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WIEN / Staatsoper: Frank Castorfs FAUST nach Charles Gounod

WIEN / Staatsoper: Gounods FAUST, interpretiert von Frank Castorf

Premiere vor Publikum – 2. Aufführung in dieser Inszenierung

19. Mai 2021

Von Manfred A. Schmid

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Martin Häßler, Adam Palka. Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Bei seiner Suche nach reanimierfähigen musikdramatischen Produktionen ist der unermüdliche Einkäufer Bogdan Roscic auf seiner Shoppingtour durch europäische Opernhäuser auch in Stuttgart fündig geworden. Getrieben von der Mission, dem Wiener Opernpublikum vor Augen und Ohren zu führen, was es in den letzten 25 Jahren an spektakulären Neuigkeiten in puncto Opernregie versäumt hat, präsentiert er nun Frank Castorfs Inszenierung von Charles Gounods recht freier Opernfassung von Goethes Faust 1. Teil aus dem Jahr 2017. Mit erwartungsgemäß vielen – allzu vielen, weil letztlich ermüdenden und die Beobachtungsfähigkeit überfordernden – Videos, die das Dargestellte duplizieren, aus anderen Perspektiven kommentieren, zuweilen auch konterkarieren, sowie mit einem starken Zug zum Trashigen, Schäbigen, Heruntergekommenen. Nicht wenige  Opernfans zeigen wenig Begeisterung für das Ergebnis, sondern reagieren beim Schlussapplaus, nach begeistertem Jubel für die gesanglichen Leistungen und das Orchester, mit einem heftigen Buhorkan für das leading team. Wenn dieser 19. Mai trotzdem in die Annalen eingehen wird, dann liegt es weniger an Castorfs heillos überfrachtet daherkommenden Bühnenzauber, sondern daran, dass an diesem Tag der „Lockdown“ geendet und die Staatsoper nach fast sieben Monaten erstmals wieder ihre Pforten geöffnet und Publikum zugelassen hat. Das Einlassprozedere klappte übrigens tadellos, ohne Warteschlangen und Verzögerungen, ebenso das Verlassen des Hauses.

Castorf siedelt die Handlung an einer Straßenecke in einem Elendsviertel im Paris der 50er und 60er Jahren des 20.Jahrhunderts an. Dabei geht es ihm offenkundig um den Algerienkrieg sowie um Kritik am Kolonialismus. Das zu dokumentieren, dazu dienen Plakate, Transparente, Videoeinspielungen und zusätzlich eingeführte Textpassagen. Die Bühne von Aleksandar Denic strotz vor Müllansammlungen, tristen Lokalen sowie miesen Wohnräumen. Dauernd passiert etwas, meist Unterschiedliches zur gleichen Zeit. Da singt etwa Mephistophélès unten auf der Straße, oben im ersten Stock belauscht man Faust und Marguerite bei einem vertraulichen Tete-a-Tete, links sieht man das Ganze aus einer anderen Perspektive simultan auf einer Leinwand projiziert, während rechts oben eine weitere Videoeinspielung mit einem Werbespot oder einer Kriegsszene aufzuwarten hat und von links eine protestierende Menschenmenge um die Ecke biegt. Und so geht das in einem fort und überfordert mit dieser Überfülle an Informationen und Abläufen die Beobachtungs- und Verarbeitungsfähigkeit des Publikums, so dass sich bald Überdruss und Übermüdung einstellen. Vor allem aber droht bei diesem steten Tohuwabohu an Parallelhandlungen der Fokus auf die Musik verlorenzugehen.

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Nicole Car, Juan Diego Florez. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Marguerite ist bei Castorf kein unschuldiges, scheues Mädchen, sondern eine armselige junge Frau, Gehilfin in einer Fleischerei, die dem Elend entkommen will und dafür bereit scheint, als billige Straßenhure ihr Glück zu versuchen. Nicole Car verleiht dieser Figur eine nicht unsympathische, aber auch nicht besonders einnehmende Aura. Eine Frau auf dem Weg in den Abgrund – dennoch bleibt der Ausgang offen. Marguerite, von ihrem Bruder Valentin verdammt, flüchtet erschöpft in das Café Or Noir und trinkt etwas. Gift zum Sterben? Schnaps zum Vergessen? Man weiß es nicht. Beim Streaming konnte Cars Sopran nicht so recht punkten und blieb hinter den Erwartungen, die nach ihrem guten Auftritt als Tatjana in Eugen Onegin ziemlich hoch waren, deutlich zurück. Diesmal gelingt es ihr um einiges besser, die Schärfe ihrer Stimme einzudämmen. Und besonders gegen Schluss hin kann sie auch, total zerrüttet und dem Wahnsinn nahe, darstellerisch beeindrucken.

