14.6. GÖTTERDÄMMERUNG

Der Ring ist zurück
Am Ende landet das Geschmeide dann doch, wo es hingehört – bei den Rheintöchtern, denen es 15 musikalische Stunden davor so übel geraubt wurde. Und dies nicht ohne vorheriger Begehung von zahlreichen Delikten wie Raub, diverser Ermordungen (wie Fasolt, Siegmund, Hunding, Mime, Siegfried), Giftmischereien, Freiheitsberaubung und natürlich der finalen schweren Brandstiftung.
5 ½ Stunden dauert der letzte Tag des Bühnenfestspiels inklusive der Rekreationsmomente, und danach ist der Zuschauer glücklich, aber auch dankbar, dass das Gold seinen ursprünglichen Platz wiedergefunden hat. Der Weg ist hier das Ziel. Davor wird geliebt, getäuscht, intrigiert, prophezeit und natürlich gemordet.
Das Wiener Staatsopernorchester ist unter der Leitung von Pablo Heras-Casado tätig, der hörbar nicht bei allen Teilen des Publikums seine uneingeschränkte Zustimmung findet.Vielleicht ist die eine oder andere Effekthascherei zu orten, vielleicht fehlt es beim Trauermarsch – dabei handelt es sich wohl um das bekannteste Stück dieses Monsterwerkes – am ultimativen Spannungsaufbau, vielleicht bleibt die eine oder andere Szene ein wenig Stückwerk – doch ganz insgesamt ist der Orchesterklang bei Streichern und Bläsern konkurrenzlos und ganz insgesamt wird die hier gehörte Interpretation der Götterdämmerung, die so viele verschiedene Szenen und Aspekte aufweist, in höchstem Maße gerecht. Sollte sich dennoch einigermaßen ernstzunehmende Kritik einstellen, dann ist dies wohl einem „Jammern auf allerhöchstem Niveau“ zuzuordnen.
Wie zuletzt in Fachkreisen häufig diskutiert, dürfte es sich um die letzte Aufführung der Ring-Produktion von Sven-Eric Bechtolf (Bühne: Rolf Glittenberg, Kostüme: Marianne Glittenberg) gehandelt haben, deren Abtreten mehr bedauert als begrüßt wird. Gerade die Götterdämmerung erfreut mit einem durchaus praktikablen Setting, die Nornen und auch Brünnhilde finden sich von einem schmucken Wäldchen umgeben, die Gibichungenhalle ist genausowenig einladend wie ihre Bewohner und die Schlussszene punktet mit abwechselnden, äußerst geglückten Feuer- und Wasserprojektionen. Die Schiffe – in einem von ihnen wird Siegfried ermordet – sind simpel und praktikabel, die Kostüme ansprechend, und insgesamt lädt die Einfachheit des Settings zu individuellen Interpretationsmöglichkeiten, je nach Talent der Protagonisten, ein.
Da ist zunächst einmal Camilla Nylund als Brünnhilde, über deren Eleganz und Kultiviertheit in Stimme, Ausdruck und Spiel schon alles geschrieben wurde, was es zu schreiben gibt. Diesmal beeindruckt sie darstellerisch besonders im zweiten Akt, als willfähriges Opfer der Hagenschen Intrige. Sängerisch erfreuen ihre klaren Spitzentöne und ihr Talent zum Legatogesang ebenso wie ihre unerschöpflich scheinenden Kraftreserven, die sie auch bei ihrer finalen Szene gegen Brand, Rhein und Orchester ansingend nicht untergehen lassen.
Ihr zur Seite Andreas Schager als ihr untreuer Siegfried, auch er mit schier unerschöpflichen Kraftreserven gesegnet, sich auch in diesem Werk immer noch verspielt-komödiantisch wiederfindend. Sein Siegfried wird lange Zeit nicht erwachsen, aber in musikalischer Hinsicht erfüllt er alle Anforderungen, und als „falscher“ Gunther kann er ebenso Ernsthaftigkeit und Tiefe zeigen wie in seinen finalen Momenten.
Sein Gegenspieler ist Günther Groissböck als Hagen, der es sportgestählt zweifelsohne mit jedem Recken in der wallhallschen Umgebung aufnehmen kann. Kraftvoll und manipulativ in Spiel und Bühnenpräsenz lässt er seine Mannen ebenso herbeirufen wie er selbst nicht merkt, von seinem Vater auch nur manipuliert zu werden. Ein Intrigant aus dem Bilderbuch, der aber nicht davor zurückscheut, selbst Hand an den Speer zu legen. Sängerisch fehlt es dort und da in den exponierteren Lagen ein wenig an Durchsetzungsfähigkeit. In Erinnerung bleiben aber seine starken, geradezu toxisch-männlichen Auftritte.
Sängerisch tadellos ist Szilvia Vörös als Waltraute, die schon als zweifache Fricka beeindruckte. Eine Idealbesetzung mit weichem, aber doch auch aufbrausendem Klang, eine Stimme gänzlich ohne Gebrauchsspuren. Ihr Spiel ebenso eindrücklich. Vielleicht folgen Brangäne, Kundry und Venus in absehbarer Zeit.
Hagens Bühnenvater wird von Georg Nigl gegeben, der im Alberich wohl seine Lebensrolle gefunden zu haben scheint. Seine Neigung zu outriertem Spiel stört in der Götterdämmerung nur wenig.
Bei den Gibichungen geht es nicht allzu persönlichkeitsstark zu, was im Fall von Gunther – diesen gibt Attila Mokus sehr ordentlich, aber recht brav – dramaturgisch angelegt ist. Seine Schwester Gutrune sollte schon das Potenzial haben, den heldenhaftesten aller Helden sofort umfassend zu beeindrucken: Jenni Hietala gelingt es erst in ihrer allerletzten Szene, ein eigenes Profil zu entwickeln.
Die Nornen Monika Bohinec, Margaret Plummer und Jenni Hietala lassen das Seil stimmlich zumeist wohlklingend reißen, während die Rheintöchter Ileana Tonca, Alma Neuhaus und Stephanie Maitland in ebensolcher Manier zuletzt das Prophezeiungsbusiness übernehmen.
Die Furcht des Publikums vor einer zukünftigen ähnlich unsäglichen Interpretation wie sie jüngst bei den Perlenfischern serviert wurde, ist groß: Ein Göttervater als Kaufhausboss, seine Lieblingstochter als High-End-Model, die Nibelungen als Textilienhersteller? Heutzutage ist alles möglich. Nachdem mit Walhall wohl auch die Nornen untergegangen sind, bleibt es also weiter zu rätseln, wer der nächste Kreator des opus magnum sein wird.
Sabine Längle

