WIEN/Staatsoper: LES PÊCHEURS DES PERLES Premiere am 14. Mai 2026 – Detaillierter Bericht mit Exkurs
Weiß man, was daraus wird…?

Foto: Youtube/ORF
Am 14. Mai 2026 brachte die Wiener Staatsoper die Oper von Georges Bizet, „Les Pêcheurs des Perles“ in einer Neuinszenierung von Ersan Mondtag heraus, der – wie bisher unbestätigt kolportiert wird – ab 2028 hier auch den neuen „Ring des Nibelungen“ inszenieren soll. Im Licht von Henning Streck war er auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich. Wenngleich er das Regiekonzept vom gefährlichen Perlenfischen im alten Ceylon in die Gegenwart der unter ähnlich prekären Bedingungen in Bangladesch oder Thailand erstellten Bekleidung für den westeuropäischen und den US-Markt verlegte, ging das dramaturgisch nicht auf, auch weil einfach zu viele handwerkliche Fehler passierten. Vor allem hatte das Bühnen-Ästhetik und selbst die Handlung im 2. und 3. Akt kaum noch etwas mit dem Text und den Beschwörungen der Brahmanen und anderer Gottheiten zu tun.
Insbesondere passte das zweite Bild eines mondänen und mit hellem Marmor getäfelten Shopping Centers, verballhornten Markennamen auf den Boutiquen und zwei – nicht funktionierenden – Rolltreppen sowie einer Überzahl von Polizisten (!) nicht in die Ästhetik der Oper und noch weniger zu dem – allerdings auch nicht gerade beeindruckenden – Libretto von Eugène Cormon & Michel Florentin Carré.
Absolutes No-Go war zu Beginn des 2. Akts eine martialische Räumung des Shopping Centers unter den Anweisungen des Staatsoperndirektors (!) aus dem Megaphon, bei unverhältnismäßig großem Polizei-Einsatz! Ähnlich deplatziert erschien die daraufhin folgende Truppe von Putzerinnen, die den ohnehin blanken Boden des Shopping Centers bohnern musste. Sie ging mit dem aus dem Regisseurstheater zum Überdruss bekannten Putz-Set aus Eimer, Besen etc. hektisch zu Werke. Dazu plärrte aus einem Lautsprecher Musik aus „Carmen“ aus einem Tonbadgerät. Buhrufe erklangen – nachvollziehbar – aus dem Parkett! Absolut entbehrlich, da rein banal aktivistisch, und hoffentlich gestrichen bei den Reprisen, oder zumindest einer späteren Serie in der Saison! So etwas hat man wohl noch nie in dieser Form in einem Shopping Center erlebt. Auch schlug wohl noch nie ein Blitz in ein solches ein!
Und dabei wollte der Regisseur doch in die Realität unserer Tage! War er überhaupt einmal in einem Shopping Center über mehrere Stunden? In Brasilien gehen die jungen Leuten gerade deshalb zum Flanieren hinein, weil es völlig sicher ist und man so auch kaum einen Polizisten zu Gesicht bekommt. Kaufen will oder kann man eh nichts. Im Übrigen passten gerade im 2. und 3. Akt die sechs äußerst bunt und kitschig-phantasievoll gekleideten Modelle mit ihren ständig vor sich hergetragenen MPs überhaupt nicht in die Szene und schon gar nicht in das Stück! Was sollte dieser ganze üble Militarismus?!
Im 1. Akt war die Mondtagsche Welt noch einigermaßen in Ordnung. Denn da sah man die riesigen Färberbecken zum Färben der Textilien, die man so gut aus dem südmarokkanischen Fez kennt. Der aus den Färbern und vor allem Färberinnen bestehende Chor zeigte in seinen völlig verschmutzten und vielfarbig verschmierten Kostümen die schlimmen Arbeitsbedingungen zur Produktion der Luxus-Konfektion für die Reichen im Westen. Dieser Luxus wurde auch durch eine riesige Schaufensterpuppe stilisiert, in deren Mode-Stil sich später Leila gerierte.