Castorfs Faust geht es nicht darum, zu ergründen, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält, sondern er giert nach Marguerite, will an ihre Wäsche. All das, was man traditionellerweise mit der Figur des Faust verbindet, sucht man hier vergeblich. Hier ist er nur ein Greis, der noch einmal fleischliche Lust erleben und jung sein will und dafür die Dienste des Teufels in Anspruch nimmt. Am Ende quälen ihn ein paar Skrupel wegen der Misere, in der er seine von ihm geschwängerte und verlassene Geliebte gebracht hat. Das ist schon alles und damit herzlich wenig. Juan Diego Florez tut sich offensichtlich schwer, dieser belanglosen, geheimnislosen, ganz ohne Vorgeschichte daherkommenden Gestalt Profil zu verleihen. Mit seinem feinen Tenor gelingt es ihm zwar, Begehren, Liebe, Zuneigung und Reue fühlbar zu machen, aber insgesamt bietet Castorfs Faust als Person nicht allzu viel Gestaltungsmöglichkeit. Wer Faust wirklich ist, wofür er steht, was ihn antreibt, woher er kommt und wohin es geht, das wird in dieser Inszenierung nicht einmal gestreift.

Durchaus interessant hingegen und bereichernd ist Castorfs Herangehensweise an Fausts Partner und Gegenspieler. Mephistophélès wirkt in Castorfs Lesart des Dramas nicht als großer Höllenfürst, sondern er geriert sich wie ein Teufel aus der zweiten Reihe. Lustvoll und ausdrucksstark führt der polnische Bassist Adam Palka diese Kreatur vor. Mit drolligem, nicht gerade einschüchterndem Augenrollen und machohaftem Imponiergehabe versucht dieser gewitzte Teufel seiner Position Machtfülle zu verleihen, wenn er sich etwa einen ausgefallenen Kopfschmuck aufsetzt (Kostüme Adriana Braga Peretzki) oder seine auslandenden Bockshörner zur Schau stellt. Er nimmt dabei in Kauf, sich damit immer wieder der Lächerlichkeit preiszugeben. Als er schließlich den Kampf um Marguerites Seele verliert, zieht er achselzuckend weiter, um nach einem neuen Opfer Ausschau zu halten. Stimmlich passt Palkas Bass gut zu diesem Schmalspur-Satan, der mehr zu sein vorgibt, als er tatsächlich ist.

Etienne Dupuis ist ein darstellerisch überzeugender Valentin, ein Soldat mit Anstand, Idealen und Ehrgefühl.  Sein Bariton klingt ziemlich rau und ruppig. Ganz okay für einen Kasernenhof. Martin Häßler gibt einen nicht sehr auffälligen, biederen Wagner, als Marthe nützt Ensemblemitglied Monika Bohinec die Gelegenheit, bei ihren kurzen, aber amüsanten Auftritten ihre gewohnte Bühnenpräsenz,  ihre kraftvolle Altstimme einzubringen und für heitere Akzente zu sorgen.

Als Bereicherung entpuppt sich Michèle Losier bei ihrem Wiener Rollendebüt als Siébel. Die Mezzosopranistin, die bereits als Dorabella bei den Salzburger Festspielen gefeiert wurde, verfügt über eine glasklare, leicht metallisch klingende Stimme und erweist auch darstellerisch als sehr einsatzfähig. Sie hat zusätzlich mehrmals Texte, die nicht dem Libretto entstammen, sondern von Castorf eingefügt wurden, rhythmisch zu deklamieren und macht auch das ausgezeichnet. Untermalt wird sie dabei vom Staatsopernorchester, das unter der Leitung von Betrand de Billy auch sonst keine Wünsche offenlässt. Die musikdramatisch abwechslungsreichen Episoden werden ausgekostet und individuell gestaltet, zerfallen aber trotzdem nicht in lose zusammengefügte Teile, sondern werden von starken Spannungsbögen zusammengehalten.  Besondere Erwähnung verdient der Staatsopernchor, der vor allem bei den Soldatenaufmärschen nicht nur mit kraftvollem Klang aufwartet, sondern zudem in die Handlung stark eingebunden ist und wieder einmal seine Vielseitigkeit unter Beweis stellt.

Schon während der Vorstellung gibt es mehrmals Szenenapplaus – so beim „Rondo vom goldenen Kalb(„Rondeau du veau d’or“) des Mephistophéles oder bei Fausts großer Auftrittsarie „Salut! Demeure chaste et pure“. Beim Schlussapplaus einhelliger und begeisterter Beifall für Sängerinnen und Sänger sowie für Orchester, Dirigent und Chor. Als Castorf und sein Team auftreten, hagelt es vehemente Buhrufe. So als wollte man sagen: Wien darf nicht Stuttgart werden!

 

 

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