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WIEN/ Staatsoper: L’INCORONAZIONE DI POPPEA – Vorstellung vom 11.10

Wiener Staatsoper „L’incoronazione di Poppea“, Aufführung vom 11.10.2021

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Kate Lindsey, Angelo Pollak. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Die mit den Salzburger Festspielen koproduzierte „L’incoronazione di Poppea“ hatte erst im letzten Mai an der Wiener Staatsoper Premiere. Es war die erste Premiere nach dem Lockdown und mit ihrer optisch deutlich wahrnehmbaren Sinnenfreude konnte man sie als Sinnbild für überwundene Plagen verstehen – und als Ausblick auf bessere, seuchenbesiegte Zeiten.

Auch die insgesamt achte Vorstellung dieser Produktion beherrschte szenisch gute drei Stunden lang ein „Odeur tänzerischer Halb-Nacktheit“, das wie ein Hintergrundrauschen den Fortgang der Handlung begleitete. Dazwischen, davor, inmitten tätigten die Hauptfiguren ihre Auftritte. Und im Mittelpunkt der offenen Bühne drehte sich unablässig ein Tänzer oder eine Tänzerin, ein kleiner „Körperdynamo“, bei dem mir aber nicht klar war, wohin er seinen „Strom“ lieferte. Die Inszenierung von Jan Lauwers und seiner Needcompany wird vom Eros regiert. Der Vorteil dieser Sicht der Dinge ist, dass sie eigentlich nie falsch sein kann.

Bezogen auf „L’incoronazione di Poppea“ handelt es sich allerdings um eine etwas „einfältige“ und – hochgerechnet auf die Aufführungsdauer – ermüdende Sicht der Dinge. Spielt im „Welttheater“ der „Poppea“ nicht auch Politik eine große Rolle? Ihre ausgewogene Vernuftbegründetheit wird mit Seneca in den Selbstmord geschickt. Der Dialog zwischen Nero und Seneca im ersten Akt formuliert einige politische Wahrheiten, die nicht von der Hand zu weisen sind. Nero will davon nichts hören, er stellt sich über seinen Ratgeber – und solange die Oper dauert, gibt ihm die Geschichte recht. Diese Ebene stärker Herauszuarbeiten lag offenbar nicht im Sinne des Regisseurs und requisitenscheuenden Bühnenbildners Jan Lauwers, dem Lemm & Barkey mit den Kostümen für die Hauptdarsteller eine optische Abrundung angedeihen ließ.

Immerhin bietet die Produktion viel schöne Musik und Gesang – so man es schafft, die optischen Anreicherungen auszublenden. Die Protagonisten setzten sich mit starken Persönlichkeiten über dieses „Hintergrundrauschen“ hinweg. Der trotzige, mit lauerndem Mezzo garnierte Halbstarken-Nero der Kate Lindsey und die Poppea von Slávka Zámečníková ergänzten sich ideal: Neros hysterisches Gemüt fand im lasziven Kristallin von Poppeas Sopran ein ideales Instrument narzisstischer Selbstbespiegelung. Und das seelen- und körperumschlingende Finale („Pur ti miro“) atmete eine sinnliche Verführung, die Pablos Heras-Casado am Pult noch mit einer kurzen aphrodisierenden Tempobeschleunigung anreicherte – ein magischer Opernmoment.

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Sir Willard White. Fot0: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Als Gegenpol zur musikalischen Verführung positionierte sich der Seneca von Willard White. Der Sänger, der längst den Ruhestand genießen könnte, hob mit seinem sonor abgeklärten Bassbariton die Figur in Shakespeare’sche Dimensionen. Der Countertenor von Xavier Sabata benötigte eine kleine „Aufwärmphase“, drang mit der Mittellage und Tiefe sowieso nur schwer durchs Haus, was schade war, weil er mit seiner phrasierenden Stilistik allen anderen voraus war. Seinen zarten Liebesbezeugungen gehörte das Finale des ersten Aktes, während die Drusilla der Vera-Lotte Boecker einen etwas „fahrigen“ Sopran beisteuerte. Christina Bock sang eine expressive Ottavia, die stimmlich ebenfalls schon nicht mehr ganz im Monteverd’ischen Fahrwasser segelte.

Thomas Ebenstein steuerte eine markante Arnalta bei, Daniel Jenz eine passende Nutrice. Viele Mitglieder des Opernstudios der Wiener Staatsoper konnten an diesem Abend ihr Talent dem Publikum präsentieren: Isabel Signoret als wendiger Amore und Valetto, Johanna Wallroth (Fortuna / Damigella / Amorino), Aurora Martens (Pallade / Venere), Angelo Pollak (Lucano / Soldato I / Famigliare ), Hiroshi Amako (Liberto / Soldato II / Console), Erik Van Heyningen (Littore / Tribuno / Famigliare). Dazu gesellte sich noch Katarina Porubanova (Amorino II). Als Solotänzer werden auf dem Programmzettel Sarah Lutz und Camilo Mejia Cortés angeführt.

Der Concentus Musicus Wien war für diese Produktion zum ersten Mal an die Wiener Staatsoper geholt worden. Pablo Heras-Casado hat als musikalischer Leiter das Orchester in der Frau- und Mannstärke erweitert und insgesamt sehr gut auf die räumliche Größe der Staatsoper abgestimmt. Im Orchestergraben befand sich der eigentliche „Dynamo“, der dem Abend kontinuierlich Energie spendete. Man hätte das szenische „Drumherum“ ohne Gewissensbisse weglassen können. Im Vergleich zur Premiere – der ich nur in der Form des Streams habe beiwohnen können – war der musikalische Eindruck abgerundeter, „eingespielter“. Ich fand auch die Einzelleistungen in Summe besser. Xavier Sabata hat im Stream allerdings einen stimmkräftigeren Eindruck hinterlassen, was jetzt keine Überraschung ist.

Montag früh gab es laut Staatsopernhomepage noch jede Menge Karten, ein Teil der Plätze hat sich bis zum Abend dann offenbar doch noch gefüllt. In der Pause kam es zu einem deutlichen Publikumsschwund. Im Publikum waren auffallend viele junge Besucher. Der Schlussapplaus war stark, und währte so um die sechs bis sieben Minuten lang.

Dominik Troger/ www.operinwien.at

 

 

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