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WIEN / Staatsoper: LE NOZZE DI FIGARO

13.10.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
LE NOZZE DI FIGARO von W. A. Mozart
15. Aufführung in dieser Inszenierung
13. Oktober 2012 

Wenn in der Wiener Staatsoper gleich zwei Da Ponte-Opern nebeneinander auf dem Spielplan stehen und gar eine zeitlang – neben einem Ballett – das Repertoire beherrschen, ja, wenn man dann auch noch den „Titus“ dazu gibt und so inoffiziell „Mozart-Wochen“ ausruft, müsste man dahinter doch eine Absicht vermuten können. Es wurde bereits daran erinnert, dass einmal von einem „Wiener Mozart-Ensemble“ der Zukunft die Rede war, das es aufzubauen galt. Aber dergleichen kann  man sich in Zeiten wie diesen abschminken – also sollte man es gar nicht erst postulieren. Besetzungen jedenfalls, die aus allen Teilen der Welt wie zufällig zusammengewürfelt sind, können keinerlei Homogenität für sich beanspruchen. Man könnte die Mischung des „Figaro“-Abends mit Künstlern aus Italien, Schweden, Österreich, der Ukraine und wohl noch ein paar Ländern mehr (wenn man die Nebenrollen dazu nimmt) eigentlich nur als Kuddelmuddel oder Palawatsch bezeichnen. Was mit Sicherheit nicht dabei herauskommt: hochrangig interpretierter Mozart.

Dabei hatte man mit Markus Werba einen die heimische Seele labenden Titelhelden, vielleicht weil die Wiener so „kunzisch“ Italienisch singen? Jedenfalls ist das ein wendiger, pfiffiger Bursche, dem nie passieren könnte, was dem Figaro bei der Premiere dieser Martinoty-Inszenierung geschah, nämlich dass er überhaupt nicht vorhanden schien. Dieser zwar nicht ausgesprochen aufsässige, aber doch sehr witzig intrigierende junge Mann behauptet seinen Platz – auch stimmlich, wenngleich bei den drei Arien klar wird, dass Werba hier nicht über die Kraft verfügt, mit der er losdonnern sollte: Da mangelt es doch an Substanz. Eine Staatsopern-Persönlichkeit – mit Volksopern-Stimmumfang.

Als Figur überzeugt auch Pietro Spagnoli als Graf, schon weil er optisch – ein großes, ansehnliches Mannsbild – ein so deutliches Gegenbild zu Figaro darstellt. Vor allem kann er die Herrenmenschenattitüde kalt herauskehren, und bis auf gewisse kleine Schwachstellen (wenn es halt um die Frauen geht), hat dieser Mann gar keinen Humor. So ist der Almaviva durchaus überzeugend umrissen, während man ihn sich stimmlich nachdrücklicher vorstellen könnte.

Als Gräfin hätte sich Genia Kühmeier in Wien vorstellen sollen, aber die wusste interessanterweise schon vor Wochen, dass sie krank sein würde. (Dabei hatte sie in Salzburg, in der zerebral-misslungenen Guth-Inszenierung, einen so schlechten Einstand für die Rolle, musste sauertöpfisch und dauerbeleidigt herumschreiten – man würde ihr wirklich wünschen, dass sie sich einmal in die herrliche Vielfalt der Gräfin hineinfinden darf.) Mit dieser Absage kam die Ukrainerin Olga Bezsmertna zu einer frühen Chance, denn die Staatsoper hat die Belvedere-Wettbewerb-Finalistin eigentlich nur für Nebenrollen (Echo oder Marzellina im „Barbiere“) engagiert. Nun durfte sie gleich ins eiskalte Wasser köpfeln und eine der schwersten Rollen singen – denn der geliebte Mozart war natürlich ein Hund und hat Dinge gefordert, die die wenigsten wirklich schaffen. „Dove sono“ gehört dazu, und Olga Bezsmertna kämpfte tapfer und teilerfolgreich.

Die Schwedin Miah Persson – hübscher kann man gar nicht aussehen als sie mit ihrer schlanken Gestalt, dem reizenden Gesicht und den blonden Locken – spielte eine sehr ansprechende Susanna, nicht das weiblich-intrigante Kammerkätzchen, sondern eine liebenswerte junge Frau. Gesanglich beglückte sie nicht so hundertprozentig, weil sie nicht die saubere Glockenstimme für eine Susanna mitbringt, sondern einen in allen Lagen vibratoreichen Sopran, der  einen leicht blechigen Nachhall hat. Immerhin gelang die Rosenarie mit vielen schönen Piani delizioso und erhielt auch Applaus, was bekanntlich selten der Fall ist. Weniger gelungen war das himmlische Duett Gräfin – Susanna im dritten Akt, weil beide Damen nicht über die nötige „schwebende“ Stimme und der Dirigent nicht über die nötige Sensibilität verfügte.

Als Cherubin lernte man Lena Belkina kennen, noch eine Ukrainierin, auch sie für Mini-Rollen im Ensemble. Sie ließ sich entschuldigen – vielleicht hört man also bei anderen Gelegenheiten mehr. So war es nur ein Mini-Stimmchen ohne besondere Eigenschaften und viel zu hell, um wirklich den sinnlichen Reiz eines Mezzo zu entfalten. Sicher, mit ihren schwarzen Haaren und ihren großen schwarzen Augen sieht sie reizend aus, aber auch das reicht noch nicht für Mozarts unwiderstehlichen kleinen Verführer.

Monika Bohinec zog einem mit durchdringender Stimme und einer selbst für diese Rolle zu überzogenen Aufdringlichkeit den Nerv, Sorin Coliban ließ als Bartolo seine Röhre hören, Norbert Ernst wieselte den Basilio, Thomas Ebenstein stotterte vernehmbar den Curzio, Marcus Pelz als Antonio zeigte Kletterkünste, als er vom Orchestergraben per Leiter auf die Bühne krabbelte. Über die Ungarin Viktória Varga, anderswo schon die Königin der Nacht, hier – wie es sich für eine „Anfängerin“ gehört -, als Barbarina, wird man nach anderen Rollen mehr wissen.

Jérémie Rhorer begann so lahm, dass man sich im ersten Akt fragte, ob Mozart hier eine langweilige Oper geschrieben hat (und das sollte nicht passieren), legte aber dann etwas an Drive nach. Das Publikum reagierte während des Abends eher zurückhaltend, am Ende stärker. Da ich für meinen zweiten Merker-Sitz an diesem Abend niemanden gefunden hatte (vermutlich war jeder verfügbare Opernfreund „in der Met“), saß ein Herr aus Ingolstadt neben mir. Nach der Pause kam er nicht wieder…

Übrigens: In dem großen Möbelwagen meiner Phantasie, in den ich schon die „Don Giovanni“-Dekoration geräumt habe, ist noch reichlich Platz für den „Figaro“-Krempel. Dann könnte man sich doch auf die Suche nach der herrlichen Ponnelle-Dekoration machen. Und ein paar der hoch fähigen Abendregisseure des Hauses wären zweifellos imstande, diese Meisterinszenierung wieder zu erschaffen. Wenn es dann auch noch eine Besetzung gäbe, die über dem Durchschnitt rangiert… ach, die Träume eines Opernfreundes.

Renate Wagner

 

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