Wiener Staatsoper: 3.11.2026 „L’ORFEO“

Foto: Kurt Vlach
Kann eine Monteverdi-Oper an der Wiener Staatsoper, die im Prinzip zu groß für diese „Favola in Musica“ ist, funktionieren? Die Antwort ist eindeutig „JA“ – und diese Produktion ist meines Erachtens die stimmigste und schönste, die wir aktuell in Wien haben.
Die Inszenierung von Tom Morris ist farbenfroh, erinnert teilweise an die Verfilmung von „A Midsummer’s Night Dream“ von Michael Hoffman aus dem Jahre 1999, dann wieder, besonders bei den Tanzszenen zu Beginn und zu Ende der Aufführung an Zeffirelli’s „Romeo and Juliet“. Speziell hervorzuheben ist auch die Choreographie und Bewegungsregie von Jane Gibson & Callum Haste. Jede einzelne Figur auf der Bühne hat eine Aufgabe, der Chor steht nicht nur herum, sondern auch die Personen im Hintergrund interagieren miteinander (das ist einer der Vorteile, wenn man das Geschehen von der Galerie aus betrachten kann). Das Bühnenbild und die Kostüme von Anna Fleischle tragen zu einem wirklich stimmigen Seherlebnis bei. (Ich freue mich immer, wenn ein Produktionsteam von der Insel kommt – da kann man fast sicher sein, dass man das Stück so sieht, wie es ursprünglich konzipiert wurde, ohne dass zu viele Veränderungen vorgenommen werden).
„L’Orfeo“ wurde vor 419 Jahren erstmals aufgeführt – und ich fand es interessant, dass Librettist Allesandro Striggio an und ab auch Bezug auf Dante Alighieri’s „Divina Commedia“ genommen hatte (sinngemäß – der Gesang von Orpheus erfreut sogar die Bewohner des „Inferno“. Ebenso fiel mir auf, dass die Länge des Abends mit zwei Stunden um rund 25 Minuten länger war als die der Aufführung derselben Oper in Barcelona unter Jordi Savall. Aus welchem Grund bei Prolog nicht italienisch, sondern abwechselnd deutsch und englisch gesungen wurde kann ich noch immer nicht nachvollziehen. Auch, dass nach der Pause noch einmal der Beginn der Reise von Orfeo in die Hölle erzählt wurde, erinnerte mehr an Netflix-Serien (.. was in der vorherigen Folge geschah) und störte ein wenig.
Während man sich vor Jahren das Concentus Musicus ohne Nikolaus und/oder Alice Harnoncourt kaum vorstellen konnte, so hat Stefan Gottfried das Ensemble ohne irgendeinen Qualitätsverlust übernommen und führt es ganz im Sinner der Gründer fort. Das Concentus ist unbestreitbar eines der absolut besten und kompetensten Orchester für frühe Musik bis hin ins späte 18.Jahrhundert. Auch an diesem Abend – wie auch letzte Woche, als ich auch anwesend war – erhielten die Musiker und der Dirigent den allergrößten Applaus (was, wenn man bedenkt, dass die Villazon-Fangirls auch in Scharen anwesend waren, nicht so einfach war).
Nun, Rolando Villazón ist seit jetzt schon fast 25 Jahren ein Künstler, an dem sich die Geister scheiden. Außer Frage steht, dass er eine unheimlich positive Ausstrahlung hat, sich zu 100% in seinen diversen Rollen verliert und es ihm auch gelingt, die Künstler rund um sich mitzureißen. Ich war seinerzeit bei seinem Staatsoperndebüt als Romeó im März 2005 dabei, dann erlebte ich ihn als Nemorino, Hoffman Duca, Rodolfo, Chevalier und Pelléas – und leider muss ich sagen, dass seine Stimme über die Jahre sehr gelitten hat. Baritonal war er immer schon angehaucht – und er sang immer zu viel mit zu viel Druck. Er gab immer alles und hat mehr mit Emotion als mit Technik (im Unterschied zu Juan Diego Flórez) überzeugt. Zurück zur gestrigen Vorstellung, wo er gefühlsmäßig besser als noch letzte Woche disponiert war (vielleicht war das auch der Anwesenheit Placido Domingos im Publikum geschuldet?). Wieder einmal sang er mit zu viel Druck und phasenweise schlich sich auch ein Vibrato ein. Feinheiten konnte man kaum raushören. Aber naturgemäß wurde er sehr bejubelt – und ja, man(n) verzeiht Rolando Villazón viel…
Wolfgang Bankl war, wie auch bei der Premiere, ein verlässlicher Caronte, ohne hinübertäuschen zu können, dass er teilweise bei den sehr tiefen Tönen an die Grenzen seines aktuellen Stimmumfangs gehen musste. Sehr erfreulich empfand ich meine ersten Begegnungen mit Matheus Franca, der einen voll- und wohltönenden Plutone darstellte.
Positiv fiel mir Iurii Iushkevich (in einer Doppelrolle, wie auch viele andere Mitwirkende) als „Junge“ und „Geist“ auf. Maximilian Müller, Artem Paches und Priya Pariyachart in kleineren, aber wichtigen Rollen, trugen das Ihre dazu, damit der Abend ein großer Erfolg wurde.
Schlussendlich noch ein paar Worte zu Hirsohi Amako. Auch er in mehreren Rollen tätig (Apollo, Zelebrant), hat sich seit seinen Anfängen in Wien (er war ja von 2020 bis 2022 im Opernstudio, bevor er zu einem Ensemblemitglied wurde) stetig gesteigert und man kann auf seine weitere Entwicklung gespannt sein.
An diesem Abend trat Anna Bondarenko als Euridice auf und machte ihre Sache gut. An diesem Abend hat die Euridice hauptsächlich tot zu sein – aber gesanglich und schauspielerisch war da nichts auszusetzen.
Viel Zuspruch erhielten Margaret Plummer (Botin, Proserpina) und Nadezhda Karyazina (Musik/Hoffnung/Echo), die für mich von allen Sängerinnen und Sängern den besten Eindruck machte.
Ein Pauschallob für die Chorakademie der Wiener Staatsoper, der Jugendkompanie der Ballettakademie der Wiener Staatsoper und last but not least der Chorakademie der Wiener Staatsoper, die diesen tollen Abend abrundeten.

Foto: Kurt Vlach
Ich hoffe, dass auch in den kommenden Spielzeiten diese Produktion auf dem Spielplan steht – L’Orfeo ist nicht nur ein Meisterwerk von Monteverdi, aber auch eine vorbildhafte Produktion. Die Oper war bis auf den letzten Stehplatz voll – und im Gegensatz zu vielen Vorstellungen, die ich in letzte Zeit besuchte, blieb es auch nach der Pause so.
Kurt Vlach

