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WIEN / Staatsoper: L’ElISIR D’AMORE von Gaetano Donizetti

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Juan Diego Flórez (Nemorino), Nina Minasyan (Adina) und  Sergey Kaydalov (Bemonte). Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn.

WIEN / Staatsoper: Donizettis L’ELISIR D’AMORE

260. Aufführung in dieser Inszenierung

4. März 2022

Von Manfred A. Schmid,

Otto Schenks liebevoll „menschelnde“ L’Elisir D“Amore-Inszenierung aus dem Jahr 1980 hat von ihrem bezaubernden Flair auch in der 260. Aufführung nichts eingebüßt. Das sonnendurchflutete Bühnenbild von Jürgen Rose, von dem auch die Kostüme stammen, entführt in ein südländisches (laut Libretto baskisches) Bauerndorf und schafft so die Basis für eine weitgehend originalgetreue Umsetzung der Oper im Sinne ihrer Schöpfer Donizetti und Romani. Auch die Musik versprüht sonnige Italianità, auch wenn ihr tragische Momente nicht fremd sind. Die musikalische Gestaltung liegt in den Händen von Marco Armiliato, der auch in der dritten Vorstellung der derzeit laufenden Serie seinem Ruf als Garant für das italienische Fach mehr als gerecht wird. Das die Partitur kennzeichnende stete Changieren zwischen ausgelassener Heiterkeit und melancholischen Eintrübungen wird fein herausgearbeitet. Buffo-Elemente, vor allem bei den Auftritten Dulcamaras, und schmerzvolle Reflexionen, wie sie der unglücklich verliebte Nemorino anstellt, machen den Reiz dieses Melodramma giocoso aus.

Die Buffo-Partien der beiden Baritone Belcore und Dulcamara rufen nach komödiantisch versierten Sängern. Der junge Sergey Kaydalov, Ensemblemitglied seit der letzten Saison, wird in der parodistisch angelegten Rolle des Belcore dieser Anforderung weitgehend gerecht. Sein Belcore ist ein lebenslustiger Berufssoldat, selbstverliebt und eitel, sich seiner Wirkung auf Frauen, angesichts der Gewissheit, in jedem Standort seiner militärischen Karriere eine Braut zu haben, voll bewusst. Auch stimmlich kann Kaydalov mit einem wandlungsfähigen Bariton aufwarten. Bei den tieferen Tönen ist er nicht so präsent wie in der Mittellage und dringt zuweilen nicht ganz durch.

Stimmliche Wandlungsfähig ist auch das Stichwort, wenn es um die Einschätzung der Leistung des georgischen Baritons Misha Kiria geht. Sein mächtiger, farbenreicher Bariton verleiht dem umtriebigen, gerissenen Quacksalber Dulcamara schon in der Auftrittsarie „Udite, udite o rustici“ ein komisches, vor allem aber auch eigenständiges Profil, denn aufgrund seiner hünenhaften Gestalt ist Dulcamara diesmal nicht der wendige Schalk, wie man es von dieser Rolle gewohnt ist, sondern Dulcamara wirkt eher wie ein etwas tollpatschig daherkommender Tanzbär.

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Misha Kirica (Dulcamara)

Die junge armenische Sopranistin Nina Minasyan hat an großen Bühnen schon als Königin der Nacht und Lucia brilliert und wurde bereits als Nachfolgerin von Größen wie Edita Gruberova proklamiert. Als Adina ist sie eine anmutige, aber auch schelmische junge Frau, die ihre Reize auf die Männerwelt auskostet und dabei ihr grausames Spiel mit dem insgeheim von ihr geliebten Nemorino gefährlich überdreht, aber gerade noch rechtzeitig einlenkt.  Eine stimmtechnisch mit dem Belcanto bestens vertraute Sängerin mit ausgeprägter Mittellage, die mit Leichtigkeit Höhen erklimmt und sich schwerelos in Koloraturen vom Pianissimo bis zum Fortissimo und zurück steigern kann. Dass sie zudem auch eine zierliche, strahlend schöne junge Frau ist, kommt der Wirkung ihrer Stimme und ihres Spiels natürlich auch zugute.

Überstrahlt wird Minasyan an diesem Abend, wen wundert’s, nur von einem: Juan Diego Flórez. Er ist und bleibt der beste Nemorino, den man sich vorstellen kann. Fast hat es den Eindruck, dass Flórez an diesem Opernabend mit besonderer Liebe bei der darstellerischen Gestaltung ans Werk geht: Wenn er die bauchige Flasche mit dem vermeintlichen Liebestrank innig ans Herz drückt und küsst, wenn er seine Hand, nachdem sie von Belcore wohl zu fest gedrückt worden war, in der Gießkanne zum Abkühlen eintaucht, wenn er weinselig über die Bühne torkelt oder wenn er seinem Schmerz und seinen Gefühlen mit beredter Mimik und Gestik Ausdruck verleiht. Der naive Bauernbursch, der nicht lesen und schreiben kann, offenbart sich dabei dennoch nie als Hanswurst, sondern weiß immer zu berühren und Sympathie für sich und seine Sorgen zu wecken. Dass er „Una furtiva lagrima“ wiederholen muss, ist bei diesem Ausnahme-Belanto-Sänger längst keine Überraschung mehr. Dennoch hat man nie das Gefühl, dass hier Routine herrschen würde. Ganz im Gegenteil wirkt es eher so, als ob er mit Freude und Negier an jedem Abend den vertrauten Nemorino neu entdecken würde

Ileana Tonca ist als Gianetta eine gute Hausbesetzung, der Chor fühlt sich im Hof von Adinas Anwesen hörbar so wohl wie auf einem Betriebsausflug in den sonnigen Süden. Die gute Laune ist ansteckend: Angesichts der zu Ende gehenden Corona-Beschränkungen ist es nun wohl höchste Zeit, den Sommerurlaub zu planen. Angesichts des begeisterten Beifalls lässt sich erahnen, wohin es für viele wohl auch diesmal wieder gehen mag.

5.3.202

 

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