27.12.2025 – Staatsoper FIDELIO – Dialoge der Puppenspielerinnen

Des Musikgiganten einzige Oper: Zuerst Singspiel, dann Drama, zuletzt Apotheose. Ein Werk, das jeden, der sich damit befasst, vor schier unüberwindliche Schwierigkeiten stellt. Otto Schenk erzählte die Story um Gattenliebe, unschuldig Schuldige und unvorhergesehene Rettung in schönen und klaren, fast einfachen, aber sehr eindrücklichen Bildern: Der Gefangenenchor, bei dem die Männer nach und nach kurz an das Licht strömten, die Zugbrücke, über die der „deus ex machina“ Fernando schritt, um den Todgeweihten zu retten, bleiben unvergessen.
Dies alles hat man nun gegen die Puppenspielversion des österreichischen Universalkünstlers Nikolaus Habjan ausgetauscht. Er verwendet zwar nur für Leonore und Florestan seine bereits sattsam bekannten „Klappmaulpuppen“, allerdings ist dies allein – wie so oft bei Einführung dieses Regiemätzchens – störend genug: Der Duktus der Beziehungen und der Emotionalitäten zwischen den Protagonisten wird empfindlich beeinträchtigt, die Interaktion findet teilweise mit dem Sänger/teilweise mit der Puppe statt. Größtmögliche Verwirrung folgt. Florestan singt bei seiner Auftrittsarie seine eigene Puppe an. Besonders absurd wird es, wenn sich Pizarro in Tötungsabsicht in den Kerker gekommen neben Rocco 8 weiteren „Personen“ gegenüber sieht: Florestan und Leonore, den korrespondierenden überlebensgroßen Puppen und insgesamt 4 Puppenspielern. In einer derartigen Situation wäre eine Entwaffnung auch ohne Ankunft des Ministers realistisch.
Ebenso wurden die – bekanntermaßen etwas simplen – Dialoge vom österreichischen Psychiater und Autor Paulus Hochgatterer „modernisiert“: Auch dies führt zu etwas fragwürdigen Eingriffen: So erfährt man, dass Rocco seine Reichtümer durch Bestehlen der Gefangenen aufgehäuft hat, Jaquino ist nicht der unglücklich Verliebte, sondern ein fester Macho, der Fidelio als „Gutmensch“ beschimpft. Marzelline korrigiert ihn daraufhin artig, dass besagter ein „guter Mensch“ sei – ein Hort der „political correctness“ also – das sevillanische Gefängnis. Auch die „Würde“ des Gefangenen wird allenthalben ohne Not angesprochen – ein wahrlich nicht sehr realistischer, aber dafür moralinsaurer Zugang.
Das Setting ist sehr konventionell (Bühne: Julius Theodor Semmelmann, Kostüme: Denise Heschl): Graue Gefängnismauern, die sich öffnen, um den inneliegenden Spielstätten, so beispielsweise Roccos biederer Bleibe, Raum zu geben. Florestans Kerker sieht fast wie bei Otto Schenk aus, und am Schluss erscheint eine bereits viel diskutierte Frauenstatue, die wohl primär Leonore symbolisieren soll.
Nun zur Musik: Anfänglich noch etwas zögerlich und kantig – hier waren die Unsauberkeiten der Hörner auch nicht hilfreich – zeigt der nach seiner Krankheit mit einer Premiere an die Staatsoper zurückgekehrte Franz Welser-Möst, dass er in den dramatischen Momenten ein großer Meister des Spannungsaufbaus ist: Der Höhepunkt des Abends in musikalischer Hinsicht ist „selbstverständlich“ die bereits beim letzten Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker von ihm phantastisch zu Gehör gebrachte 3. Leonorenouvertüre, in der jedes noch so kleine Detail liebevoll ausgereizt wird, ohne dabei den Duktus für das große Ganze zu verlieren.
Malin Byström, offenkundig ein Liebkind der derzeitigen Staatsopernintendanz, ist eine vergleichsweise lyrische Leonore, hat allerdings die stimmlichen Mittel, um der Figur das erforderliche Profil zu verleihen, wenn dabei auch der letzte dramatische Impetus fehlt. Dafür funktionieren die Höhen gänzlich ohne Schärfen – letztlich eine Besonderheit.
Ihr Florestan, David Butt Philip, verfügt über ein nicht sehr glanzvolles Stimmmaterial und nur wenige dynamische Modulationsmöglichkeiten. Sein Gesang ist kraftvoll, und er bemüht sich – im Rahmen des von der Regie Zugelassenen – um eine eindrückliche Gestaltung. Insgesamt liegt ihm die Rolle weit mehr als der Lohengrin, den er bei der jüngsten Premiere dieses Werkes in Wien darstellte.
Christopher Maltman, mittlerweile von Don Giovanni zu Wotan gereift, ist als Pizarro eine „sichere Bank“. Stimmlich und darstellerisch wird er sämtlichen Anforderungen auch in seiner großen Arie vollends gerecht und ist der (nicht allzu plakativ böse) üble Gegenspieler des „guten“ Fidelio.
Besonderer Dank gilt Albert Pesendorfer, der die Partie des Rocco kurzfristig übernahm und für diese – dank der etwas anderen Dialoge – besondere Produktion offenbar innerhalb kürzester Zeit perfekt einstudierte. Kleinbürgerlich und bieder, aber doch gierig, im Kern aber „ein Guter“ lässt er sich von Fidelio auf den Pfad der Tugend bringen. Auch stimmlich gestaltet er den opportunistischen Kerkermeister einwandfrei.
Daniel Jenz und Kathrin Zukowski sind ein fein abgestimmtes (vielleicht zukünftiges ?) Paar Jaquino und Marzelline.
Mit dem großartig disponierten Chor der Wiener Staatsoper stimmt man gern in der Jubel über die geglückte Gattenbefreiung an. Ein Hinterfragen dessen, was jetzt kommen mag, findet bei dieser Produktion nicht statt.
Sabine Längle

