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WIEN / Staatsoper: FAUST

02.05.2014 | Oper

  Faust_Yoncheva 05.2014~1  Faust_Beczala~1
Sonya Yoncheva / Piotr Beczala / Wiener Staatoper, Pöhn

WIEN / Staatsoper
FAUST von Charles Gounod
22. Aufführung in dieser Inszenierung
2. Mai 2014        

Wieder eine ratzeputz ausverkaufte Vorstellung. Der Andrang auf die Stehplätze war heftig wie lange nicht. Warum? Damit man dabei sein konnte, wie die Netrebko nicht sang? Das erinnert an einen zynischen Kommentar von Ioan Holender angesichts eines vollen Hauses trotz einer Starabsage: „Mehr als ausverkauft kann man nicht sein.“ Stimmt. Aber welche Schlüsse lässt das zu? Dass ohnedies niemand die „Weltstars“ braucht, um die so viel Wasser gemacht wird…???

Nun, es gab jedenfalls eine sehr gute Besetzung an diesem „Faust“-Abend, und diesmal soll der Meister am Pult zuerst erwähnt werden, denn der orchestrale Teil ließ immer wieder aufhorchen, als ob er besonders gut geprobt worden sei: Bertrand de Billy, gleich mit einem „Bravo“ empfangen (als ob man seine Rückkehr nach dem Nicht-„Lohengrin“ begrüßte), war hier nicht nur ein wirklich gefühlvoller Sängerbegleiter, sondern auch ein besonders ausdrucksreicher Gestalter von Gounods Effektmusik, wobei es ihm gelang, auch die ausgesprochenen „Wunschkonzert“-Stücke weder trivial noch abgedroschen erscheinen zu lassen. Das Orchester setzte den Maßstab des Abends.

Faust Schrott x  Faust_Eröd Valentin 05.2014~1
Erwin Schrott / Adrian Eröd  / Wiener Staatoper, Pöhn

Und der Teufel war der König. Erwin Schrott als Méphistophélès „stahl die Show“, wie man so schön sagt. Das exzentrische Rollenprofil dieser „Nicht-Inszenierung“ von Nicolas Joel und Stéphane Roche (der Programmzettel spricht von einer „Idee von“ – wer hatte da, bitte, eine Idee??) ist Schrott wie auf den Leib geschneidert. Er passt ins schwarze Leder, hat sich die Haare zu einer verrückten Schmolle hochgekämmt, trägt Ohrring, Armband und Ringe, zieht auch mal einen Flachmann hervor, und keiner lässt den roten Fächer so süffisant kreisen wie er. Anders aber als jüngst im „Liebestrank“, wo er hinter jeder Pointe her war, gestaltet er bei aller Ironie den zynischen, zerstörerischen Mephisto wirklich, und es fällt auch auf, welch starke Interaktion er stets mit seinen Mitspielern erreicht. Stimmlich ist er ein echter Bassbariton (darum so viel Mozart), der von des Basses Tiefen bis in die Höhen des Baritons alle Register auf und ab marschiert und immer mit Kraft, des öfteren auch mit Wohllaut dabei ist.

Gerade gemessen an Schrotts Souveränität merkte man, dass Piotr Beczala nicht alles so leicht fällt, aber er ist im französischen Fach sicherlich besser zuhause als im italienischen, wo ihm die Geschmeidigkeit der Gesangslinie fehlt. Von allem Anfang an, noch als alter Faust, legte er kraftvoll los, sparte nicht, konnte später auch manchen Glanz in die Stimme legen. Und man fragt sich wirklich, warum er den Hoffmann nicht singt, denn nach dem Faust hat man das Gefühl, er müsste ihm eigentlich liegen. Wie dem auch sei – wenn er im September erstmals hier den Prinzen in „Rusalka“ singt, ist Piotr Beczala auch in Wien in „seinem“ angestammten Fach angelangt.

Wie schon so oft sang Adrian Eröd den Valentin, und auch wenn er gelegentlich angestrengt klang, so bot er doch im Ganzen eine faszinierende Leistung als der blasse, verklemmte Moralapostel, der einen eindrucksvollen Tod hinlegte.

Aura Twarowska, als Marthe lebhaft unterwegs, ließ stimmlich zu wünschen übrig, und darüber hinaus gab es drei Rollendebutanten in der Nullnummern-Inszenierung, bei der man angesichts der leeren Wände, die da aufgestellt sind, das Gefühl nicht los wird, man sei noch auf einer Probe, die Dekorationen würden wohl nachgeliefert… Mit kräftigem Bass machte Jongmin Park als Wagner durchaus angenehm auf sich aufmerksam, und Stephanie Houtzeel sang den Siébel mit wirklich schöner, passender Zurückhaltung.

Wie gut, wenn Sonya Yoncheva klug genug ist, sich nicht darüber zu ärgern, in Wien immer nur ein Notnagel zu sein – im Vorjahr (auch an der Seite von Beczala) als Einspringerin für Nino Machaidze in „Romeo et Juliette“, heuer als Einspringerin für die Netrebko in „Faust“. (Aber es stimmt schon – entweder die Juwelenarie oder der Wahnsinn der Lady Macbeth, beides geht nicht, man ist nicht die Güden und die Ludwig gleichzeitig, um an berühmte Wiener Vertreterinnen dieser Rolle vor schätzungsweise einem halben Jahrhundert zu denken…) Sonya Yoncheva durfte die Netrebko auch in London (an der Seite von Joseph Calleja) ersetzen und hat sehr gute Kritiken bekommen. Die stehen ihr auch in Wien zu, wenn man auch gerne eine leichtere Stimme für die Marguerite hörte – aber die Gheorghiu hatten wir ja schon. Jedenfalls ist es fabelhaft, einer jungen, gesunden, kräftigen Stimme ohne technische Probleme zuzuhören, der auch (nicht immer, aber meist) gewaltfrei strahlende Spitzentöne gelingen, und die Liebe und Leid dieser jungen Frau durchaus ergreifend singt und spielt.

Renate Wagner

 

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