Le Nozze di Figaro
Wiener Staatsoper, 20.1.2026

Foto: Kurt Vlach
Ich möchte mit dem Fazit beginnen – es war ein wunderbarer und beglückender Abend.
Die Produktion von Barrie Kosky muss man als wirklich gelungen bezeichnen – und seine Da Ponte-Trilogie finde ich, entgegen der Meinung von anderen Rezensenten, schön und modern mit großartiger Personenführung, mit viel Liebe zum Detail – und bei entsprechender Probenarbeit werden diese Details auch hier, bei der 27. Aufführung der Inszenierung, noch immer sichtbar.
Das Bühnenbild von Rufus Didwiszus ist interessant. Als sich der Vorhang zum ersten Akt hob hatte ich ein Flashback und dünkte mich bei den Salzburger Festspielen in der Produktion von Guth/Harnoncourt. Die überdimensionierten weißen Türen, eine weiße Wand, keine Möbel – ja, da wurden Erinnerungen wach. Der überaus gelungene Übergang zum zweiten Akt – es wurde sofort weitermusiziert, die Türen öffneten sich und das Zimmer der Gräfin wurde sichtbar, zeigte ein klassisches Bühnenbild mit viel Liebe zum Detail (das gleiche gilt auch für den 3.Akt). Ich fragte mich schon, warum eine Neuinszenierung notwendig war, wenn sich diese derartig an ältere Produktionen anlehnte, wurde jedoch durch das Konzept im 4.Akt mehr als entschädigt. Es gab eine schiefe Ebene mit einer de-facto-Ansicht von oben auf den Garten. Die Sänger traten durch Luken im Boden auf und ab – für mich neu und spannend. Hier muss man auch die Lichtregie von Frank Evin hervorheben. Von der Bühnenseite wurden die Protagonisten angestrahlt, sodass man auf den Seitenwänden die Schatten sehen konnte – es war beeindruckend.
Ich hatte vorher die Personenführung positiv erwähnt, die Kostüme von Victoria Behr machten mich nicht wirklich froh. Warum im dritten Akt die Mädchen, die der Contessa die Blumen überreichen, wie ein Abklatsch von Dolly Parton in den 1970ern aussehen – na ja, ich weiß nicht…
Es blieben mir zwei Szenen im Gedächtnis. Im 2.Akt die versuchte Vergewaltigung der Gräfin durch den Conte (ja, man könnte argumentieren, dass er seine Herrschaft über seine Gattin zeigen wollte – kann man so zeigen, muss man aber nicht) und die jeweiligen Aktschlüsse. In den ersten drei Akten blieb jeweils eine Person verzweifelt und alleine auf der Bühne zurück – Cherubino, gefolgt von Susanna und der Contessa. Konsequenterweise erwartete ich dann den Grafen, war aber überrascht, dass Kosky sich zu einem Ende entschied wo Figaro und Susanna zurückblieben – aber doch nicht wirklich zusammen, sondern voneinander getrennt sitzend. Es ist immer spannend (ähnlich wie bei der Cosi), was sich ein Regisseur als Schluss der Oper ausdenkt – es bleibt da immer viel Spielraum für Interpretationen (die es z.B. beim Don Giovanni nicht gibt).
Mit Adam Fischer wurde für diese Serie eine „sichere Bank“ verpflichtet – und er führte das Orchester der Wiener Staatsoper und die Sängerinnen und Sänge sicher durch den Abend. Er dirigierte auswendig.
Insgesamt überzeugten mich – auf hohem Niveau – die Frauen mehr als die Männer. Zuallererst muss ich da Adriana González erwähnen. Ihr innig gesungenes „Dove Sono“ war der Höhepunkt des Abends – es ist schwer zu beschreiben, man musste es da einfach vor Ort fühlen.
Serena Sáenz ist zwar noch nicht lange „im Geschäft“, doch sie hat schon eine beachtliche Karriere hinter sich. Stimmlich eine ideale Susanna ist diese Rolle für sie aktuell perfekt (andere Rollen wie die Adina oder Gilda werden bald folgen). Sie spielt gut und ist auch noch wirklich schön anzusehen.
