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WIEN/ Staatsoper: MACBETH – Ein mörderisch gutes mordendes Königspaar

24.9.2026  MACBETH

Ein mörderisch gutes mordendes Königspaar

mac

 

Seit einigen Jahren schon wird Barrie Koskys krähenlastige Interpretation der wohl düstersten aller Verdi-Opern an der Wiener Staatsoper gespielt, die vor allem auf das Alptraumhafte des Dramas fokussiert. Die Bühne ist komplett dunkel, die Hexen sind fremde Zwitterwesen, allenthalben fliegen Krähenfedern durch die Luft, ab und zu wird ein überdimensioniertes Dyson-Föhnaufsatzteil vom Schnürboden heruntergefahren, um das Geschehen zu beleuchten. Die Krähen sind die begehrtesten Gesprächspartner des machtbewussten Than und seiner ehrgeizigen Gemahlin. Ausschließlich diese beiden Figuren stehen über die ganze Spieldauer hinweg im Zentrum der Inszenierung, sämtliche andere Protagonisten und auch der von Verdi mit so vielen vielfältigen Melodien bedachte Chor sind nur Randfiguren, die kaum von einander unterscheidbar sind. Das ist natürlich ein Konzept, das beeindrucken, aber auch gehörig schief gehen kann, weil es nur dann funktioniert, wenn zwei exzellente Sängerdarsteller zur Verfügung stehen, die sowohl in stimmlicher als auch in schauspielerischer Hinsicht das Publikum in ihren Bann ziehen können. Bei dieser Aufführungsserie kann man zwei erstklassig kongeniale Interpreten auf der Bühne agieren sehen.

Da ist zunächst einmal der Titelheld. Der Frankokanadier Étienne Dupuis ist ein gern gesehener und gehörter Gast der laufenden Intendantenära und befindet sich mit seinen Mitte/Ende Vierzig auf dem Höhepunkt seiner baritonalen Kraft. Das Timbre ist satt, aber doch weich, vermag auch in den verzweifelten Momenten genügend Schmelz zu verbreiten, die Piani sind berückend schön, die dramatischen Ausbrüche, derer es sonder Zahl bei diesem mörderischen Höllenritt gibt, gelingen mit kontrollierter Attacke. Die große Arie „Pietà, rispetto, amore“ ist ein interpretatorisches Meisterwerk, in dem alle Facetten dieses vielschichtigen Charakters, dessen Ende gekommen ist, zum Ausdruck gebracht werden.

An seiner Seite, einer der Shootingstars unter den dramatischen Sopranistinnen, Anastasia Bartoli, Intendantinnentochter, mit steil nach oben weisendem Karriereweg und einem breit gefächerten Repertoire, das von Mozart und Rossini bis hin zur Odabella und Tosca reicht. Bartolis Stimme gemahnt an eine der herausragendsten Interpretinnen der Lady, Mara Zampieri, über viele Jahre hindurch der Maßstab für alle Königsmörderanstifterinnen. Das Timbre ist glatt, gleißend und durchdringend, die Höhen, die sie beliebig auf- und abdrehen kann, völlig ohne jede Schärfe, einzig fehlt es vielleicht dort oder da in der Tiefe an Volumen, aber alles in allem hat sie die perfekte Stimme für die Lady. Ein Glücksfall. Dazu verfügt sie über eine starke Bühnenpräsenz, ist gemessen an den üblichen Besetzungsgewohnheiten fast ein wenig jung, manchmal fast mädchenhaft, aber eiskalt, bar jeglichen Mitleids. Ihren Gatten hat sie vollends im Griff – die Interaktion zwischen diesen beiden ist von Strindbergschen Ausmaßen. Schade, dass ihr die Inszenierung den Effekt ihres ersten Auftritts nimmt, bei der sie die gesprochenen Worte des von Macbeth übermittelten Briefs nicht selbst deklamieren darf, sondern sich gleich mit dem ins Publikum geschleuderten „Ambizioso spirto“ diesem vorstellt. „La luce langue“ gelingt in all seinen Facetten famos, auch das Trinklied versucht überzeugend zu retten, was angesichts des artikulierten Wahns ihres Gatten nicht mehr zu retten ist, einzig bei der Schlafwandlerszene fehlen vielleicht ein wenig leisere Töne. Bleich, dunkle Lippen, schwarzes Haar – genau so muss sie gewesen sein, die vom Bösen durchdrungene Schottin, die mitleidslos durch das Geschehen fegt.

Neben so viel Präsenz ist es für die übrigen Protagonisten nicht leicht, die ihnen musikalisch gehörenden Momente eindrücklich zu präsentieren: Alexander Vinogradov darf als Banco eine der schönsten von Verdi geschriebenen Bassarien mit warmer Stimmfarbe interpretieren und dabei durchaus Mitleid erregen, der Usbeke Najmiddin Mavlyanov, als Sergej an der Scala bei der letztjährigen Saisoneröffnung der „Lady Macbeth von Mzensk“ sehr erfolgreich, gibt als Macduff die Kostprobe seiner metallischen, gut geführten Tenorstimme beim wunschkonzerterprobten „Ah, la paterna mano“.

Weiters fallen Bo Wang als Arzt und Anna Bondarenko als Kammerfrau positiv auf, gewohnt verlässlich Carlos Osuna als Malcolm.

Erwartungsgemäß schneidet der Chor der Wiener Staatsoper mit „Patria oppressa“ ein Filetstück an Verdigesang vom Rinderrücken des italienischen Meisterwerks.

Francesco Ivan Ciampa und das Orchester der Wiener Staatsoper bereiten – dem Vernehmen nach ohne Orchesterproben – eine Verdi-Aufführung der Sonderklasse. Mit viel Schwung, Verve, aber auch Präzision beginnt der Abend spannungsgeladen, kriegerisch und düster und setzt sich bis zum Ende bruchlos dergestalt fort. Langeweile kommt nie auf.

Sabine Längle

 

 

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