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WIEN/ Staatsoper: IL BARBIERE DI SIVIGLIA – phänomenal

18.05.2019 | Oper


Juan Diego Florez. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Wiener Staatsoper: IL BARBIERE DI SIVIGLIA: PHÄNOMENAL (18.5.2019)

Man kann sich bis heute nicht erklären, weshalb die Uraufführung von Giaochino Rossini’s „Barbiere“ im Jahr1816 in Rom ein Flop war. Vielleicht waren es wirklich die Fans von Paisiello oder die Sänger scheiterten an den hohen Ansprüchen. Wie auch immer: die jüngste Wiederaufnahme verwies das Stück mit der Vorgeschichte zu Mozarts „Le Nozze die Figaro“ für mich endgültig in den Opern-Olymp. Voraussetzung – ein Startenor aus Peru, der am Zenit seiner Karriere steht: Juan Diego Florez! Er singt jetzt schon Verdi und Massenet aber Rossini ist sein Komponist. Nach wie vor-eine phänomenale Leistung 20 Jahre nach seinem Debüt in Wien.

Dazu ein „rising star“ aus der Ära von Dominique Meyer: Margarita Gritskova! Sie erinnert bereits an die junge Garanca. Und außerdem – ein vielversprechender 33jähriger junger österreichischer Bariton –Rafael Fingerlos. Er stammt aus Tamsweg, verfügt über eine helle, flexible Stimme. Er begann etwas nervös und vorsichtig, doch steigerte er sich im Laufe des Abends so, dass er mit den Stars gleichzog. Da auch der Rest der Besetzung hervorragend war, erlebte man eine Rossini-Sternstunde der Extra-Klasse.

Ein Gutteil der Stimmungs-Intensität ging zweifellos vom Dirigenten – Evelino Pido -aus. Er kämpfte voll Akribie darum, dass vom Orchester der Wiener Staatsoper ebenso wie vom (Männer-)Chor der Wiener Staatsoper(Leitung Martin Schebesta) der Eindruck der spontanen Musikanten-Lust ausging. Rossinis Musik ist für mich nie Drill sondern Lebensfreude pur – und davon bekam man diesmal jede Menge geliefert! Es begann bei der Kavatine des Grafen, die Juan Diego Florez wahrlich brillant vortrug. Dann die etwas verzitterte  Arie über das „Faktotum der Welt“. Weiter ging es mit der  großen Arie des Rosina – man kann nur urteilen: „makellos“. Tiefe und Höhe ergänzen sich, die Koloraturen perlen! Seine für mich beste Rolle hat Paolo Rumetz im Dr.Bartolo gefunden. Es gab schon Interpreten, die den Parlando-Teil in der großen Arie virtuoser vortrugen, Aber er ist ein urkomischer Vertreter der commedia del arte, der für seine Rolle fast zu viel Stimme hat. Großartig. Das gilt auch für den Musiklehrer Basilio, der ganz auf „Verleumdung“ setzt – er beginnt ganz leise und am Schluss gibt es ein Kanonen-Schuss: Sorin Coliban ist köstlich in seiner lüsternen Verschlagenheit. Jedenfalls war schon beim 1.Finale die Stimmung so angeheizt, dass man glauben konnte, in Pesaro und nicht in Wien zu sein.
Übrigens war die Marzellina (hier Berta) an der Eskalation beteiligt: Lydia Rathkolb drang mit ihrer glockenklaren Stimme in die musikalische Stratosphäre vor. Demnach Bombenstimmung schon zur Pause. Im zweiten – kürzeren – 2.Teil eine köstliche Arie von Rosina, dann ein Kabinett-Stück von Doktor Bartolo, eine herzergreifende Szene von Berta (Marzellina), die als unbedankte Putzfrau schuftet. Und dann großes Finale: Juan Diego singt jene sonst fast immer gestrichene Arie, die Rossini im Finale der „Cenerentola“ weltberühmt gemacht hat. Da kann er wirklich zeigen, was Belcanto-Technik ist. Intervall-Sprünge, Koloraturen, Spitzentöne – Singen in  der Art von Juan Diego Florez muss eigentlich ganz leicht sein. Einmalig! Zuletzt ein Wort zu der Inszenierung von Günther Rennert bzw.Alfred Siercke. Sie ist praktikabel, wurde in 5 Jahrzehnten insgesamt 429 Mal gespielt. Und bot auch diesmal den Rahmen für eine Sternstunde!

Peter Dusek

 

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