Am Ende wurde einfach eine Leinwand mit deinem Video von Luis Krawen heruntergelassen, auf der man zu den Breaking News eines typischen US-amerikanischen TV-Senders das von Zurga in die Wege geleitete Abbrennen der Textilfabrik und die Flucht der Arbeiter bis hin zu Schwerverletzten sieht. Soll heißen, uns, die wir die Wäsche im reichen Westen tragen, geht das nichts an, es interessiert uns kaum. Da ist schon etwas dran. Aber auch das wirkte dramaturgisch, da zu platt, nicht überzeugend. Zurga wurde dann von hinten kaltblütig erschossen!
Ludovic Tézier war ein Weltklasse-Zurga, sowohl stimmlich wie in seiner Souveränität ausstrahlenden Ruhe auch darstellerisch. Juan Diego Florez war ihm ein Partner auf Augenhöhe als Nadir. Allerdings hat sein wohlklingender Belcanto-Tenor mittlerweile etwas an Potenz und Strahlkraft verloren. Kristina Mkhitaryan sang im Laufe des Abends eine immer besser und dramatischer werdende Leïla, mit starkem vokalen und darstellerischen Ausdruck im Duett mit Zurga. Die kunstvollen Koloraturen, die diese Rolle auch verlangt, waren eher nicht ihr Ding. Ivo Stanchev gab einen klangvollen Nourabad und sorgte sich, das ganze Chaos etwas unter Kontrolle zu bringen. Alle vier Sänger absolvierten am Premierenabend ihre Rollendebuts.
Eine tragende Säule des Abends war der von Martin Schebesta einstudierte Chor der Wiener Staatsoper, der sich in absoluter Topform, wenngleich manchmal etwas lieblos choreografiert, präsentierte. Große Tableaus vor allem im 1. Akt.
Daniele Rustioni, erstaunlicherweise an diesem Abend mit seinem Debut an der Wiener Staatsoper, trug mit dem Orchester der Wiener Staatsoper vor allem im 2. und 3. Akt stark auf und konnte so die dramatischer werdende Handlung musikalisch bestens akzentuieren. Die Musik Bizets ist oft schwelgerisch schön. Es gibt herrliche Melodien, und die Arie des Nadir sowie das Duett von ihm mit Zurga zu Beginn sind absolute Ohrwürmer. Ein guter, aber kein großer Abend am Haus am Ring, da einfach nicht überzeugend. Relativ kurzer Applaus für eine Premiere an diesem Haus, der meiste zu Recht für Tézier und den Dirigenten mit dem Orchester.
Exkurs zu Regisseur E. Mondtag und dem neuen „Ring des Nibelungen“ 2028
Angesichts der zwar noch nicht bestätigten, aber scheinbar ernsthaft im Gespräch befindlichen Ernennung des jungen und bei Richard Wagner noch weitgehend unerfahrenen Regisseurs Ersan Mondtag zum Regisseur des neuen Wiener „Ring des Nibelungen“ im Jahr 2028, erscheinen einige Überlegungen weiterreichender Art angebracht.
Im Vorfeld der Neuinszenierung der „Perlenfischer“ von Georges Bizet konnte man in der Wiener „Bühne“ ein Titel-Interview (mit Cover-Bild) und auch in anderen einschlägigen Publikationen bereits ein Hype-artiges Hochloben von Ersan Mondtag beobachten. Ähnliches war vor längerer Zeit bei der Sopranistin Ausrine Stundyte mit ebenfalls einem groß aufgemachten Titel-Interview in der Zeitschrift „Opera!“ zu erleben, dem dann sängerisch doch eine gewisse Ernüchterung folgte/folgen musste. Es ist nie gut, wenn potentielle Aspiranten auf eine große Karriere schon im Vorfeld allzu sehr hochgepriesen werden, oder um es im journalistischen Jargon zu sagen, „hochgeschrieben“. Es geht dann oft nach hinten los und schadet am Ende den Betroffenen angesichts dann enttäuschter Erwartungen mehr als es ihnen nutzt.
Manuel Brug kommentierte in der WELT „Ersan Mondtag ist jetzt in der Champions League – und erlebt ein Desaster“, womit er wohl dessen „Perlenfischer“-Inszenierung in Wien meinte. Die Wiener „Bühne“ bezeichnet Mondtag gar als „Regie-Rockstar“, was immer das in musiktheatralisch qualitativen Dimensionen heißen soll. Mit der Champions League wird die Wiener Staatsoper also offenbar mit der höchsten Fußball-Spielklasse assoziiert, was sie, nach – nicht nur in Wiener Opern-Kreisen – weitgehend unumstrittener Beurteilung der Regiearbeiten der letzten Jahre – zumindest im Wagner-Fach – längst nicht mehr ist.
