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WIEN / Staatsoper: HÄNSEL UND GRETEL

Knusprig frisch ins Märchenland

06.01.2020 | Allgemein, Oper

Andre Carroll als Gretel und Margaret Plummer als Hänsel. Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: Engelbert Humperdincks HÄNSEL UND GRETEL

21. Aufführung in dieser Inszenierung

5. Jänner 2020

Von Manfred A. Schmid

Fixsterne am Repertoire-Himmel: Die Fledermaus zur Silvesternacht, Parsifal in der Karwoche und Hänsel und Gretel zur Weihnachtszeit. Freilich passt die Strauss-Operette mit ihrer ausgelassenen Handlung und der vor Champagnerlaune übersprudelnden Musik trefflich zum Jahreswechsel, und Wagners Bühnenweihspiel bietet sich mit seinem feierlichen Karfreitagszauber geradezu ideal für das Osterfest an. Warum aber Engelbert Humperdincks „Kinderstubenweihspiel“ ausgerechnet zur Weihnachtszeit so gerne gespielt wird – auch die Volksoper macht da bekanntlich mit (Wer erinnert sich noch an den legendären Auftritt ihres Prinzipals Karl Dönch als Hexe?) – ist nicht so klar. Vermutlich hat es damit zu tun, dass sich das wagnerisch angehauchte „Meisterwerk erster Güte“ (so der Uraufführungsdirigent Richard Strauss), wenn auch nicht ausschließlich,  auch an ein jugendliches Publikum richtet. Und da bieten sich die Weihnachtsferien ausgezeichnet für einen Opernbesuch der Eltern oder Großeltern mit ihren Kindern bzw. Enkelkindern an.

So auch bei der vierten und letzten Vorstellung der derzeitigen Aufführungsserie, die noch dazu schon am Nachmittag stattfindet und tatsächlich von vielen jungen Besuchern geradezu gestürmt wird. Viel aufgeregtes Getuschel vor dem Beginn, dann geht es aber im weiteren Verlauf angenehm ruhig und interessiert zu. Leiser und ungetrübter jedenfalls, als dies im Opernalltag zuweilen hoch oben „am Juchee“ der Fall ist. Was zur Hoffnung Anlass gibt, dass aus einigen der Erstbesucher tatsächlich wahre Opernfreunden werden sollten. Denn wer in diesen gut ausgebackenen, charmant servierten, edelsüßen musikalischen Lebkuchen beißt, könnte am Ende leicht süchtig werden.

Daniel Boaz als frohgemuter Peter Besenbinder.

Die Vorstellung ist jedenfalls auch inszenatorisch und ausstattungsmäßig dazu angetan, die Freude an der Gattung Oper zu wecken. Adrian Nobles zauberhafte Regie betont, ebenso wie die Bühne und Kostüme von Anthony Ward, fantasievoll die Märchenhaftigkeit der Handlung und tut gut daran, die Vorlage nicht psychoanalytisch hinterfragen oder pädagogisch ausloten zu wollen. Da werden, wie das in Märchen eben geschieht, Kinder von der entnervten Mutter – so zwischen„Eia popeia“ und „Suse, liebe Suse“  – allein in den Wald geschickt, von der Hexe in ihr Knusperhäuschen gelockt, wo die Geschwister die Hexe aus Notwehr schließlich in den Ofen stoßen werden. Geheime Mächte walten, Schutzgeister helfen: „Wenn die Not aufs Höchste steigt / Gott der Herr die Hand euch reicht.“

Auch Humperdincks Musik, eine Art Meistersinger-Musik light, tut ein Übriges, um auch einem musikdramatisch wenig oder gar nicht geschulten Publikum einen guten Zugang zum Gesamtkunstwerk Oper zu ebnen. Dirigent Tomás Hanus zelebriert mit dem gut gelaunten Staatsopernorchester die volksliedhaften Anklänge anmutsvoll und zeigt schon im gut acht Minuten dauernden Vorspiel, wie sehr der Komponist von Wagners polyphoner Klangwelt beeinflusst ist, ohne aber dabei die elegant instrumentierte, spätromantische Musik aufzubauschen und ihr mehr Gewicht zu verleihen, als in ihr tatsächlich drinnen steckt. Gebannt lauscht man dem Raunen der Waldhörner sowie den bald darauf in festlicher Stimmung einsetzenden Streichern. Voller Erwartung auf das, was kommen mag. Zur richtigen Einstimmung  trägt freilich auch bei, dass der Regisseur Noble für die Ouvertüre eine Rahmenhandlung entworfen hat: Eine englische Bürgerfamilie sitzt am Weihnachtsabend zusammen, der Vater wirft mittels eines Projektors Bilder an die Wand, die die Faatasie seiner Kinder anregen und diese dann, wenn sie zu Bett gehen, direkt in die Märchenwelt von Hänsel und Gretel entführen werden.

Monika Bohinex als schaurig-komische Knusperhexe.

Boaz Daniel als Vater Peter Besenbinder ist kein polternder Alkoholiker, wie so oft, sondern ein bodenständiger, trotz eines Lebens in Armut lebensfroher Mann, dessen übermütige „Rallalala“-Gesänge Sympathien wecken. Als seine Frau Gertrud kommt Stephanie Houtzeel zum Einsatz, bleibt aber eher blass und ist, vor allem am Beginn, etwas zu leise.

Gut miteinander umgehen, das können Margaret Plummer als Hänsel und Andrea Carroll als Gretel. Man nimmt ihnen die verspielte Kindlichkeit und Vertrauensseligkeit an, mit der sie ihre Wanderung in den Wald antreten und nie an einem guten Ausgang zweifeln. Ihr innig-fein gesungener „Abendsegen“, mit dem sie sich in fester Umarmung, von 14 Englein behütet, auf den Waldboden zum Schlaf ausstrecken, verfehlt seine Wirkung nicht. Und wenn dann beim Aufwachen Hänsel sein traumverlorenes „Mir ist so wohl, ich weiß nicht, wie / So gut wie heute schlief ich noch nie“ in den Morgen hineinsingt, schwingt merkwürdige Rätselhaftigkeit in dieser Melodie mit. Da bekommt ihr Abenteuer einen an Initiationsriten gemahnenden Touch.

Gleich zwei Zauberwesen verleiht Ileana Tonca ihre glockenhelle Sopranstimme, wenn sie als Sandmännchen die Kinder in den Schlaf singt, um sie als Taumännchen am Morgen wieder sanft zu wecken. Eine starke darstellerische Leistung bietet die bewährte Monika Bohinec als schaurig skurrile Knusperhexe. Komisch und gefährlich zugleich und gesanglich bewundernswert präsent. Großes Lob verdient auch der von Johannes Mertl einstudierte Kinderchor der Opernschule der Wiener Staatsoper, der die Bühne singend und tanzend belebt.

 Alle Partien sind Hausbesetzungen, die sich gut aufeinander abgestimmt erweisen. Es ist wohl kein Abend – pardon: Nachmittag – der großen Stimmen. Geboten wird dafür aber eine insgesamt fein ausgewogene Ensembleleistung, die das musikalisch oft zu Unrecht unterschätzte Werk vor allem von innen her erstrahlen und leuchten lässt

 

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