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WIEN/ Staatsoper: „IDOMENEO“ – Das Stiefkind unter den großen Mozart-Opern

16.1. 2026: Wiener Staatsoper IDOMENEO

Das Stiefkind unter den großen Mozart-Opern

Idomeneo In Full Score von Wolfgang Amadeus Mozart | im Stretta Noten Shop  kaufen

Sechs Jahre lang war Mozarts Idomeneo nicht an der Wiener Staatsoper zu hören, die letzte Neuinszenierung von Kasper Holten wurde seit ihrer Premiere 2014 überhaupt erst acht Mal gegeben, und das 1781 in seiner Erstfassung in München und 1786 in seiner Zweitversion in Wien uraufgeführte Dramma per musica, das derzeit in einer Mischversion ohne finales Ballett aufgeführt wird, fristet insgesamt ein vergleichsweise unbeachtetes Dasein, das dem dramatischen Duktus, der Melodienvielfalt, der Vielschichtigkeit der Beziehungen und der psychologischen Einbettung in mythologische Machtgefüge, die es in eindrucksvoller Art umsetzt, nicht gerecht wird. Mag es daran liegen, dass für das Opus über den Kreterkönig dasselbe gilt wie für Verdis (viel häufiger gezeigten) Trovatore, dass es nämlich ohnehin nur der vier besten Sänger der Welt bedürfe, um es aufzuführen?

Holtens Produktion (Bühne: Mia Stensgaard, Kostüme: Anja Vang Kragh) zeigt ein vergleichsweise nüchternes, statuarisches Setting, in dem die Protagonisten – je nach schauspielerischer Begabung – die von ihnen verkörperten Rollen mit Leben erfüllen oder einfach nur vorsingen können. Die Kostüme sind von einer in den zeitlichen Kontext der Entstehungszeit zu verortenden Ästhetik, das Bühnenbild karg, es zeigt eine Landkarte mit teilweiser Verspiegelung und dadurch bewirkten durchaus interessanten Perspektiven, und zuletzt im dritten Akt ein Loch, in das Elettra und gleich danach der König erynnienbedeckt herabsinken. Letztere stellen überhaupt während der gesamten Spieldauer quasi eine lebende Kulisse, mal als Mahnung an die getöteten Krieger, mal als personifiziertes Gewissen, mal als Furien, dar. Der einzige große dem Regiekonzept anzulastende Fehler, der den Abend entmystifiziert und entmythologisiert, ist der Wegfall der „deus ex machina“, der das Drama am Schluss auflösen soll: Bei Holten tritt einfach ein Mann aus der Menge und verkündet den Rücktritt Idomeneos und die Krönung und Vermählung Idamantes (mit Ilia). Warum sodann alle umgehend das tun, was er sagt, bleibt verborgen.

Bertrand de Billy hat bereits mehrere Serien des Idomeneo an der Wiener Staatsoper geleitet, und zeigt auch dieses Mal eine duftige Version der großen Linien ohne harte dramatische Akzente, immer im Dienste der Musik, immer als bestmöglicher Begleiter der Protagonisten. Er findet großteils eher flotte Tempi, die dem Fortgang des durchaus sperrigen Geschehens mit vielen retardierenden Momenten gut tun. Das Wiener Staatsopernorchester ist blendend disponiert, und – soviel vorweg – die musikalische Krone des Abends gebührt dessen Konzertmeister Rainer Honeck für seine „Begleitung“ (oder spielt nicht gar er die Hauptstimme?) zu Idamantes „Non temer, amato bene“, der gebannt alle Blicke auf den Orchestergraben zieht und mit eindrücklicher Spielweise und süßester, aber doch kraftvoller Interpretation Mozarts Melodien zum Klingen bringt.

Dem Chor ist in Mozarts Meisterwerk eine besondere Rolle eingeräumt, er kommentiert das Geschehen, er lebt und liebt mit, lässt schaurige und am Ende strahlende Töne hören. Der Wiener Staatsopernchor findet für alle Anforderungen den richtigen Ton, und das finale „Scenda Amor, scenda Imeneo“ klingt besonders hell und läutet somit (vermeintlich?) eine neue Zeit ein.

Shootingstar Ying Fang bot als Ilia die beste sängerische Leistung des Abends: Ihre Stimme ist weich, rund und glanzvoll, die Höhen mühelos, die Übergänge sitzen perfekt. Die immer besonders erwarteten „Zeffiretti lusinghieri“ erfreuen mit melancholischem Wohlklang.

Der Schweizer Tenor Bernard Richter war zuletzt begeistert akklamiert an der Wiener Staatsoper in Poulencs Dialogues des Carmélites zu hören und kehrt nun nach der Aufführungsserie von 2019 wieder als kretischer König an das Haus am Ring zurück. Seine Stimme ist reifer geworden, er wirkt gleichermaßen verzweifelt wie arglos, jedenfalls ist er kein brutaler Herrscher, eher jemand, der vom endlosen Kriegsgeschehen gebeutelt den Frieden suchend in seine Heimat wiederkehrt. Seine Stimme ist hell und zumeist kraftvoll, einzig bei „Fuor del mar“ mit seinen endlosen Koloraturkaskaden sind Anstrengungen hörbar.

Kate Lindsey, Spezialistin für Hosenrollen, ist nun erstmals Idamante an der Wiener Staatsoper und immer für eine intensive Rollengestaltung gut. Ihr herbes, etwas kantiges Timbre passt zwar zum Setting einer Gesellschaft am Rande des Krieges, allerdings sollte der kretische Königssohn genau dazu ein Gegengewicht darstellen. So gelingen die Kantilenen nicht immer, manches bleibt rau und unausgewogen.

Eleonora Buratto ist sicherlich eine der maßgeblichen italienischen Sopranistinnen dieser Tage und reüssierte bereits mit einigen gewichtigen Interpretationen bei Verdi, Puccini und Rossini. Die Elettra ist eine wohl mehr oder minder unsingbare Rolle, verlangt Stimmschönheit, Koloraturfestigkeit und Attacke und dann noch eine furiose Interpretation. Buratto hat ein angenehmes Timbre und meistert die technischen Anforderungen perfekt, ihr Spiel allerdings ist blass, „D’Oreste, d’Ajace“ bleibt einiges an Temperamt schuldig.

Trotz aller kleinerer Defizite: Wer möchte nicht 3 ½ Stunden in die Ilias und ihre neptunischen Ausläufer zur Musik des damals erst 25-jährigen Genies eintauchen?

Sabine Längle

 

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