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WIEN/Staatsoper : Giacomo Puccini TOSCA

20.06.2018 | Oper

Catherine NAGLESTAD bei ihrem „Vissi d`arte“ – Bekenntnis     C Michael Pöhn-Wr.Staatsoper

WIEN/Staatsoper: Giacomo Puccini TOSCA
19.Juni 2018       Von Manfred A. Schmid

 

Hell leuchten die Sterne am Repertoire-Himmel

Inszenierungsmäßig gleichen manche Aufführung der Staatsoper in den letzten Wochen oft dem Besuch einer Intensivstation in einem Unfallkrankenhaus. Verunglückte Produktionen wie der Lohengrin oder Rigoletto hängen hilflos am Tropf und zeigen kaum Überlebensenergie. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die lebenserhaltenden Apparate abgeschaltet werden. Es gibt ja ohnehin wieder Nachschub: Der Freischütz ist vor kurzen eingeliefert worden. Seine Chancen stehen beunruhigend schlecht.

Da freut es einen, eine so vitale Produktion wie die legendäre Wallmann-Inszenierung von Puccinis Tosca bei blühender Gesundheit und voll strahlender Vitalität anzutreffen, wie dies bei der derzeitigen Aufführungsserie der Fall ist. Das beginnt gleich mit dem freudigen Beifall, mit dem der Dirigent Marco Armiliato schon bei seiner ersten Verbeugung begrüßt wird. Ja, das Wiener Publikum hat diesen verlässlichen Garanten geglückter Opernabende, vorwiegend (aber nicht nur) italienischer Provenienz), längst in sein Herz geschlossen. Ihm und dem prächtig aufspielenden Staatsopernorchester gelang es vorzüglich, die Partitur von Puccinis Oper mit kräftigen Farben zum Leuchten zu bringen wie auch die delikaten Passagen und Stimmungen, mit denen er die Grenzen des Verismo weit überschreitet, in bezwingender Weise einzufangen. Im Schlussapplaus galt ein Gutteil der Bravorufe folgerichtig auch ihm und dem, was aus dem Orchestergraben an diesem Abend zu hören war.

Gespannt war man auf das Rollendebut von Andrzej Dobber als Scarpia in der derzeitigen Aufführungsserie. Reizvoll auch der Vergleich mit dem im Jänner dieses Jahres in der 600. Vorstellung (!) dieser Produktion aufgetretenen Erwin Schrott. Legte dieser seinen Scarpia nicht nur als skrupellosen Bösewicht, sondern auch als verführerischen Charmeur an, so ist er bei Dobber mit intensiver Kraft als der gewohnt brutale Machtmensch gezeichnet, der jene dämonische und furchterregende Dominanz ausspielt, die sich schon in den einleitenden dunklen Bassakkorden der Ouvertüre bedrohlich angekündigt hat. Puccini wollte mit seiner Oper die Nerven der Zuschauer „ein wenig strapazieren“ und „grausam sein“. Diese Intention hat der polnische Sänger mit seinem facettenreichen Bariton weitgehend umgesetzt.

Als Cavaradossi war zunächst Aleksandrs Antonenko angekündigt. Letztendlich wurde Stefano Secco in dieser Partie aufgeboten. Der Spezialist für das italienische Fach, der in Wien aber auch schon als Werther zu hören war, brauchte einige Zeit, bis er seinen hellen Tenor voll entfalten konnte, wusste aber mit einem schwärmerisch-träumend vorgetragenen „Lucevan le stelle“ im letzten Akt durchaus zu überzeugen.

Catherine Naglestad in der Titelpartie gelang es gut, Toscas Wandlung von einer eifersüchtigen, leicht reizbaren Frau in eine starke Persönlichkeit glaubhaft vorzuführen, die – konfrontiert mit einer Extremsituation – weit über sich hinauswächst. Berückend ihr „Vissi d´arte“, in der sie ihre ursprüngliche Lebensphilosophie darlegt, bevor sie einen so dramatischen Schritt setzt, wie man ihn ihr nie zugetraut hätte. Als sie Scarpia in konzentrierter Ruhe aufbahrt und meint, dass sie ihn nun, da er tot sei, vergeben könne, macht sie das in einem kalten, nahezu tonlosen Sprechgesang. Ob das ein bewusst eingesetztes Gestaltungsmittel war, oder dem Umstand geschuldet ist, dass ihre die tiefe Lage dieser Stelle nicht so liegt, muss unentschieden bleiben. Der Effekt aber war in jedem Fall unter die Haut gehend und entsprach durchaus Puccinis Herangehensweise an diese Oper, in der er sich dem damalig überaus populären Verismo am meisten angenähert hatte und zuweilen mit geradezu schamlos angewendeten musikalischen und dramatischen Effekten gewiss nicht geizte.

Die aufgebotenen Hausbesetzungen für die unterstützenden Rollen – Sorin Coliban als Cesare Angelotti, Alexandru Moisiuc als Mesner und (der eben zum Kammersänger ernannte) Benedikt Kobel erwiesen sich als verlässliche Partner in einer Aufführung, die dem Repertoirealltag der Staatsoper gewiss zur Ehre gereicht. Der Applaus war heftig, wenn auch nicht sehr lang.

Manfred A.Schmid

 

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