WIEN/Staatsoper: L’ELISIR D‘AMORE von Gaetano Donizetti – Canto Robusto statt Bel Canto am 11.5.2026
Donizettis Liebestrank in der legendären Bilderbuch-Inszenierung von Otto Schenk ging zum 284. Mal über die Bühne der Wiener Staatsoper. Dabei gab die Besetzung der Hauptrollen mit zwei Sängerstars ein besonderes Rätsel auf, weil man sich fragen musste, ob diese beiden Künstler nicht schon über dieses Fach hinaus sein würden. Nun, sie waren es …

Foto: Lukas Link
Besonderes Augenmerk legte man auf Tenorstar Michael Spyres als Nemorino. Aktuell finden an der Staatsoper ja gerade Michael-Spyres-Festspiele statt, die mit einem hervorragenden Solokonzert begonnen haben, und die nun über den Nemorino und den Italienischen Sänger im Rosenkavalier schließlich zum Siegmund führen. Dieser stimmliche Spagat ist schon sehr ungewöhnlich und macht neugierig.
Nach diversen Wagnerpartien gab Spyres sein Nemorino-Debüt erst im vergangenen Jahr am Liceu in Barcelona. Ein spätes Debüt.
Sicher, Spyres verfügt über eine hervorragende Gesangstechnik, nur ist die Stimme inzwischen viel zu schwer und ungelenk für den Nemorino. Es fehlt ihm die belcanteske Leichtigkeit als auch die vokale Geschmeidigkeit. Die eingelegten Verzierungen in seinen Arien lassen zwar aufhorchen, doch diese kommen nicht selbstverständlich, sondern müssen erarbeitet werden. Überhaupt erstaunt, dass er in der Höhe so an seine Grenzen kommt, galt er doch lange Zeit als Höhenritter der sich locker bis zum Hohen D und sogar zum F hochschrauben konnte. Die erste Verzierung in seiner Auftrittsarie meistert er noch nicht, deutlich besser reüssiert er dann damit bei Una furtiva lagrima. Spyres singt mit schöner baritenoraler Tongebung, aber eben nicht wirklich Belcanto. Nennen wir es eher Belcanto Robusto. Im Spiel ist er ein wenig schwerfällig und ein Nemorino dem es an jugendlichem Elan fehlt.
Die Adina von Pretty Yende passt aber dann doch sehr gut zu diesem Nemorino, denn auch die südafrikanische Sopranistin ist stimmlich schon über ihre Rolle hinaus. Dank ihrer jahrelangen Belcanto-Routine gelingen ihr zwar immer wieder einige hinreißende Läufe und auch ihre stimmliche Agilität blitzt in den Ensembleszenen auf. Doch Yendes Sopran hat eindeutig an Schwere zugelegt und an Leichtigkeit verloren. Das wird dann doch auch im hohen Register wiederholt hörbar.
Als dramatisches Adina-Nemorino-Gespann funktionieren die beiden Sänger allerdings sehr gut miteinander. Nur geht im Laufe des Abends viel davon verloren, was die Gattung Belcanto ausmacht.
Aber auch rund um das Protagonistenpaar sind starke Stimmen unterwegs. Clemens Unterreiner drückt als Belcore gewaltig auf die Stimmbänder und überzeichnet den Sergeanten dazu auch in seinem Spiel. Weniger wäre hier mehr gewesen – in jeder Hinsicht.
Ambrogio Maestri ist im Komödienfach eigentlich immer eine sichere Bank. Man denke nur an den Don Pasquale oder den Falstaff. Doch den Dulcamara singt und spielt er an diesem Abend eher lustlos und nonchalant und ohne wirkliche Komik, wenn man von dem „Dankeschön“ absieht, dass er im Laufe seines Vortrags einstreut. Schade.
Ana Garotic komplettiert das Ensemble als gefällige Giannetta.
Am Dirigentenpult passt sich Gianluca Capuano wohl den Künstlern auf der Bühne an, und so ist auch der orchestrale Teil des Abends mehr von Lautstärke und Rasanz als von Leichtigkeit und komödiantischem Schwung geprägt.

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Auch wenn hier letztendlich alles irgendwie zusammengepasst hat, und dennoch ein kurzweiliger Abend herausgekommen ist, wünscht man sich beim nächsten Liebestrank dann doch wieder richtigen Belcanto von der Bühne und aus dem Orchestergraben heraus.
Lukas Link

