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WIEN/ Staatsoper: LA FANCIULLA DEL WEST – – eine Dirigenten-Herausforderung

19.01.2017 | Oper

WIEN/Staatsoper: „LA FANCIULLA DEL WEST“- eine Dirigenten-Herausforderung

(am 18.1.2017 – von Karl Masek)

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Marco Armiliato. Copyright: Agentur IMG-Artists

Franz Welser-Möst, Dirigent der Premierenserie im Oktober 2013 (Inszenierung: Marco Arturo Marelli) im Interview, welches im Programmheft abgedruckt ist: „…der erste Akt der Fanciulla ist das Schwerste, was ein Dirigent im italienischen Repertoire vorfinden kann…, die Besetzung ist riesengroß, wenn da nur einer einen Fehler macht, geht ein Dominoeffekt los, den man vom Dirigentenpult aus kaum noch auffangen kann…, dennoch ist es ein ‚Dirigentenstück‘…“

 Und es hat einen außerordentlich fordernden Orchesterpart. Giacomo Puccini bricht hier kompositorisch im wahrsten Sinn des Wortes zu neuen Ufern auf – und viele Experten verorten ihn in diesem Werk näher bei Debussys „Pelléas“,sogar bei Bergs „Wozzeck“ als bei seinen früheren Werken. Das mag der Grund sein, warum die „Fanciulla“ nie die Popularität von „La Boheme“, „Tosca“ oder „Madame Butterfly“ (nach allerdings vier Fassungen!) erreicht hat.

Aber es ist – so sagen „Experten“ immer wieder –  Puccinis modernstes Werk, voller neuer Orchesterfarben, von packender musikalischer Dramatik, stellenweise wie viel später entstandene Filmmusik. Aber  keine „Western“- Oper“ mit dazu gehöriger Romantik. „Sie spiegelt die soziale Welt der mittellosen Minenarbeiter, der Flüchtlinge und Gestrandeten, …, in der ‚Fanciulla‘ geht es nicht um tapfere und wagemutig verbrämte Helden, sondern um Entwurzelte, die von der Not getrieben, ihre Heimat verlassen haben, in die Fänge des Goldrauschs gelangt sind…“, so Andreas Láng  in seinem Aufsatz „Keine Westernoper“. Und Marco Arturo Marelli liefert auch keine Western-Inszenierung ab…

Mein erster Live-Eindruck dieses Werks war 1979, noch in der missglückten Inszenierung von Lotfi Mansouri. Dirigent damals: Giuseppe Patané. In den Hauptrollen Radmila Bakocevic, Plácido Domingo und Giuseppe Taddei in einer sängerisch tollen, hitzigen, turbulenten Aufführung, auch weil sich damals Taddei im Furor der Pokerszene an der Hand verletzte und somit im II.Akt  von ‚Dick Johnson‘ und ‚Jack Rance‘  Blut floss. Dann die Premiere der aktuellen Inszenierung mit Nina Stemme, Jonas Kaufmann und Tomasz Konieczny.

Ich nahm mir vor, mich bei der dritten Werkbegegnung auf das Orchester zu fokussieren. Und das war in besonderer Weise spannend!

Der polnische Bariton Andrzej Dobber („Sheriff Jack Rance“) wurde vor dem Vorhang als „heiser“ angesagt. Er rettete die Vorstellung, war aber sichtlich und hörbar angeschlagen, musste sich mehr als ihm lieb war, ins Piano zurücknehmen. Wie ihn Dirigent Marco Armiliato durch die Vorstellung „trug“, wie er Lautstärke zurück nahm, dass Dobber auch bei Spannungshöhepunkten (z.B. der Pokerszene) dennoch hörbar blieb, aber bei dick instrumentierten Stellen durchaus aufdrehte (da hörte man ihn schlimmstenfalls ein paar Momente lang gar nicht), zeigte eindrucksvoll, welch großer Könner der aus Genua stammende Kapellmeister ist. Er hat jetzt endlich für diese  Saison eine Premiere erhalten („Il Trovatore“ am 5.2.)!

Das Orchester der Wiener Staatsoper machte seinem Ruf, mit den Sängern auf der Bühne mitzuatmen und aufeinander zu hören, gerade an diesem Abend wieder alle Ehre.

Durch Dobbers Indisposition schienen die beiden anderen Protagonisten anfangs schaumgebremst, steigerten sich dann im II. und III. Akt zu einer soliden Gesamtleistung.

Emily Magee („Minnie“) stellte als Einzige der Hauptrollen eine Bühnenfigur von Format und Persönlichkeit auf die Bretter. Sie hat als gestandene Chefin und sogar „pädagogisches Talent“ ihre Kumpels  im Griff, ist resolut, zeigt eine große Gefühls-Bandbreite und kämpft heldenhaft für den vielleicht doch durch sie Geläuterten Banditen Dick Johnson/Ramerrez. Ihr Sopran: Metallisch, in den Höhepunkten sich zu dramatischem Feuer steigernd.

Aleksandrs Antonenko – der Spintotenor  sang an der Staatsoper bereits in „Otello“,  „Manon Lescaut“, „Tosca“ und „Pique Dame“ die einschlägigen Tenorrollen – war als „Dick Johnson“ weder als schneidiger Bandit Ramerrez noch als in Minnie Verliebter glaubhaft. Zu phlegmatisch und schwerfällig blieb sein Auftreten, Gefühlsregungen konnte er kaum vermitteln. Immerhin schwang er sich zu ein paar eindrucksvollen Spitzentönen auf.  Den einzigen Ohrwurm, „Ch‘ella mi creda“, hat man von vielen anderen schon mit mehr suggestivem Ausdruck gehört.

Aus dem präzisen Männerensemble ragten der umtriebige Wirt „Nick“ von Carlos Osuna, der  schönstimmige Bariton von Boaz Daniel („Sonora“), und der heimwehkranke „Larkens“ von Ryan Speedo Green heraus.

Starker Beifall, ein paar Bravi für Dirigent, Orchester, Magee – und auch für Antonenko. Aber nach kaum  fünf Minuten war alles vorbei…

Karl Masek

 

 

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