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WIEN / Staatsoper: LA TRAVIATA

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Kristina Mkhitaryan (Violetta) und Amartuvshin Enkhbat (Giorgio Germont). Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN /Staatsoper: LA TRAVIATA

8. Aufführung in dieser Inszenierung

31. Oktober 2022

Von Manfred A. Schmid

Verdis Violetta Valéry, nach einem Roman von Alexandre Dumas d. J., ist eine „La Traviata“, eine vom Weg Abgekommene, die es in der Halbwelt zu Ruhm und beträchtlichem Reichtum gebracht hat, gesellschaftlich aber verpönt bleibt. Das ist auch der Grund, warum Giorgio Germont alles daransetzt, dass Violetta ihren Geliebten Alfredo, seinen Sohn, verlässt. Nur so kann die Ehre der Familie wiederhergestellt werden. In der Inszenierung von Simon Stone ist Violetta eine Influencerin, der es mit ihren Auftritten in den social media gelungen ist, den Weg nach oben zu gehen. Längst ist sie in der Gesellschaft der Schönen und Reichen angekommen, wo sie geschätzt und bewundert wird. Als Role Model hat sie Vorbildwirkung für Hunderttausende von Followern.

Der australisch-schweizerische Regisseur Simon Stone ist dafür bekannt, alte Stoffe kühn in die Gegenwart zu transponieren, was ihm an der Staatsoper zuletzt mit Alban Bergs Wozzeck ziemlich gut gelungen ist.  Auch seine La Traviata-Inszenierung funktioniert – im mondänen Bühnenbild von Robert Cousins und mit den Videos von Zakk Hein, voll von Chat-Verläufen, E-Mails und Fotografien der Hauptpersonen – blendend. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, als Vater Germont an Violettas Tür klopft, um Violetta zu überreden, aus moralischen Gründen auf ihre Liebe zu Alfredo zu verzichten, was sie dann, großherzig und unter vielen Tränen, auch tut. Warum? Gründe dafür gibt es in heutiger Zeit, und genau in dieser ist Stones Handlung angesiedelt, überhaupt nicht. Damit aber geht dem Stück sein tragisches Hauptthema abhanden. Dass die Handlung trotzdem weiterhin zu fesseln vermag, liegt am dramaturgisch effektvoll gebauten Stück von Francesco Maria Piave, an der grandiosen Musik Verdis, aber auch an Stones Fähigkeit, eine Geschichte gekonnt auf die Bühne zu stellen und fertig zu erzählen, auch wenn es zwischendurch im Getriebe ziemlich geknackt haben mag. Lästig ist allerdings, dass meist zu viel Bewegung herrscht, ob dass nun die endlosen vorbeiflimmernden Chat-Nachrichten und Zeitungsschlagzeilen oder die vielen, wankend und schwankend absolvierten Aufmärsche von Violetta und ihrem Gefolge sind. Das lenkt vom Gesang ab, und es besteht die Gefahr, dass sich die Aufmerksamkeit zu sehr auf das Beiwerk konzentriert. Etwas mehr Ruhe hätte da gutgetan. Und warum das erste Rendezvous von Violetta und Alfredo ausgerechnet zwischen Colonia-Kübeln und leeren Bierkisten stattfinden muss, ist auch nicht einleuchtend: Die Angst des Regisseurs vor … Romantik?

Ohne gute Akteure auf der Bühne geht freilich nichts. Die Besetzung ist in diesem Fall aber recht gut. Im strahlenden Mittelpunkt steht Kristina Mkhitaryan. Ihr warmer, samtiger lyrischer Sopran ist den wechselnden Gefühlsregungen jederzeit gewachsen, ob es sich nun um routinierten Smalltalk bei glanzvollen gesellschaftlichen Ereignissen, aufkeimende Liebe, entbrannte Leidenschaft oder wachsende Verzweiflung handelt. Berückend gestaltet sie die zarten Pianissimo-Passagen, hochdramatisch sind ihre dramatischen Ausbrüche. Die zunächst vorsichtig tastende Hoffnung der Totgeweihten auf ein Revival ihrer großen Liebe und eine gemeinsame Zukunft mit Alfredo, die sich zu einer überzeugten Gewissheit steigert, berührt zutiefst. (Vergeblich aber habe ich nach Mkhitaryans „haselnussfarbener“ Stimme gesucht, von der ein Kollege anlässlich der ersten Vorstellung der derzeit laufenden Aufführungsserie geschwärmt hat. Um das festzustellen, muss man vermutlich wohl eine Sommelier-Ausbildung absolviert haben oder direkt von einer Weinprobe gekommen sein.)

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Amartuvshin Enkhbat (Germonz) und Dmytro Popov (Alfredo).

Der ukrainische Tenor Dmytro Popov verfügt über eine robuste, angenehme Stimme, die ihm auch in der Höhe keinerlei Probleme bereitet. Die Cadenza in „Dei miei bollenti“ sing er mit feinem Mezzopiano, und in „O mio rimorso“ bestícht er mit einem frischen Hohen C. Besonders viel Glanz und Zauber strahlt er nicht gerade aus und wirkt als Alfredo darstellerisch etwas steif, was aber recht gut zu dem jungen, etwas scheuen Liebhaber passt, um den es hier geht.

Keine darstellerische Offenbarung ist auch Amartuvshin Enkhbat als Giorgio Germont. Der aus der Mongolei stammende Bariton hat an der Staatsoper aber schon als Nabucco zeigen können, was in ihm stimmlich steckt. Auch in der Rolle als strenger, mahnender, fordernder Vater punktet er mit seinem samtigen, wohltönenden und durchschlagskräftigen Organ und erhält für seine  Arie „Di Provenza” viel Beifall.

Schauspielerisch um vieles ergiebiger ist Ensemblemitglied Szilvia Vörös als verführerische, aufreizende Kokotte Flora, die auch dann in Erscheinung tritt, wenn sie nicht zu singen hat. So verleiht die bezaubernde Mezzosopranistin der Freundin Violettas, die oft in der Masse verloren zu gehen droht, diesmal ein eigenständiges Profil.

Monika Bohinec ist als Annina eine etwas schroff auftretende Dienerin und Vertraute Violettas. Eine Rolle, die oft mit Sopranen besetzt wird, was aber für die versierte Mezzosopranistin, ohne die fast keine Produktion im Haus am Ring denkbar ist, kein Problem darstellt. Ganz wohl aber scheint sie sich in dieser Rolle aber nicht zu fühlen.

Gute Leistungen erbringen weiters Carlos Osuna als Gaston, Attila Mokus als Baron Douphol, beide Ensemblemitglieder, und Jack Lee aus dem Opernstudio als Marquis von Obigny. Nicht zu vergessen der Staatsopernchor, der im Maskenball zur Halloween-Nacht, in unheimlichen Kostüme von Alice Babidge gesteckt, zur richtigen Stimmung beträgt.

Unter der musikalischen Leitung von Thomas Guggeis, der es in kurzer Zeit und in jungen Jahren schon an das Pult bedeutender internationaler Orchester geschafft hat, lässt das Staatsopernorchester die latente Spannung hörbar werden, die das Geschehen von Anfang an – von den zarten, hohen, ätherischen Tönen der Geigen zu Beginn über die dramatischen Zuspitzungen bis hin zum ergreifenden Ende – prägt und in Atem hält. Verlässlich. Mehr wohl nicht.

Frischer und von Beifallsrufen unterfütterter Applaus, aber – wie schon gewohnt – eher kurz. Nach fünf Minuten so gut wie verebbt.

 

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