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WIEN/ Staatsoper: LES PÊCHEURS DE PERLES. Exotischer Klassenkampf an dysfunktionaler Marmorrolltreppe. Premiere

14.5. 2026. PREMIERE: LES PÊCHEURS DE PERLES

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Exotischer Klassenkampf an dysfunktionaler Marmorrolltreppe

Hätte man Ende September anlässlich der Premiere von Smetanas Verkaufter Braut gewusst, dass es sich bei Dirk Schmedings verteddybärter, aber achtbarer Sicht auf die berühmteste Oper des tschechischen Komponisten um die mit Abstand beste Neuproduktion der laufenden Saison gehandelt haben würde, wäre man doch ein wenig ins Staunen geraten. Was folgte, waren der verpuppte Fidelio, der vertanzte Titus und die völlig vertane Luisa Miller. Ersan Mondtags Abarbeiten an der Ausbeutung der Working Poor durch die Bekleidungskonzerne der westlichen Welt anlässlich von Bizets Perlenfischern reiht sich nunmehr nahtlos in die Reihe der „Regieglücksgriffe“ der derzeit herrschenden Intendanz an der Wiener Staatsoper.

Freilich, man muss die aus der Entstehungszeit geborene, heute wohl als völlig verkitscht und gleichsam naiv zu bezeichnende Beschreibung der exotischen Umgebung, in der Georges Bizet sein abstruses Märchen platziert, nicht mehr in seinem ursprünglichen Setting belassen, doch bedürfte es weit originellerer Ideen, wenn man sich mit dem einfachen Vertrauen auf die schöne ausdrucksvolle Musik – diese weist mit der Tenorarie „Je crois d’entendre encore“ und dem Tenor-/Baritonduett „Au fond du temple saint“ immerhin zwei echte Gassenhauer auf –, die man den Klängen entsprechend bebildern könnte – wie dies beispielsweise Wim Wenders an der Berliner Staatsoper durchaus überzeugend getan hat –, nicht begnügen möchte: Lotte de Beer hat dies 2014 mit ihrer Dschungelcamp-Challenge-Version im Theater an der Wien – damals mit der Traumbesetzung Diana Damrau und Dmitry Korchak – eindrucksvoll vorexerziert.

Ersan Mondtag will offenbar – in mittlerweile auch schon seit Jahrzehnten unmodern gewordener Manier – eine Art Klassenkampf auf die Bühne stellen, das Publikum aufrütteln, zeigen, wohin der Konsumwahn führt – alles recht und billig – aber nicht anlässlich einer ohnehin schon völlig unglaubwürdigen, im vormaligen Ceylon angesiedelten, stark religiös angehauchten Liebes- und Verzichtsgeschichte, die vornehmlich durch ihre Melodien lebt. Im ersten Akt, der mit seinen Reminiszenzen an die Gerbereien im marokkanischen Fez einen durchaus exotischen Touch aufweist – immerhin reist Nadir passend zur Musik mit einem Schiff an –, geht das Verkleiden der Perlenfischer als Textilarbeiter noch auf, um dann im zweiten und dritten Akt den Schauplatz in ein marmorgetäfeltes Shoppingcenter (mit verballhornten Edelmarkennamen) zu ändern, in dem zuerst eine Einspielung der Stimme des Staatsoperndirektors zu Tonbandklängen von Bizets Carmen folgt, und wo sodann plötzlich neben allerlei in seiner Anzahl wohl redundantem Sicherheitspersonal die exotischen Gestalten aus dem Vorakt wieder auftauchen und den Konsumtempel geradezu visionenhaft bevölkern. Nun passt dann gar nichts mehr zusammen, wenn die orientalische Priesterin mit ihrem bunt gekleideten Brahma-Statisten-Gefolge ihre verbotene Liebesgeschichte auf der nicht funktionierenden Rolltreppe auslebt – Psychodelischer Trip einer Textilarbeiterin, nächtlich visionärer hoffmanngleicher Flashback eines Dichters? Noch skurriler wird es am Ende, als plötzlich auf einer Leinwand „breaking news“ mit einem brennenden Dorf – offenbar die Örtlichkeit des ersten Aktes – eingespielt werden, und der vom Verrat zurückgetretene Zurga neben dieser nach kompromissloser Erschießung sein Leben aushaucht.

Immerhin wurden die Hauptdarsteller – im Unterschied zu Luisa Miller – hübsch und ihren Vorzügen entsprechend eingekleidet.

So ist es am besten, sich vollends auf die prachtvolle Musik zu konzentrieren, die Wut, Traurigkeit und Sehnsucht ebenso kongenial einfängt wie das Rauschen des Meeres, den Gang der Wellen und das Blähen der Segel. Staatsoperndebutant Daniele Rustioni lässt es zunächst ziemlich krachen und peitscht den Anfangschor mit hoher Geschwindigkeit und Lautstärke durch die Färbertopfe, findet aber bald einen weniger aufgewühlten Ton und versteht es, den Solisten gehörig Raum zu geben, die Solostellen im Orchester hervorzustreichen und dem von Martin Schebesta hervorragend einstudierten Staatsopernchor – die wahre Hauptrolle – seinen Platz einzuräumen.

Die Leïla verlangt nach einer lyrischen (Koloratur-)sopranistin, die mit Fortdauer des Stückes mehr und mehr Dramatik aus der Kehle zu befördern hat: Kristina Mkhitaryan, vielbeschäftigt unter der derzeitigen Intendanz, zeigt – wie schon jüngst bei ihrer Manon –, dass ihr die stimmlichen Konfrontationen, in denen Attacke gefragt ist, weit mehr liegen als die koloraturlastigen Passagen, wie sie sich hier im ersten Akt wiederfinden. Immer wieder Unsauberkeiten in den Höhen, kein ungetrübter Klang. Das finale Duett mit Zurga ist sicher auch ihr musikalischer Höhepunkt des Abends.

Ihr zur Seite steht mit Juan Diego Flórez ein wahrer Großmeister des lyrischen Tenorfachs, der mit melancholischer Klangfärbung den vom Libretto doch etwas eindimensional gezeigten Nadir mit stimmlichem Glanz erfüllt und vom Typ eines Latin Lovers schmachtend und erfolgreich um die Gunst seiner Liebsten ringt.

Ludovic Tézier, der derzeit unangefochtene König am Baritonthron, fährt auch mit seinem kernig-männlichen, aber doch auch zweifelnd-verzweifelten Zurga einen weiteren „Start-Ziel-Sieg“ an der Wiener Staatsoper ein. Zweifelsohne lässt sich sowohl stimmlich alsauch darstellerisch mit dieser Rolle einiges anfangen, brodeln in Zurga doch mit Fortdauer des Abends sehr unterschiedliche Emotionen, die Tézier besonders bei seiner Arie im dritten Akt „L’orage c’est calmé“ in der gewohnt ausdrucksvollen Manier zum besten gibt. Es ist wieder einmal „sein“ Abend.

Ivo Stanchev ist ein verlässlicher Nourabad.

Dilettant“ – rief der Herr hinter mir lautstark anlässlich des Solovorhangs des Regisseurs. Ob den Perlenfischern mit dieser Inszenierung tatsächlich ein „Liebes-“ – um bei der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes zu bleiben –  Dienst erwiesen wurde?

Sabine Längle

 

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