Zu stark ist doch die oft recht einhellige Kritik an von der gegenwärtigen Intendanz des Hauses beauftragten und in Szene gesetzten Neuinszenierungen von Kennern im Wagner-Fach wie bei „Parsifal“ (Knast-Ästhetik, Gurnemanz als Drogen-Versorger, Kundry als Redakteurin eines Mode-Magazins, die Klingsor als Chefredakteur erschießt, und ähnliche Abwegigkeiten…), „Lohengrin“ (in dem Elsa als Mörderin Gottfrieds die Böse und Ortrud wie Mutter Teresa die Gute ist, obwohl sie „Entweihte Götter…“ und „Fahr heim…“ zur entsprechend dramatischen Musik singen muss!) sowie „Tristan und Isolde“ (u.a. mit einer Brangäne, die in Gummistiefeln zwei Fische ausnehmen muss, wo im 2. Aufzug unter die Musik störendem Krach alles kurz und klein geschlagen wird und im 3. zig nackte Statisten-Hintern gefühlt stundenlang am Rande eines Trümmerfelds stehen müssen). Aber auch Neuinszenierungen von G. Verdis „Don Carlo“, „Luisa Miller“ und „La traviata“, sowie einem „Puppen-Fidelio“ sowie einigem anderen.
Man hat damit oft den Eindruck, dass die gegenwärtige Intendanz eher Regie-Arbeiten nach den klassischen Kriterien des Stagione-Theaters vergibt, also eine Vergabe-Politik verfolgt, die völlig angemessen und somit zu Recht im Theater an der Wien betrieben wird – recht erfolgreich sogar. Die Wiener Staatsoper ist nun aber ein typisches Repertoire-Theater mit weltweit an Zahl wohl einzigartigen 50+ Titeln pro Saison, welches fast jeden Abend auch etwa 30+ Prozent Touristen anzieht, nicht immer Kenner der Opern-Materie. Bei denen steht die Staatsoper wie die Hofburg auf der to-see-list. Auf dem Stehplatz ist dieser Tagesordnungspunkt in der 1. Pause vor allem bei jungen Touristen oft schon abgearbeitet.
Wenn man als Liebhaber des Wagnerschen Oeuvres Interpretationen wie die drei oben genannten selbst bei der phantastischen Musik des Bayreuther Meisters nicht mehr ansehen kann, bedeutet das schon etwas für einen. Denn man wird/muss mit solchen Inszenierungen im Rahmen des Repertoirebetriebs viele Jahre leben, 10-20 Jahre! Das ist vor allem von großer Bedeutung, wenn man in Wien wohnt und eine solche Produktion nicht nur eine Saison, wie im Stagione-Betrieb oder wenige Jahre bei einem Opern-Festival, gezeigt wird.
Es ist schon interessant, dass ausgerechnet die Neuinszenierung eines Werkes von Richard Wagner, seine „Meistersinger von Nürnberg“, von der zielsicheren Hand eines Regisseurs und Altmeisters des Wagnerschen Musiktheaters, Keith Warner, inszeniert wurde, der auch noch mit dramaturgischer Unterstützung keines Geringeren als Barry Millington arbeiten konnte. Der Premiere war ein riesiger Publikumserfolg beschieden und diese Produktion zur bisher anerkanntesten aller Wagner-Neuinszenierungen der letzten Jahre am Haus. Und dabei war zu hören, dass Keith Warner diese „Meistersinger“ ursprünglich für das Prager Opern-Theater Narodny divadlo konzipiert hatte, wo sie nicht realisiert werden konnten. So wurden sie von Wien übernommen, wo ursprünglich ein anderer Regisseur vorgesehen gewesen sein soll…
Was waren aber die bisherigen Berührungspunkte vom potentiellen Wiener „Ring“-Regisseur 2028 Ersan Mondtag mit Richard Wagner? Er ist ein deutscher Theaterregisseur und bezeichnet sich als „Interdisziplinärer Künstler, insbesondere auf dem Feld der bildenden Künste, dem Theater und der Oper“. Er inszenierte bisher an Häusern wie dem Thalia Theater Hamburg, beim Schauspiel Frankfurt, am Schauspiel Köln, am Theater Dortmund, am Maxim Gorki Theater Berlin, am Residenztheater München, an den Münchner Kammerspielen, und beim „Radikal Jung“-Festival in Frankfurt. Also bisher nicht gerade Opernhäuser.
