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WIEN/ Staatsoper: LE NOZZE DI FIGARO. Wiederaufnahme der Ponnelle-Inszenierung. Stream bzw. TV-Ausstrahlung

Wiener Staatsoper: LE NOZZE DI FIGARO – Wiederaufnahme 4.2.2021 – TV-Ausstrahlung (7.2.2021)

(Heinrich Schramm-Schiessl)

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Federica Lombardi (Gräfin), Virginie Verrez (Cherubino). Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die Wiederaufnahme dieser Modellinszenierung von Jean-Pierre Ponnelle war wahrscheinlich die erfreulichste Mitteilung im Rahmen der Bekanntgabe seiner 1. Spielzeit durch Direktor Roscic. Sie wurde zunächst für die Salzburger Festspiele erarbeitet und dort 1972 unter der Leitung von Herbert von Karajan erstmals aufgeführt und blieb dann mit Unterbrechungen bis 1988 am Spielplan (spätere Dirigenten waren Bernhard Klee, Gustav Kuhn und James Levine). Als Herbert von Karajan 1977 an die Staatsoper zurückkehrte stand auch diese Inszenierung am Programm. Es war aber nicht einfach eine Übernahme sondern eigentlich eine Neuinszenieriung. Zwar blieb das Grundkonzept erhalten, aber Ponnelle – wie immer sein eigener Bühnenbildner – schuf veränderte Dekorationen. Waren diese in Salzburg elegant und sehr fein stilisiert, so gestalteten sie sich in Wien rustikaler. Was natürlich gleich blieb, war eine feinsinnige, hochmusikalische, humorvolle aber durchaus den revolutionären Gedanken des zugrunde liegenden Beaumarchais-Stückes mitberücksichtigende Interpretation dieser wohl genialsten Oper Mozarts. Bis zum 23.1.2010 war diese Produktion am Spielplan und wurde danach noch bis 2016 auf diversen Gastspielen gezeigt, sodass es zu insgesamt 261 Vorstellungen kam.

Es ist durchaus positiv anzumerken, dass man seitens der Staatsoper diese Wiederaunahme nicht einfach den Abendspielleitern überlassen hat, die das Ganze einfach nach den Eintragungen im Regiebuch nachgestellt hätten, sondern man mit Grischa Asagaroff einen Mann engagiert hat, der szt. Assistent bei Ponnelle war und daher zumindest etwas der Grundideen der Regie vermitteln konnte. Trotzdem blieb es nur eine Nacherzählung, zumal die meisten Sänger der Produktion nicht die großen Persönlichkeiten sind, die auch selbst etwas einbringen konnten. Daß das Flair dieser Inszenierung aber doch etwas zu spüren war, bestätigt ihre Güte und Zeitlosigkeit.

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Louise Alder (Susanna). Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Kommen wir nun zum musikalischen Teil – und hier ist die Begeisterung endenwollend. Wenn der Dirigent Philippe Jordan im Zusammehang mit dieser Produktion ankündigt, dass diese am Beginn des Aufbaus eines neuen Wiener Mozartensembles steht, so muß man sagen, dass hier noch viel Arbeit auf die Verantwortlichen zukommt. Die beste Leistung, und das war eigentlich zu erwarten, bot für mich Federica Lombardi als Gräfin. Sie ist in diesem Fach bereits an allen grossen Häusern – auch in Wien sang sie schon viermal die Donna Elvira – mit Erfolg tätig und sie vermochte am ehesten die Erwartung, die man in die Gestaltung dieser Rolle setzt, erfüllen. Sie verfügt über eine gut geführte Stimme und vermochte auch in der Lautstärke entsprechend zu differenzieren. Ihre große Arie sang sie gut, auch wenn das schwebende Piano im zweiten Teil der langsamen Passage nicht ganz gelang. Ihr am nächsten kam Louise Alder als Susanna. Auch wenn sie alles recht ordentlich sang, so vermisste man doch den für diese Rolle notwendigen Silberklang in der Stimme, was sich besonders in der Rosenarie schmerzhaft auswirkte. Andrè Schuen als Graf hinterließ einen zwiespältigen Eindruck, vor allen deswegen, weil er in der Lautstärke wenig differenzierte und insgesamt eher blass blieb. Philippe Sly als Figaro fehlt leider etwas die für diese Rolle notwendige markante Stimme und seine Gestaltungsfähigkeit war eher begrenzt. Virginie Verrez als Cherubino erfreute zwar durch symphatisches Spiel, stimmlich fehlte ihr leider das Schwärmerische, insbesonders in der ersten Arie. Evgeny Solodovnikov als Bartolo verfügt über eine nicht besonders interessante Stimme, wodurch seine Arie wirkungslos blieb. Darstellerisch war er leider kaum vorhanden. Josh Lovell war – fast ungewohnt – ein  lyrischer Basilio und Johanna Wallroth als Barbarina machte mit einer hübsch gesungenen Arie auf sich aufmerksam. Stephanie Houtzeel, Andrea Giovanini und Marcus Pelz entledigten sich ihrer Aufgaben zufriedenstellend.

Nicht glücklich wurde ich auch mit dem Dirigat von Philippe Jordan. Zwar verzichtete er erfreulicherweise auf all die Unarten mit denen man heute von manchen Dirigenten gequält wird und das dann als „moderner (?) Mozart“ bezeichnet wird, aber vieles blieb mir zu erdig. Das südliche Flair war kaum spürbar und die Begleitung mancher Musiknummern war mir zu wenig schwebend. Besonders schmerzhaft war aber wieder einmal die nicht wirkliche Bewältigung der Rezitative. Dass war eher ein nebeneinander denn ein miteinander. Auch wenn Jordan die Rezitative selbst begleitet hat, dürfte er zuwenig Zeit in deren Erarbeitung investiert haben. Von vielen Sängern hat man oft erzählt bekommen, wie sie früher von Dirigenten bei der Einstudierung der Rezitative oft stundenlang „gequält“ wurden.

Der Gesamteindruck der Aufführung wurde zwar vom Glücksgefühl des Wiedersehens dieser genialen Inszenierung bestimmt, wobei sich dieses aber oft mit der Erinnerung an frühere in ihr erlebten Interpreten schmerzhaft mischte. Oft werden wir diese Inszenierung ja nicht sehen, da ja ab der nächsten Saison eine Neuerarbeitung der Da Ponte-Opern durch Barrie Kosky geplant ist – eigentlich schade.

Heinrich Schramm-Schiessl

 

 

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