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WIEN/ Staatsoper: MADAMA BUTTERFLY

Ekel oder Operettenfigur?

08.12.2018 | Oper

7.12.: „MADAMA BUTTERFLY“ – Ekel oder Operettenfigur?

 Bezeichnete der Wegbereiter des naturalistischen Theaters in den USA David Belasco, Autor des Schauspiels „Madame Butterfly“, Pinkerton noch als „bestia“ und der Musikverleger Giovanni Ricordi drückte sich noch drastischer aus, so mutiert durch die entschärfenden Eingriffe des Direktors der Pariser Opéra-Comique , Albert Carré,  Pinkerton zu einer bloß oberflächlichen Liebhaberfigur. Aber war das der Grund, warum an diesem Abend Andrea Carè weniger Beifall einheimste als Bongiwe Nakani als Suzuki, die u.a. im Duett mit Cio-Cio-San ihr Können bewies? Es fehlte Carè weniger im Gesanglichen, sondern an der Ausstrahlung und im Darstellerischen. Seine drängenden Emotionen („Vieni, vieni! Sei mia!“), die sich wie in einem Fieberwahn eines plötzlichen Begehrens verzehren, sein Sich-einfach-verzaubern-lassen ließen einen nicht mitreißen.  Wenn der amerikanische Offizier seinen Schmetterling beruhigen will und singt: „Die Liebe tötet nicht, sondern gibt Leben und lächelt in himmlischer Freude.“, so wirkt das für uns Zuhörer, die das Ende bereits kennen, höhnisch. Seine Vorstellung von himmlischer Freude klingt abgeschmackt. Für die Geliebte bedeutet der Himmel den Einklang mit dem Universum. „Wie viele Sterne! Ich habe sie noch nie so schön gesehen! Es zittert, es leuchtet jeder Funken …“ Auch nach hundert Jahren darf da bei Puccinis Musik noch kritisch vermerkt werden, dass in dem an sich schönen Duett am Ende des Ersten Akts das Ungleiche dieses Paars zu wenig herausgeformt wurde.

Beeindruckend um einiges früher im 1. Akt das Nahen Cio-Cio-Sans. Schon ihr erster Auftritt im begleitenden Gesang mit ihren Verwandten und Freundinnen (Leitung Martin Schebesta) begeisterte.   Ana María Martínez erweckte allein durch ihre Stimme als Emanation ihres persönlichen Wesens Sympathie und darüber hinaus Empathie, noch ohne Stimmvermögen und Technik beurteilen zu wollen. Im Laufe des Abends erfreuten wir uns dann sowohl an ihren leisen Tönen als auch an ihren leidenschaftlichen, souverän gestalteten Ausbrüchen.

Gabriel Bermúdez hat in den wenigen Aufführungen seit November 2017 als Sharpless keine nennenswerte Entwicklung gemacht, was an den physischen Grenzen seines Stimmmaterials liegen mag. Vom Orchester der Wiener Staatsoper lesen wir in letzter Zeit immer häufiger, dass es zu übertrieben lautem Musizieren verleitet wird. Der musikalischen Leitung von Jader Bignamini können wir das nicht allgemein ankreiden. Nur auf die Pauken wird zuweilen zu kräftig geschlagen und der Zorn des Onkels Bonze (Ryan Speedo Green) findet mehr im Orchester als auf der Bühne statt.

Den „Jungen Diener“ (Elektra) des Teatro alla Scala und den Josef K. (Der Prozess) der Salzburger Festspiele 2018, Michael Laurenz, hören wir als Goro. Ein neues Mitglied des Ensembles macht neugierig. Besonders interessierende  Merkmale haben wir in seiner Stimme leider nicht gefunden.

Peter Jelosits (Yamadori) und Marcus Pelz (Kaiserlicher Kommissär) haben die undankbare Aufgabe, uns ungewohntere Tonfolgen nahe zu bringen.

In den frühen Siebzigerjahren fragte Marcel Prawy eine Schar junger Mädchen beim Bühnenausgang der Wiener Volksoper, ob sie etwa die „Butterfly“ kitschig fänden, und war sichtlich glücklich ihr einstimmiges „Nein!“ zu vernehmen. Ist diese Tragödie in zwei Akten allgemein zu empfehlen? Für Frauen, die ähnliche Schicksale noch zu verarbeiten haben, ist so ein Abend nicht ratsam, weil der ursprüngliche gute Ausgang und Lichtblick fehlt.      

Lothar und Sylvia Schweitzer

 

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