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WIEN / Staatsoper: L’ITALIANA IN ALGERI

10.01.2013 | Oper

WIEN / Staatsoper:
L’ITALIANA  IN  ALGERI  von Gioachino Rossini
83. Aufführung in dieser Inszenierung
10. Jänner 2013

Die Krankheitswelle, die die erste Aufführung dieser jüngsten „Italiana“-Serie der Staatsoper beeinträchtigt hat, war bei der zweiten Vorstellung wunderbar vorbei. Vor allem Ferruccio Furlanetto war wieder da, und es ist nicht nur immer wieder ein Spaß mitanzusehen, wie sehr er – der von Boris bis Philipp so tödlich tragisch sein kann – sich hier einer geradezu entfesselten Heiterkeit hingibt. Dieser dümmliche Bey Mustafà verfügt über alle die Selbstironie, die auch in Rossinis Musik perlt. Und das bereitet besonderes Vergnügen, weil man immer wieder feststellt, wie geschmeidig dieser große schöne Bass ist, der hoch hinauf und tief hinunter gehen kann, der an der Schwierigkeit von Rossinis Leichtigkeit nie scheitert. So sehr man dem jungen Plachetka seine offenbar prächtig genützte Einspringer-Chance gönnt, er hat noch die Zukunft vor sich – dass Furlanetto in der Gegenwart die Erfüllung der Rolle ist, konnte man wieder einmal genießen.

Der Fall Agnes Baltsa liegt anders, wenngleich sie einige positive Überraschungen bereitete. Vor allem hatten Maskenbildner, Friseure und Garderobieren – nicht zuletzt mit Hilfe der wunderbaren Kostüme von Jean Pierre Ponnelle – ihre Aufgabe erfüllt. Im Fall von Rossini heißt das, eine Dame optimal aussehen zu lassen, so dass die Baltsa ihres Alters, das man schließlich im Internet nachlesen kann, locker spottete. Und die Souveränität und Laune, mit der sie als italienische Dame Isabella alle Herren des Abends an der Nase vorführte, ist auch eine reife Leistung. Was die Stimme betrifft, so hat man von ihr ja in vielen Klytämnestren oft nur Sprechstimmen-Brocken gehört. Irgendwie hat sie es für Rossini geschafft, zumindest ihre Register so zusammen zu binden, dass sie ihr nicht schmerzlich auseinanderbrachen – kurz, die Rolle samt ihren Koloraturen wurde zwar nicht makellos oder brillant, aber so weit entsprechend gesungen. Dennoch sollte sie es vielleicht doch nicht wieder tun, denn ihr Timbre ist verloren, ihre Klangqualität ist weg und nicht mehr herzustellen: Was man hört, klingt milde gesagt nicht schön, offen gesagt wie Quaken, es ist eigentlich ein Trauerspiel für sensible Ohren. Die Agnes Baltsa von heute zerstört die Erinnerung an das, was einst ein ganz großer Stern am Opernhimmel war: die wunderbare Agnes Baltsa von gestern. Ob der Applaus des Publikums der heutigen oder der gestrigen Baltsa galt – wer weiß es? Ihre Fans am Stehplatz haben jedenfalls ausgelassen, da war es noch leerer als beim „Rosenkavalier“ am Tag davor.

Was Antonino Siragusa betrifft, so liegt die Sache ähnlich wie bei José Bros, den man kürzlich mit der Gruberova hörte: Beide Herren haben die extrem hellen, „weißen“ Stimmen für das italienische Belcantofach, freilich nicht die Eleganz, die sie zu ersten Vertretern dieses Genres machen würde, und schon gar nicht das Timbre: In beiden Fällen beeinträchtigt nasales Pressen stets den Hörgenuss, auch wenn sie die hohen Töne meist in geforderter Form treffen.

Wenn bei Alfred Šramek nach 37 treuen Jahren an der Staatsoper (und solcherart gern als „Urgestein“ bezeichnet) die Stimme langsam bröckelt, so macht das bei den Rollen, die er spielt, gar nichts aus, und Quietscher und Krächzer werden da bewusst und lustvoll in die komische Onkel-Figur eingebaut. Zusammen mit Furlanetto am Blödel-Trip – das hatte schon etwas.

Alessio Arduini zeigte, dass der Diener Haly eine Rolle ist, mit der man stimmlich durchaus auf sich aufmerksam machen kann. Gleiches versuchten die Damen Ileana Tonca (Elvira) und Rachel Frenkel (Zulma), aber zu ihnen war Rossini im Vergleich zur titelgebenden Italienerin eben nicht sonderlich spendierfreudig.

Noch drei wichtige Elemente für das Gelingen des Abends: die nach wie vor bildschöne und brillant-ironische Inszenierung (plus Ausstattung) des unvergessenen Jean Pierre Ponnelle, der Staatsopernchor, der hier extrem gefordert wird (stimmlich, in der „Choreographie“ und in drolligen „Verkleidungen“) und Dirigent Jesús López-Cobos. Rossini ist ja doch in erster Linie das federnde Atmen der Musik, das elastische Zusammenbinden von Orchester und Sängern (und wie schwer das hier ist, darf man nicht merken) – wer das zu erzeugen und zu vermitteln vermag, hat schon gewonnen. Da freut man sich so richtig, dass er die „Cenerentola“-Premiere leiten wird.

Renate Wagner

 

 

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