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WIEN / Staatsoper: GÖTTERDÄMMERUNG

Der Ring ist vollbracht

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Burkhard Fritz (Siegfried) und Mika Kares (Hagen). Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: GÖTTERDÄMMERUNG

26. Aufführung in dieser Inszenierung

18. Juni 2023

Von Manfred A. Schmid

Am dritten und letzten Tag der Ring-Tetralogie lässt Richard Wagner noch einmal alle, ausschließlich von Männern begangenen und zum Untergang führenden Fehler in Rückblicken Revue passieren. Zwei weitere Untaten kommen hinzu – die gewaltsame Entführung Brünnhildes zum Zweck der ihr aufgezwungenen Verehelichung mit Gunther sowie die Ermordung Siegfrieds durch Hagen. Nun ist das Maß voll. Die Frauen machen sich daran, dem sich immer weiter vorantreibenden Unheil ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Brünnhilde verständigt sich mit Gutrune über die ihnen von Männern jüngst angetanen Grausamkeiten, zieht den von den machtgeilen Protagonisten begehrten, heiß umkämpften Ring von Siegfrieds Finger und gibt ihn dem Rhein und den Rheintöchtern zurück. Walhall geht in Flammen auf. Die alte Welt verlischt, macht Platz für einen radikalen Neuanfang. „Als die Götter von den Flammen gänzlich verhüllt sind, fällt der Vorhang.“

Von der Ursünde in Rheingold bis zur Auslöschung der alten, von Neid, Missgunst und Machtgier angetriebenen (Un)Ordnung, alles spielt sich in der grandiosen Musik Wagners ab. Herr über das erregende Geschehen ist Franz Welser-Möst, der vom Orchestergraben aus, ohne sich je in Szene zu setzen, seinen – wie angekündigt – letzten Ring leitet und den ersten Durchgang mit dieser Götterdämmerung bravourös bewältigt. Auch in der Götterdämmerung kann er seinen ausgeprägten Sinn für Dynamik – das Timing der Rheinfahrt und der Trauermusik ist beeindruckend – und sein Gespür für entscheidende Momente in persönliche Begegnungen ausspielen. Die Waltraute-Brünnhilde-Szene geht wirklich unter die Haut und gehört zu den intensivsten zwischenmenschlichen Interaktionen, die ich je auf der Bühne erlebt habe. Was freilich auch am spektakulären Rollendebüt von Monica Bohinec liegt, die hier ihren fabelhaften Mezzosopran und ihre darstellerischen Fähigkeiten auf Augenhöhe mit der in der Götterdämmerung sich nochmals enorm steigernden Ricarda Merbeth einbringen kann. Aber nicht nur für die zärtlichen Situationen und Begegnungen hat Welser-Möst stets die richtigen Mittel parat, sondern auch für die gewalttätigen, bedrohlichen Massenszenen. Der einschüchternde, brachiale Auftritt von Hagen, der seine blutrünstigen Vasallen mit bedrohlichen Hoho-Rufen auf seine nächsten Manöver einschwört, ist ein treffliches Beispiel dafür. Die Szenen, in denen der von Thomas Lang bestens vorbereitete Chor zum Einsatz kommt, sind eindrucksvoll und tragen zum Gelingen dieses Opernabends gewiss entscheidend bei.

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Monika Bohinec (Waltraute) und Ricarda Merbeth (Brünnhilde).

Die beste und beim Schlussapplaus zurecht auch am lautstärksten gefeierte Leistung liefert der finnische Bass Mika Kares ab. Ein Rollendebüt, wie es eindrucksvoller nicht sein könnte. Als böser, hinterhältiger Hagen wird er, mit seiner mächtigen, einschüchternden und erdigen Stimme zum schwarzdunkle Kraftzentrum der Aufführung. Michael Nagy, als Alberich Hagens Vater, hat es diesmal schwer, sich im Schatten seines die Bühne beherrschenden Sohn zu profilieren, kann aber immerhin darauf vertrauen, dass Hagen alles tun werde, um ihn zu rächen und zu rehabilitieren.

Clemens Unterreiner, jüngst zum Kammersänger ernannt, ist ein solider, etwas zögerlicher Gunther, der auf die gewiefte wie rücksichtslose Durchsetzungskraft seines Halbbruders Hagen setzen kann. Regine Hangler als Gutrune punktet mit ihrem kraftvollen Sopran, lässt es in der Szene mit Siegfried allerdings etwas an sinnlicher Wärme mangeln. Eine Liebesheirat wird das wohl nicht.

Burkhard Fritz ist als Tannhäuser, Lohengrin, Parsifal und Siegmund schon an vielen der großen Häuser Europas aufgetreten, auch bei den Bayreuther Festspielen. Bei seinem Wiener Rollendebüt als Siegfried fällt zunächst auf, dass seine Stimme für das Haus in einigen Situationen nicht groß genug erscheint. Es stimmt zwar, dass Welser-Möst, was die Lautstärke in hochdramatischen Szenen betrifft, durchaus an die Grenzen geht. Da aber weder Merbeth, Hangler, Nagy, Kares, noch der sicher an seine eigenen stimmlichen Grenzen herangeführte Unterreiner damit Probleme haben, kann man nicht erwarten, dass der Dirigent Abstriche bei der Umsetzung seiner Klangvorstellungen machen würde. Positiv schlägt immerhin die geschmeidige Modellierbarkeit des deutschen Tenors zu Buche. Für eine gültige Beurteilung gibt es allerdings zu wenig Grundlagen, da Burghard Fritz im Zweiten Aufzug plötzlich mit akuten Stimmproblemen zu kämpfen hat. Vor Beginn des dritten Aufzugs tritt Staatsoperndirektor Roscic vor den Vorhang und berichtet, dass der Sänger wahrscheinlich unter einer allergischen Reaktion leide, aber weiter singen und so die Vorstellung über die Runden bringen werde.

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Regine Hangler, Juliette Mars und Noa Beinart (Erste, Dritte und Zweite Norn).

Was sonst noch zu vermelden ist? Die Auftritte der drei Nornen Noa Beinart, Julietta Mars und Regine Hangler (Doppelrolle) sind tadellos. Auch die Rheintöchter Woglinde (Ileana Tonca), Wellgunde (Stephanie Houtzeel neu) und Flosshilde (Daria Shushkova) haben sich im Vergleich zu ihrem ersten Einsatz in Rheingold merklich gesteigert. Sie spielen zwar keine Luftgitarren, müssen aber diesmal luftschwimmen.

Der erste Durchgang ist vollbracht. Insgesamt ein mehr als respektabler, stellenweise außergewöhnlicher Ring des Nibelungen. Der Schlusspunkt mit der Götterdämmerung wird vom Publikum freudvoll bejubelt und ausgiebig gefeiert. Der Applaus dauert – eine Seltenheit – weit über zehn Minuten und ist durchaus verdient. Buhrufe gibt es – ebenfalls eine Seltenheit – keine. Auch nicht, als Franz Welser-Möst vor dem Vorhang erscheint. Ganz im Gegenteil: Er und der phänomenale Mika Kares sind diejenigen, die am meisten Beifall bekommen. Gut so. Weiter so.

 

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