Wiener Staatsoper: 7.2. 2026 Premiere LUISA MILLER

Wenn der Regisseur Opern hasst
Philipp Grigorian, russischer Theaterregisseur, mit Referenzen aus Wuppertal und Gießen, wurde an die Wiener Staatsoper engagiert, um die an diesem Haus zuletzt im Jahre 1990 aufgeführte Luisa Miller nach Schillers „Kabale und Liebe“ neu zu inszenieren. Das Ergebnis: Ein sinnbefreites Augenkrankheiten verursachendes Desaster, natürlich „nur“ zweitplatziert im Ranking der missglückten Inszenierungen dieser Intendanz nach dem unschlagbaren Don Carlo, ähnlich erfreulich wie Tristan und Lohengrin. Er versteht Verdis 1849 uraufgeführtes Melodramma tragico offensichtlich als Parodie und lässt kein Klischee aus, das der gemeine Bürger gemeinhin mit „Oper“ assoziiert: So treiben rüstungsgestählte Recken ebenso ihr Unwesen wie eine Armada von Balletteusen, die – je nach Stimmung – Luisas Innenleben zu verdeutlichen scheinen. Besonders armselig kommt der Tenor daher: Zuerst in rot-gelb als Lieferando-Bote eingekleidet, darf er mit Fortdauer des Stückes zusehends mehr und mehr mit einer weissen Ritterklamaukrüstung inklusive Federbusch verschmelzen – nicht einmal diese Idee ist neu, wenn man an Castelluccis Salzburger Festspiel-Ottavio denkt –, um sich zwischendurch beleidigt patientengleich in sein Krankenhausbett angetan mit einem Oma-Nachthemd zurückzuziehen. Der Standesunterschied zwischen den Liebenden wird bei Grigorian dadurch verdeutlicht, dass Luisa eine Fabriksarbeiterin ist, Graf von Walter hingegen ein Industrieller/Oligarch im Renaissancefürstenoutfit, in dessen Sauna-Machtzentrum sich nicht nur Ritter, sondern auch – wie originell – leichtbekleidete Damen tummeln, die mit Birkenruten Banja-Rituale vollziehen. Wurm, in leuchtend blauem Anzug, ist ein übler Bürokrat, während Miller nahezu drei Akte durchgehend auf einer kombinierten Straßenbahn/Autobus-Haltestellenbank in der Kälte (?) sitzt und wartet. Aber es kommt nix. Federica ist eine plastikrosa Walküre mit Arztköfferchen, während Luisa praktikable Arbeitshosenkleidung trägt und manchmal auf einer fiktiven Baustelle gen den Schnürboden gezogen wird. Die letzte Szene zeigt die gedoppelte Haltestelle als rosa Kitschorgie – selbstverständlich darf Rudolfo seinen Degen in den Mistkübel stecken. Allenthalben hüpft ein – zugegeben – sehr süßes Bärchen über die Bühne, zumeist um Luisa und/oder Rudolfo Trost zu spenden: Versatzstücke aus ein paar Jahrhunderten Opern- und Theatergeschichte – ohne erkennbare Zusammenhänge willkürlich aneinandergefügt, immer eine Persiflage zeigend: Die einzig erkennbare Nachricht ans Publikum ist: Wie armselig seid ihr, dass ihr dieser unmodernen Kunstgattung irgendetwas abgewinnen könnt?
Neben all diesen Ärgernissen würde die Musik untergehen, wenn man nicht in Michele Mariotti – er wurde gerade eben als Musikdirektor der römischen Oper verlängert – einen unglaublich begabten und hingebungsvollen Meister seines Fachs gefunden hätte, der aus jeder noch so kleinen Melodie bis hin zu den großen Ensembles wahre Kunstwerke schafft. Kurz vor der „trilogia popolare“ erstaufgeführt sind allenthalben Anklänge an diese und das nach dieser folgende Schaffen zu hören. Die in Verdis Œuvre so wichtige Vater-Tochter-Beziehung findet auch hier insbesondere im großartig interpretierten Duett des dritten Aktes einen bedeutenden Eckpfeiler. Die Kommunikation zwischen dem seelenvoll spielenden Orchester, den Solisten und dem in diesem Werk durchaus wichtigen, bestens einstudierten Chor klappt hervorragend.
Ein Glücksfall ist Nadine Sierra als Luisa: Eine der schönsten lyrischen Sopranstimmen unserer Zeit, ausgestattet mit Wohlklang und Innigkeit, anfangs noch verspielt in den Koloraturen findet sie im zweiten Akt in ihrer Doppelarie („Tu puniscimi, o Signore“, „A brani, a brani, o perfido“) zu überraschender Dramatik, um im dritten Akt in den Duetten mit Miller und Rudolfo mit Herzenswärme und stimmlichen Honigtönen zu punkten.
Ihr zur Seite der an allen großen Häusern engagierte Freddie de Tommaso, dem eine ernsthafte Interpretation des Rudolfo regiebedingt nicht gestattet wird. Seine Stimme ist weit mehr spinto als lirico, dem Grafensohn ist er längst entwachsen, sein piano heißt mezzoforte. Mit „Quando le sere al placido“ ist ihm der größte Hit dieser Oper vergönnt – diesen interpretiert er mehr als ordentlich, wenn seine Stimme auch nicht sehr viele Farben ihr eigen nennt. Die Höhen sitzen alle perfekt.
Immer eine Bass-Bank ist Roberto Tagliavini – auch sein Walter kennt viele schöne Kantilenen, das Timbre ist rund und wohlklingend – ein besonderes Highlight des Abends das Duett mit Wurm „Egli delira“ im zweiten Akt, letzterer vom kroatischen Bass Marko Mimica rollendeckend interpretiert.
Ein wenig hinter den Erwartungen blieb der Miller von George Petean – gern gesehener Gast an der Wiener Staatsoper –, der anfangs noch etwas mit Höhen und Stimmvolumen hadert, aber im Laufe des Abends immer mehr zu seiner gewohnten Form aufläuft.
Sehr metallisch-guttural klingt die Federica von Daria Sushkova, das portugisiesche Ensemblemitglied Teresa Sales Rebordão lässt als Laura akustisch aufhorchen.
Fazit der Abends: Niemand, der Oper lächerlich findet, soll Oper inszenieren.
Sabine Längle

