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WIEN / Staatsoper: „LULU“ – eine Halb- oder Dreiviertelpremiere?

06.12.2017 | Oper

WIEN / Staatsoper: „LULU“ – eine Halb- oder Dreiviertelpremiere?

6.12. 2017 / 2. Aufführung in dieser Inszenierung

Karl Masek

Lulu  und Schön
Agneta Eichenholz, Bo Skovhus, Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die Inszenierung des Willy Decker im Bühnenraum des Wolfgang Gussmann hatte im Februar des Jahres 2000 (Direktion Joan Holender) Premiere. In der zweiaktigen Fassung, wie bereits am 16. Dezember 1968. Mehr als 30 Jahre nach der Entstehung die „beschämend späte“ Erstaufführung an der Wiener Staatsoper, wie auch der Dramaturg AndreasLáng in der Werkeinführung im Gustav Mahler-Saal zugab. Mit Karl Böhm, der allerdings gerade zweimal dirigierte, eine Herzensangelegenheit sieht anders aus! Inszenierung: Otto Schenk. Mit Anja Silja in der Titelrolle.

Dazwischen hatte sich „in Sachen Lulu“ viel getan. Friedrich Cerha befasste sich seit den sechziger Jahren mit der unvollendeten Form der Oper von Alban Berg (nach den Tragödien „Erdgeist“ und „Büchse der Pandora“ von Frank Wedekind).Cerha empfand das Fehlen des III. Aktes als überaus schmerzlich. Nach hitzigen Diskussionen mit dem Journalisten und langjährigen Dramaturgen der Wiener Staatsoper, Lothar Knessl, über die Unzulänglichkeit dieser Lösung (dokumentiert im Programmheft: „Zu meiner Arbeit am III. Akt der Oper Lulu“) gab KnesslFriedrich Cerha die Anregung, in der Universal Edition einmal nachzusehen, was es dort von Berg an hinterlassenem Material gibt.

An dieser Stelle auch einmal ein besonderes Lob für die hervorragend zusammengestellten Programmhefte des Dramaturgen-Brüderpaares „Láng Láng“ (Andreas & Oliver)!

(Das „Erinnerungsblatt“ will nicht unerwähnt lassen, dass es in der kurzen Zeit der Direktion Lorin Maazel eine „Lulu“-Inszenierung in der dreiaktigen Cerha-Fassung (fünf Jahre nach der Pariser Uraufführung 1979 unter Pierre Boulez) gegeben hat: Dirigent: Maazel; Titelrolle: Julia Migenes /  Dr.Schön & Jack the Ripper: Theo Adam / Gräfin Geschwitz: Brigitte Fassbaender / Schigolch: Hans Hotter,…)

Der Mainstream scheint in der Zwischenzeit diese Cerha-Fassung zu bevorzugen. Sie ist offensichtlich ohne Wissen der Witwe Helene Berg erfolgt und hat dementsprechend auch Widerspruch – besonders rabiat hat z.B. Gottfried von Einem reagiert! – ausgelöst. Freilich bleibt dahingestellt, wie Alban Berg selbst diesen III. Akt fertig gestellt hätte. Die Musiksprache des Friedrich Cerha ist – so scheint es mir – deutlich erkenn- und von Alban Berg unterscheidbar. Das Klangbild erscheint weicher – mitunter auch „gefälliger“ instrumentiert. Die Bläser werden anders akzentuiert. Das Klavier hat markantere Aufgaben. Die Casino-Szene (1. Szene 3. Akt) hat „Längen, gefährliche Längen!“. Da gibt es schon strapaziöse Durchhänger.

Wir sind in der besprochenen Aufführung. Die um den III. Akt ergänzte Willy Decker-Inszenierung (ursprünglich in Paris dreiaktig gewesen, für Holender dann zweiaktig belassen – nun auch für Wien ergänzt). Was beim Einheitsbühnenbild des Wolfgang Gussmann keine besondere Schwierigkeit machte. Ob Halb- oder Dreiviertel-Premiere?  Jedenfalls keine Neuinszenierung, bei der man (wie bei Elektra, bei Chowantschtschina,…) konstatieren muss: Die jeweils vorherige war eindeutig besser…

Agneta Eichenholz ist – mit Hausdebüt – die aktuelle „Lulu“. Mit dieser Rolle gelang der aus Malmö stammenden Sopranistin der internationale Durchbruch am ROH Covent Garden, London.

Ein vielseitiger Charakter, intelligent, macht aber unvorstellbar dumme Dinge, Sie ist stark, aber auch ungemein verletzlich. Sie ist Opfer, hat aber auch etwas Zerstörerisches, so Eichenholz im „Prolog“-Interview bei der Analyse der Bühnenfigur. Eichenholz spielt  keine Kindfrau, die in all die Männerfantasien hineinstolpert, sondern viel eher einebereits abgeklärte, manipulative, früh vom Leben Gezeichnete.Man denkt, sieht man ein Foto, an Louise Brooks, den Stummfilmstar, legendär durch ihre Darstellung der Lulu in G.W. Pabsts „Die Büchse der Pandora“ 1928 an der Seite von Fritz Kortner als Dr. Schön. Im Paradies wuchs der Baum der Erkenntnis. Auch der Baum des Lebens soll noch gestanden haben, aber der Baum der Liebe war damals schon umgehauen. Ein Ast von ihm ringelte sich zur Schlange, so Erich Fried in einem seiner Gedichte, als hätte er Bergs „Lulu“ mit antizipiert.

