9.3.2026 Premiere LA CLEMENZA DI TITO
Möge die Milde walten

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Das zuletzt sturmgebeutelte Opernhaus kann ein wenig Milde derzeit gut gebrauchen, und so war es an Mozarts letzter Oper La clemenza di Tito die aufgepeitschten Wogen, die sich da und dort aufgebäumt hatten, zu glätten. Der von Mozart vertonte und von Metastasio betextete historisch gar nicht so milde Titus ist es, der vorführt, was Verzeihen,Vergeben und Ent-Emotionalisieren bedeutet.
Als Regisseur und Choreograph wurde Jan Lauwers gewonnen, der vor einigen Jahren mit einer von der Wiener Staatsoper aus Salzburg übernommenen Produktion der Incoronazione di Poppea für durchwegs positive Resonanz gesorgt hatte. So nahm er sich nunmehr dem Auftragswerk über die Herrschendenpreisung an. Er verortet das Geschehen in einem mit wenigen Stufen bestückten Niemandsland, in dem sich abgesehen von den vorgesehenen Protagonisten allerlei an Entourage tummelt, die das Geschehen in die eine oder andere Richtung verdeutlichen und verständlich machen soll. Insbesondere im 1. Akt findet ein ständiges Gewusel und Getanze statt, das von der musikalischen Darbietung in fast schon störender Weise ablenkt, auch der Chor darf karikaturengleich outrierend aufmarschieren. Zuletzt wird Sesto publikumswirksam gefoltert und herumgezerrt. Die Hauptdarsteller und -tänzer hat die Kostümbildnerin Lot Lemm in glänzende (Plissee-)Outfits durchwegs eleganter Natur getaucht – diese sind eindeutig auf der Plus-Seite dieses Abends zu verbuchen. Für Schuhwerk reichte das Budget allerdings offensichtlich nicht. Abgesehen von der Bewegungsmaschinerie überlässt die Regie die Sänger dem Rampentheater, das sie – je nach darstellerischer Begabung – mal mehr, mal weniger überzeugend bespielen. Hin und wieder sieht man durchaus geschmackvolle Prospekte, die das Halbrund verzieren, auch findet der Sturm aufs Kapitol mit einem über das Gesamtgeschehen gelegten Filmausschnitt seine Verdeutlichung.
Sollte all dies als Ablenkungsmanöver für die eine oder andere nicht allzu geglückte sängerische Leistung dienen, so geht dies nur bedingt auf:
Kathleho Mokhoabane war bis vor kurzer Zeit Mitglied des Opernstudios der Wiener Staatsoper und hat nun mit einer mozartschen Hauptrolle den Weg zurück ins Haus gefunden. Die Stimme des Südafrikaners eignet sich hervorragend für den Titus, klangschön, warm bruchlos. Die Kraft des Herrschers, das Unerbittliche, die Autorität fehlen hingegen. Besonders fällt dies dann ins Gewicht, wenn er – aus welcher Motivation auch immer – gezwungen ist, nach dem Sturm auf Kapitol, bei dem er doch eigentlich unverletzt bleiben sollte, in einem Rollstuhl herumzufahren. Er ist allerdings jedenfalls ein großes Versprechen an Stimmschönheit.
Den größten Erfolg verbucht die kanadische Mezzosopranistin Emily d’Angelo für sich, nicht nur, weil sie als Sesto die heimliche Hauptdarstellerin ist und mit „Parto, parto“ die bekannteste Arie der Oper vortragen darf, sondern weil sie mit großer Bühnenpersönlichkeit und schauspielerischer Kraft ein glaubhaftes Menschenschicksal über die Rampe bringt. Ihre Stimme mutet eher herb an, alle Lagen und Registerwechsel funktionieren, auch die Lautstärke passt.
Dies kann man von Hanna-Elisabeth Müller, offenkundig ein Liebkind der Intendanz, leider nicht behaupten: Ihr ist die nahezu unsingbare Rolle der Vitellia zugedacht, die ihrer Darstellerin sanfte Kantilenen ebenso wie mörderische Attacke abverlangt. Dass die Zuhörerschaft beim finalen „Non più di fiori“ auf Grund der für einen Sopran tödlichen Tiefen akustische Abstriche zu machen hat, ist ohnehin eingeplant, dass aber während der gesamten Aufführungsdauer viele Höhen forciert und angestrengt, aber doch zu leise klingen, lässt nur den Schluss zu, dass die Stimme schlichtweg zu wenig dramatisch für die eifersüchtig-böse Rächerin ist. Der Gesamteindruck bleibt – allerdings erwartbar – unbefriedigend.
Erfreulich war die Gestaltung des Annio durch die italienische Mezzosopranistin Cecilia Molinari, in ihrer Stimmfärbung dem Sesto ähnlich, was die Interaktion zwischen den beiden nicht uninteressant machte. Eine Leistung, die sämtlichen Anforderungen der mittelgroßen Rolle, der einige wichtige musikalische Passagen zugemessen sind, vollends gerecht wird. Auch ihre Bühnenpräsenz besticht.
Florina Ilie hat eine eher kleine, klangschöne, sehr lyrische Stimme, die jedenfalls in den leisen Momenten das richtige Volumen für die Servilia aufweist.
Matheus França ist von der Regie genötigt, einige tänzerische Mätzchen mitzumachen, die nur bedingt überzeugen. Sängerisch ist er jedenfalls rollendeckend.
So ist es wiederum an Chor und Orchester der Wiener Staatsoper, die unter der Leitung von Pablo Heras-Casado die überzeugendsten musikalischen Momente zu liefern haben. Ein – im positiven Sinne – gleichförmiger, eher zurückgenommener Mozartklang, ein sanftes Begleiten, das still und heimlich die Hauptrolle übernimmt. So bleibt letztlich ein milder Gesamteindruck.
Sabine Längle

