Wiener Staatsoper – 1.11. La fille du régiment

Tenor triumphans

Zuletzt (2022) waren in Laurent Pellys Erfolgsproduktion (Wiener Premiere: 2007) die Belcantostarpaarung Pretty Yende und Juan Diego Flórez zu hören, am Allerheiligentag bot das Besetzungsbüro der Wiener Staatsoper eine nicht minder interessante Marie-Tonio Kombination auf: Erin Morley und Xabier Anduaga heißt das sonntäglich-feiertägliche Soldatendreamteam, und so viel sei vorweg genommen: Dieses Duo steht dem vorgenannten um nichts nach:
Das Wien-Debut der US-Amerikanerin Morley ist dem Publikum noch in bleibender Erinnerung, als sie bei der Rigoletto-Premiere als Gilda von ihrem Bühnenvater verlassen das „Vendetta-Duett“ allein auf der Bühne beenden musste und dabei unglaubliche Nervenstärke bewies. Seither war sie in einigen Rollen des Koloraturfachs zu Gast, feierte dabei ihre Erfolge und stellt sich nun als Donizettis Marie den Augen und Ohren der Zuseher- und -hörerschaft vor. Zunächst beginnt sie im Duett mit Sulpice etwas verhalten, steigert sich allerdings stimmlich von Szene zu Szene, und lässt in der Abschiedsszene des ersten Aktes schon viele traurige Töne hören. Ihre noch stärkeren Momente hat sie im zweiten Akt, in dem sie zuerst mit großer Komödiantik, dann in Cavatine und Cabaletta wiederum tragisch klingend, im Terzett mit Tonio und Sulpice („Tous les trois réunis, Quel plaisir, mes amis!“) mit viel Energie augenscheinlich sehr viel Spaß an der Sache hat und zuletzt beim finalen happy end, bei dem sie ihren Geliebten endlich in die Arme schließen kann und dabei mit warmem Timbre wahrhaft glücklich zu tönen vermag.
Selbstverständlich werden die Tonios dieser Welt vor allem an den 9 hohen C des „Ah! mes amis, quel jour de de fête ! – Pour mon âme Quel destin!“ gemessen. Mit seinen 31 Jahren hat sich der Operalia-Gewinner und Accademia Rossiniana-Absolvent Xabier Anduaga schon an die Spitze des Belcantofachs gesungen und geizt weder mit Stimmschönheit, Legatokultur noch sinnlichem Schmelz. Seine Höhen sind bombensicher, er singt die Spitzentöne mit schönem und nie forcierten Klang. Das Publikum tobt nach seiner Arie, und man sieht schon vom Dirigenten die Gesten für die Wiederholung – diesmal kommt sie nicht. Spätestens jetzt hat sich der Spanier völlig in die Herzen des belcanto-verliebten Wiener Publikums gesungen. Doch Anduaga kann nicht nur Spitzentöne – auch seine Auftritte in den Duetten und Terzetten und den Ensembles überzeugen mit all seinen Atouts, und in der Romanze des zweiten Aktes („Pour me rapprocher de Marie“) hört man die Melancholie des verzweifelt Liebenden. In seiner Stimme sind schon ganz andere Rollen angelegt, sie verfügt über genügend Breite und durchaus dramatischen Klang, um zunächst Puccinis lyrischere Helden zu erobern. Werther hat er bereits gesungen.
Der ungarische Bassbariton Peter Kálmán beweist als Sulpice komödiantisches Talent, Stephanie Houtzeels Stimme bleibt für die Marquise de Berkenfield nicht von Abnützungserscheinungen verschont. Brigitte Kren verströmt als Duchesse de Krakenthorp viel österreichischen Charme.
Evelino Pidò kehrt mit einem sehr ordentlichen Dirigat nach längerjähriger Abwesenheit wieder an die Wiener Staatsoper zurück, deren Chor und Orchester beweisen, dass sie auch in den virtuosen Klängen des Belcanto-Fachs zu Hause sind.
Sabine Längle

