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WIEN/ Staatsoper: LE NOZZE DI FIGARO. Traumberuf: Kammerdiener in Aguas Frescas

9.9.2026:  LE NOZZE DI FIGARO

Traumberuf: Kammerdiener in Aguas Frescas

figa

 

Es sind immer besondere Momente, wenn sich das Wiener Staatsopernorchester der wohl perfektesten aller Opern annimmt und für das Publikum, das sich – wie so oft bei Werken des Salzburger Jahrtausendgenies – bedauerlicherweise sehr touristenlastig ausnimmt, die sich in einem Füllhorn von Arien und Ensembles jeglicher Bestückung findenden Traummelodien ins Opernrund ausgießt. Sehr schade, dass der gemeine Wiener Opernfreund seinen Mozart nicht (mehr) so liebt wie die Italiener oder Richard Wagner. Dabei macht dieser Figaro wirklich glücklich!

Patrick Hahn, Grazer des Jahrgangs 1995, heißt der neue Dirigentenwunderknabe, dem die Staatsopernintendanz den aufmüpfigen Kammerdiener anvertraut hat, und diese wurde ebensowenig enttäuscht wie das Publikum: Schon bei den ersten Presto-Läufen der Streicher weiß man: Dieser Dirigent ist hier richtig. Sein Mozart ist flott, ohne gehetzt zu sein, wolkig, ohne sich himmelwärts zu versteigen, transparent, ohne beliebig zu werden, und dramatisch, ohne dick aufzutragen. Und das wohl wichtigste retardierende Moment der Operngeschichte, die Generalpause vor dem „Contessa, perdono“, ist ein Moment der kollektiven Sammlung und des „sich-bewusst-Werdens“ über das Erlebte.

Natürlich, dort oder da wackelt ein Einsatz, hin und wieder sind die rasenden Ensembles nicht ganz synchron – aber das ist wohl mehr der fehlenden Einstudierungsmöglichkeit geschuldet als fehlender Präzision – spätestens ab der 2. Aufführung der Serie wird es keinen Mangel mehr geben.

Das Setting ist eine der geglückteren Produktionen von Barrie Kosky, der für viel Jubel, Trubel, Heiterkeit, Temperament und Farbe sorgt, und dem es gelingt, sämtliche Protagonisten zu- und gegen- einander in Beziehung zu setzen. Ein wahres Feuerwerk an Regiekunst durchdrungen und getragen von einer klugen und erfahrenen Menschenbeobachtung. Freilich, wie immer bei ihm, häufig etwas schrill, aber selten karikaturhaft überzeichnet.

Mit dem französischen Staatsoperndebutanten Florian Sempey und der Franko-Dänin Elsa Dreisig konnte ein wahres gräfliches Traumpaar gefunden werden:

Sempey, Jahrgang 1988, hat sich bis dato mit seinen Mozart- und Rossini-Interpretationen einen Namen gemacht und kommt gerade frisch vom großen Erfolg der Salzburger „Viaggio a Reims“ nach Wien: Ein herrlich kerniges, aber doch weiches Baritontimbre, eine Stimme, die insbesondere in der große Arie zu kraftvollen Ausbrüchen fähig ist, eine Bühnenpräsenz, die alle Augen und Ohren auf sich zieht: Dieser Almaviva verrottet nicht im Dunklen, er hat auch keine pseudopsychologisierenden Komplexe, er ist einfach ein Mannsbild, das am liebsten alles will und das sofort. Und genau so agiert er und lässt keinen einzigen Moment einen Zweifel daran aufkommen, wer der Chef in Aguas Frescas ist. Aber er tut all dies mit dekadentem Charme – deswegen ist ihm niemand ernsthaft böse: Kein Wunder, dass seine Gräfin immer noch um ihn und seine Liebe kämpft. Dabei weiß er final ganz zarte Töne anzuschlagen, dann nämlich, wenn er merkt, wie sehr er sie verletzt hat.

Bald werden wohl hoffentlich Posa und Germont folgen: In Sempeys Stimme hört man sie schon, die Verdibaritontöne.

Seine Bühnengattin ist mit Elsa Dreisig ebenso ideal besetzt: Auch sie reiste aus Salzburg (nach einer bezaubert-bezaubernden Fiordiligi) an. Dreisig zählt zweifelsohne zu den führenden lyrischen Sopranistinnen der Gegenwart, hat ein wunderschönes silbriges Timbre und eine blendend geführte Stimme, deren Legati beeindrucken. Dazu fehlt es nicht an Ausdruck und Innigkeit: Die beiden Gräfinnen-Arien zählen sicherlich zu den musikalischen Prunkstücken des Abends, zarter ihr „Porgi, amor“, entschlossen-melancholisch „Dove sono“.

Neben so viel gräflich stimmlicher Perfektion hat es die Entourage natürlich schwer, vokal mitzuhalten:

Dem Mailänder Riccardo Fassi gelingt dies als Titelhelden mit Fortdauer des Abends mehr und mehr: Anfänglich noch etwas zögerlich und als echter Bass nicht immer kraftvoll in den Höhen entwickelt er sich mit Fortdauer des Stückes zusehends zum auch musikalischen Counterpart seines Herrn: Sein reichlich vorhandenes komödiantisches Talent hilft ihm dabei und mit seinem „Aprite un po’ quegli occhi“ ist er stimmlich schon ganz nah an der Französischen Revolution.

Andrea Carroll, ehedem Ensemblemitglied an der Wiener Staatsoper, verfolgt nun freischaffend ihre Karriere als (sehr) lyrische Sopranistin, die als Susanna allzu soubrettenhafte Töne anschlägt. Die gräfliche Eleganz ihrer Arbeitgeberin färbt zwar nicht auf sie ab, aber sie punktet jedenfalls als quirlig-temperamentvoller Wirbelwind.

Alma Neuhaus fügt sich fein und solide als Cherubino ins Gesamtgeschehen ein, besonders auffällig der nunmehr neu ins Ensemble hinzugekommene polnische Bass Bartosz Urbanowicz als Bartolo, der schon anfänglich mit seiner „Vendetta“-Arie gehörig aufhorchen lässt. Eine köstliche Rolleninterpretation liefert (erneut) Stephanie Houtzeel als Marcellina ab, die auch optisch als große und schlacksige Erscheinung gut zu ihrem Bühnensohn passt. Matthäus Schmidlechner erwartungsgemäß ein subtil-intriganter Basilio, gewohnt bühnenpräsent Clemens Unterreiner als Antonio, Andrea Giovannini muss den willfährigen Juristendödel Don Curzio outrierend geben, eine nette Talentprobe liefert Olga Surikova (nunmehr Mitglied des Opernstudios) als Barbarina ab.

Wer wäre nicht gern bei diesem stimmlichen Luxustraumpaar Dienstbote – schon allein um ihm stundenlang beim Singen zuhören zu dürfen?

Sabine Längle

 

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