt, sondern auch in den Konversationsszenen klare und stringente, fast kammermusikalische Worte spricht. Dazu kommt nie Kitsch auf, sondern wahre Gefühle einer beklemmenden Geschichte.Traurigkeit ist dort, wo sie angelegt ist, aber nie wehleidig. Der Genueser, der in New York bereits mit seinem Hoffmann 2024 die 500-Aufführungen-Marke überschritten hat, ist insbesondere seit der Ära Meyer auch aus dem französischen und italienischen Aufführungsgeschehen der Wiener Staatsoper nicht mehr wegzudenken, ein wahrer Glücksfall für das Haus. Erst kürzlich rettete er mit seiner Umsicht den Nabucco vor einem völligen Desaster. Mit seiner Butterfly setzt er wahrlich Maßstäbe, dies vor allem dann, wenn es um die Unerbittlichkeiten des Geschehens geht. Dem Sog, den er gegen Ende des Werkes erzeugt, kann keiner entrinnen. Mit welcher Grausamkeit Pinkteron und Kate der zutiefst verletzten Japanerin ihr Kind wegnehmen wollen, die Ratlosigkeit von Sharpless und Suzuki, die Bestimmtheit, mit der sich Cio-Cio-San in ihr Schicksal fügt – all dies findet in seiner Interpretation einen kongenialen Ausdruck.
Als Protagonisten der Hauptrollen sind die beiden Albaner Ermonela Jaho – sie ist vor allem als Sängerdarstellerin berühmt – und Saimir Pirgu zu sehen. Beide beginnen etwas enttäuschend, Pirgus Stimme verfügt über wenig Schmelz, einzig die Höhen strahlen dort und da. Jahos Stimme erscheint anfänglich etwas zu dünn, die Höhen fallweise scharf, das Volumen zu gering. So geriet das Liebesduett leidenschaftslos, das Drängen, das in Pinktertons musikalischer Linie angelegt ist, ist nicht zu spüren, eher schon die Schüchternheit des erstmalig so fatal verliebten Mädchens.
Jaho steigert sich mit der Fortdauer des Geschehens, macht deutlich, dass sie nicht verstehen will, was alle schon längst wissen, ihre große Arie wird sängerisch ihren Mitteln entsprechend zurückgenommen, aber innig gestaltet, verzweifelt auf das hoffend, von dem sie seit drei Jahren wohl ahnen muss, dass es nicht stattfinden wird. Den dritten Akt interpretiert sie herzzerreissend in Stimme und Darstellung: Auch hier gilt: Niemals zu viel, keine aufgesetzten Emotionen, das pure Leid. Fast unerträglich der Abschied vom Kind. Im dritten Akt kann Pirgu mit seinem „Addio fiorito asil“ einen schönen musikalischen Akzent setzen.
Attila Mokus als Sharpless und Stephanie Maitland als Suzuki agieren rollendeckend, aber nicht aufregend, ihre passenden Stimmen fügen sich gut ins Gesamtgeschehen. Von den Nebendarstellern fällt Andrei Maksimov als Yamadori positiv auf.
Ein tränenreicher Samstagabend, an dem nur zu hoffen bleibt, dass Cio-Cio-San einmal den Dolch nehmen wird, um nicht sich, sondern Pinkerton zu erstechen. Ein Freispruch wäre ihr sicher.
Sabine Längle

