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WIEN/ Staatsoper: LA CENERENTOLA – zweite Vorstellung

10.1.2022, „La Cenerentola“, Wiener Staatsoper

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Er allein ist einen Besuch wert: Lawrence Brownlee. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Gioachino Rossinis „La Cenerentola“ an der Wiener Staatsoper: Die zweite Vorstellung der laufenden Serie war extrem schlecht besucht. Der Anblick des schütter besetzten Auditoriums war schockierend. Auf der Galerie saßen beispielsweise keine hundert Besucher.

Die Pandemie hinterlässt ihre Spuren, aber die Staatsoper ist sicher ein spezieller Fall: Man setzt auf die 3G+-Regel, die nicht einmal das Neujahrskonzert angewandt hat; man hat sich in den letzten Jahrzehnten in der Auslastung stark vom Tourismus abhängig gemacht; das Stammpublikum ist eher älter und hat vielleicht mehr Sorge vor einer Ansteckung; und „La Cenerentola“ zählt auch nicht gerade zu den ganz großen „Bühnenreißern“. Offenbar lässt sich die Summe solcher Faktoren auch mit Kartenaktionen im Vorfeld schwer aushebeln. Am Nachmittag des Vorstellungsabends waren noch Hunderte Karten verfügbar.

Zu berücksichtigen ist außerdem, dass „La Cenerentola“ in den letzten Jahren viel gespielt wurde. An diesem Abend gab man laut Programmzettel bereits die 47. Aufführung in dieser Inszenierung, die aus dem Jahr 2013 stammt. Das Stammpublikum kennt das Werk, kennt die Inszenierung, und in Anbetracht der äußeren Umstände ist es wahrscheinlich nicht ungeneigt, da und dort beim Kulturgenuss Abstriche zu machen. Gegen solche persönlichen Abwägungen und einem gesellschaftlich allgemein spürbaren Zaudern ist dann auch mit vergünstigten Kartenkontingenten schwer anzukämpfen.

Dabei hätte sich diese Aufführungsserie ein übervolles Haus verdient – und zwar wegen des Prinzen von Lawrence Brownlee. Brownlee ist derzeit einer der besten „Rossini“-Tenöre und er servierte den Don Ramiro mit sublimer Virtuosität. Das leicht angedunkelte, samtige Timbre seines Tenors verleiht dem Prinzen zudem eine schlanke, reizvolle Virilität. Brownlees Stimme verfügt über ein sicheres „hohes C“ und insofern war das „Si, ritrovarla io giuro“ im zweiten Akt für ihn eine „lockere“ Angelegenheit, die er mit Verve, ein paar eingelegten Raffinessen und lange gehaltenem finalen „Acuti“ zu einem Gustostückerl machte. Im Spiel zeigte sich der Sänger agil und voller Humor. Das Publikum war diszipliniert und hat vor dem Andantino besagter Arie nicht hineingeklatscht. Und in einem vollen Haus wäre der reichlich gespendete Szenenapplaus sicher länger und stürmischer ausgefallen.

Das Umfeld des Prinzen bot zum Teil das, was derzeit an italienischem Parlandovermögen „State-of-the-art“ ist. Vito Priante gab einen eloquent-verschmitzten Dandini und Paolo Bordogna den Don Magnifico als mir schon zu naturalistisch angehauchten „Zyniker“ – eine Sicht der Dinge, die aber von der Inszenierung gestützt wird. Es ist ohnehin ein dramaturgisches Grundproblem dieser Oper, dass in ihr die Balance des Dramma giocoso zu unaustariert ist, weil sie sich zu sehr dem „Ernsten“ zuneigt, und weil sie dem Aschenbrödel eine Moral umhängt, die der „Buffa“ das Wasser abgräbt. Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf verstärkt diesen Eindruck – und wenn er Cenerentola am Beginn des Finales und im Hochzeitskleid noch den Boden schrubben lässt, dann wird jede Illusion zerstört. (Cenerentola wird außerdem ihre pummelige Teenie-Brille den ganzen Abend lang nicht los, das ist für jede Sängerin schon fast geschäftsschädigend.)

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Lawrence Brownlee, Erwin Schrott, Vito Priante. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Erwin Schrott gab den Alidoro, aber diese Figur steht nur punktuell im Zentrum. Schrotts Bühnenpräsenz und sein raukräftiges Organ hoben sie an diesem Abend jedenfalls hervor und rundeten den insgesamt positiven Eindruck, den die Männerstimmen hinterließen – mit Brownlee als ihrem gekröntem „Oberhaupt“. Bei den Damen war es dann schon nicht mehr ganz so überzeugend, wobei Maria Nazarova (Clorinda) und Isabel Signoret (Tisbe) als egoistische Schwestern mit Spielwitz punkteten.

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Anna Goryachova. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Das Aschenbrödel leidet in dieser Produktion darunter, dass ihm die Ausstattung keinen Sympathiebonus verschafft. (Bechtolf hat die Handlung in den fiktiven südländischen Kleinstaat „San Sogno“ verlegt. Als Handlungszeit fungieren die 1950er-Jahre. Die Idee ist an sich nicht unwitzig, wird aber – wie bereits angedeutet – viel zu uncharmant umgesetzt.) Wenn dann die Sängerin der Titelpartie – wie in diesem Fall Anna Goryachova – über einen mir schon zu „sehnig“ klingenden Mezzo verfügt, dann wird es schwierig. Mit einem sinnlich-warmen Tonfall und dadurch suggerierter einnehmender Herzlichkeit könnte durch die Inszenierung verlorenes Terrain leichter wettgemacht werden. Goryachovas Mezzo fühlte sich eher in der Tiefe und Mittellage zu Hause und kam mit den Koloraturen gut zu recht. Problematisch war, dass die Sängerin immer wieder zu viel Kraft in die Stimme legte, was besonders im Rondó finale zu unausgewogenen Spitzentönen führte. Der Chor ließ sich in seinem Gesang glücklicher Weise nicht von seiner geschmacklosen Kostümierung ablenken.

Das Orchester unter Giacomo Sagripanti schien bei der Ouvertüre noch ein wenig unter dem Schock des spärlich gefüllten Auditoriums zu stehen und wirkte unkonzentriert, später sorgte Sagripanti für eine flotte, wenn auch in den Details nicht überdeutlich strapazierte Rossinivorstellung. Aber irgendwie war das ohnehin alles egal, weil das Publikum und die Ausführenden sich in gegenseitiger Dankbarkeit ergänzten, was dann beim einige Minuten langen Schlussbeifall deutlich zu spüren war. Das Publikum applaudierte und das Ensemble winkte in das Auditorium. Man schien sich gegenseitig Mut zusprechen zu wollen: So schlimm wie das alles aussieht, ist es doch gar nicht; der Vorhang wird sich auch morgen wieder heben; die Oper lässt sich doch von einer Pandemie nicht unterkriegen! Und so spazierte man gegen 22.15h dankbar nach Hause.

Dominik Troger/ www.operinwien.at

 

 

 

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