Was soll ich zu Stephenie Houtzeel sagen? Sie ist seit vielen Jahren ein Eckpunkt des Ensembles und hat schon viele Rollen verkörpert (besonders im Gedächtnis blieben mir ihre Auftritte in Cardillac, Peter Grimes, als Octavian und dann noch an der Volksoper als Nettie Fowler), allerdings empfinde ich ihre Marcellina aktuell als ihre Paraderolle. Man merkt, wieviel Spaß sie dabei hat – und ehrlich gesagt, hätte es sich nicht herausgestellt, dass Marcellina die Mutter von Figaro wäre, hätte er sich über DIESE Braut auch nicht beschweren können 😉
Patricia Nolz hat sich, seit ihrem Debut am TadW als Cherubino im Jahre 2019 auch sehr gut entwickelt und wurde zum Shooting Star des Ensembles. Sie spielt den Farfallone Amoroso glaubhaft und hat auch eine schöne Tiefe (wirklich wichtig bei „Voi Che Sapete). Ich bin gespannt, ab wann man sie dann als Octavian in Wien hören wird.
Die Barbarina ist eine der dankbarsten Rollen im Opernwerk von Mozart – „L’ho perduta“ ist eine wunderschöne Arietta mit einer der schönsten Melodien der Opernliteratur. In dieser Produktion wird die (kurzfristige) Verzweiflung des im Prinzip schon sehr durchtriebenen Mädchens durch die Beleuchtung unterstützt, sie sitzt einsam auf der schiefen Ebene und erinnerte an eine Puppe. Hannah-Theres Weigl, ein Mitglied des Opernstudios, entsprach den Erwartungen und es ist ihr zu wünschen, dass sie eine ähnlich erfolgreiche Karriere wie Patricia Nolz machen wird.
Die Herren der Schöpfung brauchten – so mein Gefühl – einen gewissen Anlauf, ehe sie dann nach der Pause ihr Vorzüge zeigen konnten.
Es war für mich die erste Begegnung mit Huw Montague Rendall braucht vielleicht noch einige Jahre, ehe er die kompletten Emotionen des Conte erleben und umsetzen kann – seine Performance bestach eher durch ungezügelte Aggression, da wäre etwas mehr Subtilität wünschenswert gewesen. Riccardo Fassi ist ebenfalls ein junger Sänger – und ja, auch da kann man in der Zukunft viel erwarten. Ein schöner Bassbariton, der aber noch seine Zeit braucht. Beide sind schauspielerisch sehr gut – aber das kann man von der aktuellen Generation von Sängerinnen und Sängern fast schon pauschal sagen.
Daniel Jenz, Andrea Giovannini, Evgeny Solodovnikov und Clemens Unterreiner komplettierten die Herrenriege und machten ihre Sache sehr gut, ohne jetzt absolut herausragend gewesen zu sein.

Foto: Kurt Vlach
Interessant waren die Reaktionen des Publikums. Vor der Pause gab es kaum oder sehr verhaltenen Applaus. Das änderte sich aber, als nach der Pause Adam Fischer zum Pult zurückkehrte. Er wurde mit großer Begeisterung empfangen – und irgendwie machte es „Klick“ – Ovationen für „Dove Sono“ und viel Zuspruch für sämtliche Arien folgten (leider wurden im 4.Akt die Arien für die Marcellina und Basilio gestrichen).
Der Schlussapplaus war enthusiastisch, besonders González, Nolz und Fischer wurden gefeiert. Doch er war – für die gezeigten Leistungen – viel zu kurz. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass die Oper erst um 22:41 aus war. Ich verstehe nicht, warum man erst um 19:00 begonnen hat – eine Beginnzeit von 18:30 wäre für alle (auch für das Publikum) sicher besser gewesen…
Kurt Vlach

