Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper: IL TRITTICO. Butterfly ante portas

Wiener Staatsoper: 30.6.2026 IL TRITTICO

Butterfly ante portas

tri

Zum Saisonschluss stand Giacomo Puccinis 1918 in New York uraufgeführter Dreiteiler (ohne gemeinsamen Handlungsbogen) auf dem Programm. Puccini hat für seine drei Kurzopern allerdings in musikalischer Hinsicht Gemeinsamkeiten kreiert: Viele in Musik gesetzte Dialoge und Gespräche, manches kammerspielartig, viele „moderne“ Klänge.

Der Wiener Staatsoper steht Tatjana Gürbacas (Bühne: Henrik Ahr; Kostüme: Silke Willrett) lieblose Interpretation als Kulisse zur Verfügung: Der Tabarro kommt mehr oder weniger ohne Requisiten aus, einzig am Bühnenhintergrund findet ein permanenter Wandertag statt, mit dem ärmlichen Charme eines Seine-Schleppkahns hat dies natürlich nichts zu tun. Der einzige „Regieeinfall“ bei der Suor Angelica besteht darin, dass sich die im Stück als „Kräuterhexe“ eingeführte Angelica nicht mittels Selbstgebrautens in die Arme ihres toten Kindes befördert, sondern den Suizid mit Hilfe von Glassplittern begeht. Der im Mittelalter während des Florentiner Karnevals spielende Gianni Schicchi wird ins Faschistenregime transferiert, und durch ein dieses kritisierende Transparent zeigt Gürbaca Publikum und Intendanz, dass sie politisch auf der „richtigen“ Seite steht. Den armen Rinuccio hingegen hat sie in ein Eselskostüm gesteckt. Soweit – so langweilig.

Lorenzo Viotti, kürzlich zu Schönbrunn-Ehren mit den Wiener Philharmonikern gekommen, zeigt mit dem ausgezeichnet aufspielenden Orchester, dass er offensichtlich zu den neuen Lieblingen dieses formidablen Klangkörpers gehört. Aktiv und agil, stets auch um elegante Optik bei der Einsatzgebung bemüht, schafft er breite Klangmassen, wo sie anstehen, so bei den Kantilenen und Chorstücken (blendend der Damenchor!) der Suor Angelica, Dramatik, wo diese gefragt ist – so insbesondere beim Tabarro – und intime Momente der intriganten Konversation bei Gianni Schicchi (allenthalben ist hier „die“ Komödie der italienischen Opernliteratur des späten 19. Jahrhunderts gegenwärtig). Ein großer Erfolg für den Maestro!

Ein Kunststück, eine Sopranistin für alle drei so unterschiedliche Frauenrollen gewonnen zu haben: Salzburg schaffte dies mit der allseits gehypten Asmik Grigorian, die Wiener Staatsoper kontert erfolgreich mit Nicole Car: Eine Prachtstimme, eine breite Ausdruckspalette, eine große dynamische Differenzierungskunst, zarte Piani, Silberklänge, warme Höhen – ein wahrer Glücksfall! Dazu noch eine innige Darstellerin, die zweifelsohne mit der Angelica am meisten punkten kann: Da ist sie, ihre Nonne, in Stimme und Spiel wie die Japanerin, die auf ihren Leutnant hofft, hoffentlich bald auch auf den Bühnen der Welt. Derzeit noch die Ankunft der familiären Mischpoche mit Nachrichten über ihr Kind sehnsüchtig erwartend. Ihre Giorgetta ist eine dramatischere Version der freiheitsliebenden Nedda, und ihre Lauretta ein reizendes frivoles Püppchen. Eine Freude!

Im Tabarro ist ihr mit dem in Wien leider viel zu selten auftretenden mexikanischen Operalia-Preisträger Arturo Chacón-Cruz (sein Hoffmann im Theater an der Wien ist noch in blendender Erinnerung) ein durchaus glaubhafter Liebhaber als Luigi beiseite gestellt. Er verfügt über eine schöne runde lirico-spinto-Tenorstimme, setzt seine Höhen gut ein und hat eine fundierte wohlklingende Mittellage – im Übrigen war er jüngst als Manrico an der MET höchst erfolgreich. Darstellerisch ist er mit dem nötigen Temperament gesegnet.

Ambrogio Maestri ist im Tabarro als Michele hervorragend aufgehoben. Stimmlich tadellos ist er auch darstellerisch der verzweifelte, zusehends mehr und mehr in seinen Rache-Tunnel geratende  gehörnte Ehemann.

In der Suor Angelica, in der Car mit ihrer flexiblen Stimme besonders punkten und zwischen Innigkeit und dramatischen Ausbrüchen variieren kann, ist ihr mit Violeta Urmana als Fürstin eine wahrhaft machtvolle Gegenspielerin in Stimme und Darstellung zugewiesen, deren bösen Spielen sie sich nicht zu widersetzen vermag. Diese gemahnt klanglich an eine Mischung aus Amneris und Ortrud, ohne dabei Schärfen zu zeigen. Unter den kleineren Rollen ragt Ileana Tonca als Schwester Genovieffa heraus.

Im Gianni Schicchi kann Ambrogio Maestri in Falstaff-Manier erwartungsgemäß alle Register des üblen Testamentsfälschers ziehen. Harmlos wirkend, aber doch zu schlau für sein Umfeld zieht er die große Komödie als falscher Buoso Donati ab und wird dafür bei Dante in der Hölle braten. Neben Car und Urmana (als Zita) stellt sich der australisch-chinesische Tenor Kang Wang dem Wiener Opernpublikum als Rinuccio vor. Seine Höhen sind klar, die Mittellage und Tiefe etwas guttural, keinesfalls metallisch, aber auch nicht samten. Derzeit noch ein Versprechen.

Die Gesamtleistung sämtlicher weiterer Protagonisten – derer bedarf es bei allen drei Stücken zu Hauf – ist solide mit dort und da besonders erfreulichen Klängen, wie beispielsweise Jusung Gabriel Park als Betto di Signa im Gianni Schicchi.

So verlagert sich nach diesem durchwegs sehr ansprechenden Saisonausklang das musikalische Hauptgeschehen Österreichs demnächst 280 km in den Westen, wo ähnliche Ränke zu Hause sind wie im Florenz des Jahres 1299.

Sabine Längle

 

Diese Seite drucken