Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper: FIDELIO

08.05.2016 | Oper

 Wiener Staatsoper: „FIDELIO“ am 3. und 7.5.2016


Adam Plachetka (Don Fernando), Egils Silins (Pizarr0). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn)           

„Ein Traum!“ – Das sagt man gern umgangssprachlich, wenn etwas so schön ist, dass man es gar nicht für real zu halten wagt. Künstler, die durch Wort, Ton und/oder Bild Ideale vermitteln wollen, werden oft abschätzig als Utopisten bezeichnet. Deren Kritiker haben es in Bezug auf die Musik jedoch nicht leicht. Denn die ist nun mal irreal, trotz der schwarz auf weiß stehenden Noten und trotz der handgreiflichen Instrumente, die sie zum Klingen bringen. Das Musiktheater darf sich demnach weiter vorwagen in seiner Wahl von Personen, Situationen und Geschehnissen, die sich vom trockenen Alltag abheben. Und es besteht kein Grund zur Klage, wenn die Interpreten nicht darauf bestehen, die nackte, hässliche Wahrheit hinter einer gut erfundenen Geschichte hervorzukehren. Beethovens in Zeiten wie diesen viel gescholtener „Fidelio“ braucht keine Umdeutung und weder szenisch noch musikalisch eine forcierte Annäherung an die Wirklichkeit. Inszenatoren und Dirigenten, Kostüm- und Maskenbildner, Musiker und Sängerdarsteller sollen die schöne Utopie von der idealen Gattenliebe und „Es sucht der Bruder seine Brüder“ vermitteln, um stärkste Gefühle beim Publikum zu evozieren und auf Nachahmung im wirklichen Leben zu drängen. Besseres kann eine Aufführung nicht bieten.

Dass die instrumentale Begleitung der Gesangsnummern erkenntlich deren Inhalt vorwegnimmt, unterstützt und Denken und Fühlen der Personen weiterführt  – so erlebt nicht jedes „Fidelio“-Publikum alle Tage dieses Werk!!!

Es war kein sogenannter Star-Dirigent, kein „Senkrechtstarter“, kein sensationeller Hausdebutant, sondern „unser“ Peter Schneider, der dies in bewegender Weise geschafft hat. Kein Schlag ins Gesicht war der Beginn der Ouvertüre, sondern der edle, volle, warme Klang der Wiener Philharmoniker besagte, dass hier ein großes menschliches Drama zu erwarten war. Wie Schneider die einzelnen Teile nicht nur der beiden großen Ouvertüren, sondern des gesamten Werkes, inkl. Sprechszenen, durch spannungsvolle Generalpausen und organische Anschlüsse und Übergänge zu einem geschlossenen Ganzen formt, ist beispielgebend. Falsches Pathos und Knalleffekte werden ausgespart und durch klassisches Ebenmaß ersetzt. Wenn er bei der „namenlosen Freude“, am Ende der III. Leonoren-Ouvertüre oder im Finale einige wenige Male sich vom Sitz erhebt und dann mit – bei ihm seltenen  – weit ausholenden Armbewegungen Höhepunkte setzt, dann hebt sich die Welt aus den Angeln. Dass er es im ganzen 1. Akt und kurz vor dem Jubel-Ende der Kerkerszene nicht getan hat, ist sowohl vom Inhalt her wie aus Rücksicht auf die Sänger begründet – keineswegs zum Schaden des Werkes, dass rein handlungsmäßig wenig zu bieten hat, aber an intensiven Gefühlen und Reflexionen reich ist.

Nichts wirkt unter Schneider natürlicher gerade an dieser frühen Stelle der Oper als das Quartett „Mir ist so wunderbar“ mit den beinah mysteriösen Einleitungstakten – ein Innehalten von 4 Personen, die versuchen, mit sich selber ins Klare zu kommen. In der Szene Marzelline-Jacquino überraschen immer wieder kleine amüsante Akzente, die das Spiel mit der Liebe charakterisieren, ehe es im Folgenden damit ernst wird. Die reizende, spielbegabte und mit klangvollem hellem Sopran erfreuende Ileana Tonca als verliebte Rocco-Tochter bringt das problemlos herüber. Allein schon, wie sie im einleitenden Text zu ihrer Arie den Namen „Fidelio“ schwärmerisch, in selige Seufzer gebettet, gen Himmel sendet, macht ihre Position auf liebevoll-verträumte Weise klar. Der fesche Jüngling, wie ihn Joseph Dennis als Jaquino auf die Bühne stellt, kommt mit angenehmem, noch entwickungsfähigem Tenor gegen so viel verrückte Schwärmerei nicht an. Die junge amerikanische Leonore, Alexandra LoBianco, spricht ihren Text, nicht akzentfrei, aber mit viel Temperament und großer Bestimmtheit, aus der auch die Hintergedanken des sogenannten „Fidelio“ herauszuhören sind. Der anfangs noch verhaltene Einsatz eines gesunden, sicher geführten jugendlich-dramatischen Soprans entspricht der Situation, die ihr gebietet,  ihr wahres Ich eineinhalb Akte lang zu verbergen.

