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WIEN/ Staatsoper: LOHENGRIN zum Saisonabschluss

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Klaus Florian Vogt, Sara Jakubiak. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Wiener Staatsoper am 30.6.2021: LOHENGRIN zum Saisonabschluss

Eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Saison ging zu Ende, und aus diesem Anlass lud die „Wirtin zum Schwan“ bereits zum 29. Mal in das von Wolfgang Gussmann gestaltete alpenländische Gasthaus, wo die ehemaligen und aktuellen ersten Familien der Gegend nach Vorgabe von Andreas Homoki darüber diskutierten, ob es nun ein Glück gibt oder nicht. Die aktuelle, viel gescholtene Produktion ist sicher keines, wenn der Rezensent auch der (von den meisten Kollegen nicht geteilten) Meinung ist, dass diese Deutung der Wagner’schen Sage vom Schwanenritter vor dem Hintergrund des abergläubisch-feindselig-engstirnig-dörflichen Milieus das Zeug zum großen Wurf gehabt hätte. Wenn – ja, wenn man nicht so vieles nicht zu Ende gedacht und so manchen plumpen Fehler gemacht hätte.

Das musikalische Vergnügen musste man sich aber an diesem Abend zum Glück nicht von den szenischen Eskapaden verderben lassen. Denn das Orchester und das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper verabschiedeten sich unter der Leitung von Cornelius Meister in die Sommerpause, indem sie die ganze klangliche Pracht, die ihnen zur Verfügung steht, mal fein, mal üppig entfalteten. Der Stuttgarter Generalmusikdirektor legte seine Schwerpunkte eindeutig auf letztere, mag sein, dass er einfach die sängerische Potenz ausreizen wollte, die ihm von der Bühne her zur Verfügung stand.

Was die Gestaltung der Titelrolle betrifft, so mag man ja subjektiv eher den „Schmelz“ eines Beczała bevorzugen oder die verhangene Schwermut eines Kaufmann: dass aber Klaus Florian Vogt sozusagen geradezu auf die Welt gekommen ist, um den Lohengrin zu singen und zu verkörpern, wird man objektiv nicht bestreiten können. Dabei legt gerade seine lineare Tongebung die kleinsten Irritationen der Intonation offen – aber gerade dieser helle, klare Ton lässt ihn als ein Wesen aus einer anderen (nicht zu vergessen: an sich der Keuschheit verschriebenen) Welt erscheinen. Imposant sind auch seine Kraftreserven, die er im dramatischen Ausbruch freisetzt; und beim Fermate auf der „Taube“ in der Gralserzählung muss der Zuhörer achtsam sein, dass er nicht selbst vor Entrückung auf das Atmen vergisst.

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Johan Reuter, Tanja Ariane Baumgartner. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Eine recht selbstbewusste Elsa gestaltet Sara Jakubiak – eine Interpretation, die ihre Wirkung erst im Laufe des Geschehens entfaltet. Ihre (höhensichere) Stimme sitzt relativ weit hinten, klingt über weite Strecken kehlig und entfaltet sich daher vor allem, wo sie kräftig „aufdrehen“ kann. Textverständlichkeit ist ihre Sache leider gar nicht. Diesbezüglich könnte sie sich an Kwangchul Youn ein Beispiel nehmen, dessen völlig akzentfreies Deutsch nicht den geringsten Hinweis auf seine koreanische Herkunft gibt, und der mit voluminösem Bass einen stattlichen König Heinrich darstellt. Johan Reuter hat als Telramund kleine Anlaufschwierigkeiten, überzeugt aber ab dem ersten Bild des zweiten Aufzugs durch angriffiges Spiel und eine in allen Lagen souveräne Bewältigung dieser reichlich undankbaren Partie. Tanja Ariane Baumgartners Ortrud hinterlässt vermutlich nach Vogts Lohengrin den stärksten Eindruck des Abends: endlich wieder einmal eine homogene dramatische Stimme, die im rechten Moment genussvoll attackieren kann und dennoch auch über ein tragendes Piano verfügt. Ein wenig wurde ihr die bei Wagner auch andernorts vorhandene lange Pause vom Ende des zweiten Aufzugs bis zum alles enthüllenden Ausbruch im Finale zum Verhängnis: da hätte man sich nach der fulminanten bisherigen Leistung mehr Substanz und weniger bloße Schärfe erwartet. Adrian Eröd ist mit seinem hellen Bariton kein sehr martialischer Heerrufer, womit er sich ins aktuelle Konzept aber hervorragend einfügt, demgemäß er ja ohnehin so etwas wie einen gerichtlichen Exekutionsbeamten vorstellen soll. Ausdrücklich unter den Hauptpersonen zu nennen ist der hervorragende, von Thomas Lang einstudierte Chor (samt Extrachor), dem in diesem Werk bekanntlich eine tragende Aufgabe zukommt, die er wirklich in imposanter Weise erfüllt hat.

Valentino Hribernig-Körber

 

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