Agneta Eichenholz ist auch sängerisch eine idealtypische „Lulu“. Ganz in der Tradition der Anja Silja ist sie eine Sängerin, die Fachgrenzen zu sprengen scheint. Von dramatischen Koloratur-Tönen bis hinauf zu etlichen hohen Cs und Ds mit bewusst spitzer Tongebung, zu langen Melodiebögen sowie scharf intonierten Sprechpassagen. Sie ist auch bis in die Haarspitzen glaubwürdig in der Inszenierung mit der Leitern-Metapher des Auf- und Abstiegs des „Schönen Tiers Lulu“! Ihr Todesschrei, als sie von ‚Jack the Ripper‘ (und von der sie umgebenden Männerwelt) hingemetzelt wird, geht tatsächlich durch Mark und Bein!

Fast niemand (außer der unfassliche, zwielichtige Schigolch – ist er Lulus Vater, oder doch nicht, oder gar eine Art Zuhälter?) nennt sie „Lulu“. In der sie umgebenden Männerwelt hat sie alle anderen nur möglichen Namen: „Mignon“, „Eva“, …).

Franz Grundheber – mittlerweile 80! – verkörpert diese wunderliche Altersrolle berührend, lakonisch, mit hintergründigem Witz. Und schöner, intakter Stimme!  Mit all seiner Erfahrung, gerade auch in Sachen Alban Berg. War er doch in etlichen Inszenierungen ein atemberaubender ‚Wozzeck‘ – und in der zweiaktigen Fassung Deckers auch in Wien der ‚Dr. Schön‘. Von 2006 bis 2010 überdies ein großartiger ‚Moses‘ in Schönbergs Oper „Moses und Aron“. Wie schön, ihn nochmal im Haus am Ring begrüßen zu dürfen!

Höchstrangig auch die Ensemble-Leistung.Bo Skovhus als ‚Dr. Schön‘in einer weiteren Charakterrolle der so genannten ‚Moderne‘. Er beglaubigt sowohl den Mäzen, der Lulu auf der Straße aufgelesen, ihre Erziehung finanziert hat, den Liebhaber, den doppeldeutig-zwielichtigenMoralisten mit Anfällen von Eifersucht und Verfolgungswahn (der von „Eva“ umgebracht wird!) – und auch den unheimlichen Lustmörder Jack the Ripper in der Spiegelung des III. Aktes, wenn die Opfer zu Tätern, die Täter zu Opfern werden. Eine grandiose singdarstellerische Psychostudie!

Herbert Lippert ist mit jeder Faser ‚Alwa‘, der weltfremde Komponist,Tenor-und Sohn des Dr. Schön. Dass er – an Lebensalter – älter ist als sein „Bühnenvater“: An diesem Abend (Theatermagie!) ist das kaum erkennbar. Mit seinem grellen, höhensicheren Tenor erklimmt er in den Momenten des ‚Zunehmend-den Verstand-Verlierens‘ die musikalische Eiger-Nordwand!

Markant auch der unglückliche ‚Maler‘ Jörg Schneider, mit lyrisch-verzweifelten Sehnsuchts-Tönen – in der Spiegelung als „Neger“ mit aller Geilheit des Vergewaltigers. Da nahm auch sein Tenor furchterregende Farbe an. In heutigen #metoo-Zeiten mit besonderer Aufmerksamkeit registriert.

Wolfgang Bankl war mit lustvoller Bühnenpräsenz der ‚Tierbändiger‘ und mit monströser Vulgarität der großmäulige, schleimige, erpresserische ‚Athlet‘.

Schließlich Angela Denoke als ‚Gräfin Geschwitz‘: Ihre Stimme hat herbstliche Farbe angenommen. Der unglücklich (lesbisch) Liebenden ist der letzte Satz der Oper anvertraut: „Lulu, mein Engel, lass dich noch einmal sehn…“ Mit introvertierter Intensität lässt sie gleichwohl den Atem anhalten. Eine große Tragödin singt…

Pauschallob an alle anderen. Stellvertretend seien genannt: Ilseyar Khayrullova (Gymnasiast/Groom), Carlos Osuna (Der Prinz/Kammerdiener/Marquis).

Ingo Metzmacher leitete die Aufführung souverän, inspiriert. Die orchestralen Zwischenspiele waren Höhepunkte des Abends. Das Orchester der Wiener Staatsoper glänzte mit philharmonischem Edelklang. Mitunter „mahlerte“ es betörend. Alle Hände voll zu tun hatte aber auch der ‚Maestro Suggeritore‘: Andreas Abegg. Applaus auch ihm!

Große Anerkennung durch das Publikum! Allerdings: Kassenschlager ist „Lulu“ weiterhin nicht! Die „2. Aufführung in dieser Inszenierung“ war nicht annähernd ausverkauft. Und die Reihen waren vor Beginn des III. Aktes bedenklich gelichtet …

Karl Masek

 

 

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