Zu lesen ist im Netz auch, dass er 2021 am Berliner Ensemble eine radikale, vierteilige Schauspielüberschreibung des „Ring des Nibelungen“ unter dem Titel Wagner – der ring des nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood) in einer Fassung von Thomas Köck mit Musik von Max Andrzejewski inszenierte. Statt einer klassischen Opernfassung war Mondtags Arbeit eine spartenübergreifende Sprechtheater-Adaption, wie man weiter lesen kann. Das Projekt dekonstruiert den Mythos, um ihn mit der heutigen Zeit, Kapitalismuskritik und ökologischen Fragestellungen (die Zerstörung der Natur durch Industrialisierung) zu verknüpfen. Die Inszenierung verzichtet bewusst auf Wagners großen orchestralen Klang; stattdessen kommentiert ein Kammerensemble bestehend aus klassischen Instrumenten, E-Gitarre, Synthesizer und Elektronik die Szenerie. Das scheint bisher der einzige Berührungspunkt mit dem Bayreuther Meister zu sein, nicht gerade im Sinne seines Musiktheaterschaffens.
Nun soll eventuell ein Regisseur, zudem nach den Erkenntnissen mit der im Prinzip nachvollziehbaren Handlungsübertragung der „Perlenfischer“ in die Gegenwart, aber mit musiktheatralisch recht fragwürdigen Ergebnissen in der Ausführung und unübersehbaren handwerklichen Fehlern gleich das größte Werk der Opernliteratur „Der Ring des Nibelungen“ am größten Repertoiretheater der Welt inszenieren. Das erinnert sofort an den letzten „Ring“ in Bayreuth 2023, wo nach dem Absprung der ursprünglich bestellten Regisseurin nach etwa zwei Jahren der Festspielleitung nur noch neun Monate bis zur Premiere blieben und so ad hoc ein recht unerfahrener Regisseur aus Österreich für den „Ring“ bestellt wurde. Obwohl ein „Ring“ in Bayreuth in der Regel fünf Jahre dreimal pro Saison gespielt wird, kam dieser mit nur noch zwei Aufführungen nur ins 4. Jahr und muss nun im eigentlichen 5. Jahr durch eine Brückeninszenierung bis zum neuen „Ring“ 2028 mit V. A. Barkhatov als Regisseurstheater-Regisseur ersetzt werden.
Will man im Repertoirehaus Wien, wo ein neuer „Ring“ schon allein aus finanziellen Überlegungen 15-20 Jahre im Repertoire bleibt, ein solches Risiko wirklich eingehen?! Sollte man nicht gerade bei diesem großen und komplexen Werk, welches doch eine enorme Kenntnis des Wagnerschen Kosmos‘, seines Konzepts des Gesamtkunstwerks, wobei die Musik im Mittelpunkt steht, sowie auf entsprechende Kenntnisse beim Regisseur und auch die entsprechende Erfahrung an Bühnenarbeit Wert legen sollte? Angesichts dieser Überlegungen und der jüngsten Erfahrung in Bayreuth denke ich, dass die Wiener Staatsoper es sich sehr gut überlegen sollte, wen sie als nächsten „Ring“-Regisseur bestellt. Oder will man dem Reigen der gescheiterten drei Wagner-Neuinszenierungen ein weiteres, und dann noch viel schwereres Glied hinzufügen?! Mit diesem neuen „Ring“ werden die Wiener Opernfreunde dann wahrscheinlich noch viele über die Zeit der derzeitigen Intendanz hinaus reichenden Jahre leben müssen. Das sollten sich ALLE Verantwortlichen gut überlegen.
Ersan Mondtag jedenfalls spielt seine Salzburger „Ariadne auf Naxos“ im Sommer auf dem Mars! Elīna Garanca hat – aus welchen Gründen auch immer – bereits abgesagt. Käme Mondtags „Ring“ dann auf den Mond, an einem Mondtag sozusagen? Da waren die US-Amerikaner immerhin schon – man kennte sich etwas aus!
Klaus Billand