Vater Rocco, in welcher Rolle Lars Woldt keinen sonoren Bass anzubieten hat, zeichnet sich durch prägnanten Einsatz seiner für die Partie zu hellen, aber eindringlichen Stimme und äußerst expressive Prosa aus. Stellen wie „oder er muss große Feinde haben“, unter vorgehaltener Hand vorsichtig artikuliert, oder dann im 2.Akt seine exaltierte  Reaktion auf  Florestans Bitte, nach Leonore zu schicken, 3x angstvoll geschrieen: „Ich sage Euch, es ist unmöglich!“ habe ich so eindringlich noch nie gehört. Seine verschreckte Reaktion auf Pizarros Angebot eines großen Geldbeutels für die Ermordung Florestans ist ebenso beeindruckend wie seine Freude, wenn er befreiende Taten setzen  kann, wie die Gefangenen in den Vorhof zu lassen und dies dann vor Pizarro zu begründen mit der breit ausgesungenen humanen Versicherung: „Des Königs Namensfest ist heute“. Auf jeden Fall verdient Lars Woldt den Namen Rocco – er erweist sich als Fels in der Brandung.

Gute Figur als gestrenger Gouverneur des Gefängnisses macht Eglis Silins. Sein Pizarro ist ein „Don“, nicht irgend ein kleiner Fiesling. Er trägt auch die unangenehme Überraschung, dass der vermeintliche künftige Tochtermann seines Kerkermeisters sich als Weib entpuppt und ihm die Pistole vor den Kopf hält, mit männlicher Fassung und deutet den Soldaten, die ihn am Ende abführen wollen, dass er von allein wisse, wohin er nun zu gehen habe. Übermäßige Stimmkraft hat der auf mehreren Kontinenten als Wotan vom Dienst fungierende Bassbariton nicht anzubieten, aber er weiß, was er singt. Die nötige Untermalung etwa seiner Arie, durch deutliche Überakzentuierung seines selbstbetrügerischen „Triumph! der Sieg ist mein!“ kam vom Dirigenten und Orchester.

Wie gelingt es einer Leonore, ihre enorm schwierige Arie problemlos zu bewältigen? Unter Peter Schneider ist das einfach. Das Rezitativ „Abscheulicher, wo eilst du hin in wildem Grimme“ wird ohne Pathos, rein reflexiv vom Orchester untermalt, sodass die Sängerin Worte und Töne nur draufzusetzen braucht. Das lyrische „Komm Hoffnung“ nimmt mit großer Bestimmtheit schon den finalen Sieg  vorweg und der „innere Trieb“, dem sie dann folgt, wird aus dem Orchester so selbstverständlich-dynamisch  crescendiert, dass Leonore mir nichts – dir nichts, in den höchsten Sopranregionen angelangt ist, ohne zu merken, wie schwierig das zu singen war. Im 2. Akt steigert sich die Sopranistin situationsgemäß, singt und spielt mit viel Emphase und denkt im Jubelfinale auch noch daran, dass sie gutmütig Marzelline dem Jaquino zuführt und die beiden Frauen über die vorangehende Täuschung lachen.

Noch ehe sich der Vorhang zum 2. Akt hebt, hievt Peter Schneider gleichsam die Beethovenschen Klänge aus dem dunklen Kerker empor ins Bewusstsein der Zuhörer. Florestans eindringlich crescendiertes „Gott!“ weckt uns endgültig aus den letzten Zweifeln, wo wir uns befinden. Wenn er „Öd ist es um mich her“ gesungen hat, straft das folgende leise Streichertremolo die Behauptung „Nichts lebet außer mir“Lügen. Dann folgen Dirigent und Musiker Robert Dean Smith in die Ekstasen des Florestan, die dieser ebenso gut spielt wie singt, nicht mit Riesenstimme, aber sehr sicher und expressiv. Musikalisch hat hier bereits die Humanität gesiegt. Es bleibt nur noch eine Zeitfrage, wann die tatsächliche Befreiung erfolgt.

Ungeniert sprechen die Befreiten ihren schönen Text: „Meine Leonore! Was hast für mich micht getan!“ und „Nichts, meine Florestan“ und fallen einander in die Arme. Die einleitenden Takte zur „Namenlosen Freude“ heben einen als Zuhörer vom Sitz und aktivieren die Tränendrüsen ebenso wie der Schluss des Duetts, wo die ganze Welt Jubel pur zu sein scheint.

Die wunderbar aufgebaute, himmlisch schön gespielte 3. Leonoren-Ouvertüre voll mitreißender Dynamik präsentierte sich als klassisches Meisterwerk, das keiner forcierten Dramatisierung bedarf. Und im großen Finale kulminierte mit Thomas Langs herrlichem Staatsopernchor das gewaltige Befreiungsdrama. Der Herr Minister, wie das bei Politikern des öfteren passiert, konnte in Adam Plachetkas imposanter Gestalt offensichtlich mit seiner Rolle nichts Rechtes anfangen und begnügte sich mit seiner „gut studierten Rede“. Der Effekt war ungemindert. Von Günther Schneider-Siemssens sich konform mit der Musik senkender Zugbrücke über Otto Schenks zeitlos passende Personenregie bis zur musikalischen Siegesorgie gab es eine permanente Steigerung an Glücksgefühlen.  Dass viele Opernfreunde den „Fidelio“ als ihre Lieblingsoper bezeichnen – in solcher Wiedergabe kein Wunder.   Sieglinde Pfabigan

 

Diese Seite drucken