Il Trittico 27.6.2026 – 3×3 vor 3:3

Reiner Zufall, natürlich. Und ganz so selten wie der Aufstieg Österreichs aus der WM-Gruppenphase sind Aufführungen von Puccinis Trittico auch wieder nicht. Für eine Serie im Juni wurde Tatjana Gürbacas Inszenierung wieder aufgenommen, die unter dem Motto: „Wie schwer es ist, glücklich zu sein“, einer Phrase Giorgettas aus dem Tabarro, primär Raum für Leistungen aufregender Singschauspieler gibt. Ältere Besucher mögen sich noch daran erinnern, dass dieses tryptichonübergreifende Motto auch Otto Schenk schon ausgegeben hat. Gürbacas konzentrierter, lakonischer Tabarro, ihre liebevolle, nur am Ende einen gar zu irritierenden Twist (das Kind lebt ja doch, die Tante log und wird von Reue überwältigt) bietende Suor Angelica und ein präzise durchchoreographierter Gianni Schicchi, der das Unvorstellbare erreicht, dass jemand ein komisches Werk zehnmal mehr verblödeln kann als seinerzeit Otti Schenk muss man als Kritiker nicht mögen, muss man aber – angesichts viel üblerer Produktionen – auch nicht vernichten. Auch dass Dante im 14. Jahrhundert offenbar schon Mussolinis Faschismus vorhersah, ist ein gar zu billiger Einwand, wenn die Geschichte auch im Fascismo-Ambiente gut funktioniert. Und das tut sie, wenn auch tonnenschwer mit Gags überladen.
Nicht zum ersten Mal in der Staatsoper, aber zum ersten Mal mit echten Opern (der Mahler-Abend war manches, nur nicht das) beweist im zeitlichen Zusammenhang mit einem sehr gelungenen philharmonischen Abonnementkonzert und einem weniger gelungenen Allerwelts-Sommernachtskonzert Lorenzo Viotti, dass er zu den vorzüglichen jungen Dirigenten gehört. Die impressionistische Stimmung des Tabarro, die pastorale, nicht ganz stringente Atmosphäre der Angelica und der fulminante Schicchi gelingen überzeugend, mit eher raschen Tempi, aber eher langen Pausen wird ein musikalisch erfreulicher Abend von fast vier Stunden daraus. Der sonst zeitlich so ökonomische Puccini war im Trittico an Hits ja sparsamer als an aufzubietender Aufführungszeit. Trotzdem, der Trittico bietet mehr als Laurettas „Il mio babbino caro“ – auch Michele und Angelica haben Nummern von höchstem Rang.
Worauf sich das 3:3 bezieht, wird auch der größte Fußballmuffel rasch erkannt haben. Das 3×3 bezieht sich auf Nicole Cars Hattrick, ihren Auftritt als verhuschte, leidenschaftliche Giorgetta (ein bisschen an der Fachgrenze im Dramatischen), innige, verzweifelte Angelica (nach der Blanche die zweite Hauptrolle als Nonne in ihrem Repertoire) und lieblich liebenswerte Lauretta – anders als Asmik Grigorian in Salzburg und anderswo sogar in der von Puccini vorgegebenen Reihenfolge. Besonders bemerkenswert, dass sie nach den ersten beiden Mordspartien noch genug Lockerheit für die jüngste der drei Rollen aufbringt. Nur in den beiden Eckteilen tritt Ambrogio Maestri dazu; neu in dieser Serie als Michele, sehr verschlossen in Trauer um sein Kind und um die verschwundene Liebe zu Giorgetta, mit wieder ausreichender Stimmkraft und Gestaltungslust, die er ebenso für eine bösere Variante des Schicchi nutzt, mit dem nicht zu spaßen ist, auch wenn er seine Späße mit den anderen macht. Ein Tenor reicht im Trittico selten. Diesmal sind der dramatischere Luigi und der lyrische Rinuccio gleichermaßen relativ leicht besetzt. Arturo Chacon-Cruz debütiert mit dem Luigi an der Staatsoper, optisch wie der jüngere Bruder von Grigolo, aber ohne dessen Lazzi, bewältigt er die stimmlichen Anforderungen mit Anstand. Kang Wang als Rinuccio steht am Anfang einer hoffentlich beachtlichen Karriere, mit feiner Lyrik, in den Höhen gefordert, aber nicht überfordert. Letzte Hauptrolle ist Angelicas Tante Fürstin, eine der dankbaren Rollen im Karriereherbst verdienter Sängerinnen, hier Violeta Urmana mit ausreichend imponierenden und unverbrauchten Stimmmitteln. Die Zita im Schicchi ist für sie eine Zugabe, die ihr sichtlich Spaß macht. Weitere Doubletten bieten Dan Paul Dumitrescu, gut bei Stimme als tapsiger Talpa und als leicht pompöser Simone, Monica Bohinec als sehr herzliche Frugola und als eher herzlose Äbtissin, Daria Sushkova als ambivalente Schwester Eiferin und als La Ciesca mit einer bei ihr nicht alltäglichen, überbordenden Spielfreude, sowie Andrea Giovannini, dessen skurrile Gestalten Tinca und Gherardo mit ungebremsten, fast mehr akrobatischen als tänzerischen Slapstickeinlagen ungleich höher punkten als mit den verbliebenen Stimmresten. In der Suor Angelica darf Ileana Tonca den zahlreichen Soubrettenpartien, die ihre Staatsopernpräsenz seit der Holender-Ära prägten, noch die süße Suor Genovieffa hinzufügen, im Schicchi sind Anna Bondarenko (Nella, wohl ihre beste Rolle) als die Ensembles führender Sopran sowie Simonas Strazdas als stimmstarker Notar Amantio positiv, Jusung Gabriel Park (Betto) und Attila Mokus (Marco), nicht mehr als brav in Spiel und Stimme, neutral hervorzuheben. Die Cameo-Rolle des erfolg- und arglosen Arztes Maestro Spinellocio kann ein Kabinettstück bilden, auch mit verdienten Sängern im Spätherbst ihrer Karriere. Diesmal fürchte ich aber, dass uns Hans-Peter Kammerer das Zeitgenössische zwischen Schicchi und Schönberg gar nicht vorführen wollte, zumal Sprechgesang auf beinahe feststehender Tonhöhe noch keinen Schönberg und schon gar keinen Puccini macht.
Der Frauenchor war diesmal mit schönen Tutti als Klosterkollektiv und einigen Chorsolistinnen in kleineren Solopartien deutlich mehr gefordert als der Herrenchor, der immerhin aber die beiden Testamentszeugen in Florenz stellte (von den Professionen her ein Minisachs und ein Minibarak).
Insgesamt ein schöner Leistungsnachweis zum Saisonausklang. Hoffen wir, dem Trittico nicht erst zeitgleich mit der nächsten Fußball-WM wieder zu begegnen – oder gar erst mit der nächsten, in der Österreich ausreichend punktereich aus der Gruppenphase herausfindet. Die Maestri Armiliato und de Billy wären da gefragt.
Robert Fucik

