31.5. 2026: EUGEN ONEGIN
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Sängerglück an Dirigentenfadesse
Dmitri Tscherniakovs Sichtweise auf Tschaikowskis Meisterwerk über den blasiert-gelangweilt-zynischen Dandy findet sich nunmehr seit 2020 auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper: Sie ist zum Teil durchaus mit Liebe zum Detail gearbeitet, überzeugt vor allem in den Massenszenen mit ausgezeichneter Personenführung, ihr Schwachpunkt ist leider die Interpretation der großen Arie des Lenski samt der Duellszene, die sich in den teilweise noch unaufgeräumten Resten der davor stattgefunden habenden Geburtstagsfeier unter Geschirrgeklapper abspielt, und der somit jeglicher Zauber genommen wird. Auch die zwangsoriginelle Idee, dass sich sodann beim Streit ums Gewehr zwischen Lenski und Onegin ein für ersteren tödlicher Schuss löst, fußt nicht in der eindeutigst als Todessehnsucht zu interpretierenden und in der schwermütigen Musik ihren Ausdruck findenden Gesamthaltung des Dichters. Dieses Bild ist leider wirklich misslungen, alle anderen haben ihre Für und Wider, überzeugen allerdings durchwegs.
Timur Zangiev wird als Shootingstar am russischen Dirigentenhimmel gehandelt und kann – ebenso wie bei seinem Auftreten als Premierendirigent desselben Stücks im Vorjahr an der Mailänder Scala nur bedingt reüssieren: Natürlich sind ihm mit Chor und Orchester der Wiener Staatsoper glanzvolle und höchst routinierte Musiker und Sänger zur Seite gestellt, aber mit seinen großteils gedehnten Tempi findet er nicht den rechten Duktus in die und in den Lyrischen Szenen. Natürlich hat es seinen Platz, wenn auch musikalisch die Langeweile des Landlebens und die Gelangweiltheit des Protagonisten, aus der sich das Drama entwickelt, zu Gehör gebracht werden soll, aber die ersten zwei Akte mit einer Spieldauer von zwei Stunden (ohne Licht- und nennenswerte Umbaupausen) zu absolvieren, strapaziert dann die Nerven der Zuhörerschaft dann doch ein wenig über Gebühr. Schade, denn diese hochkarätigen Sänger hätten sich einen weit glanzvolleren Dirigenten verdient!
Da ist zunächst einmal Boris Pinkhasovich, in den letzten Jahren an der Staatsoper ein gern gesehener Gast, der über die „klassische“ russische Baritonstimme mit viel Metall, einer guten Grundierung, aber, wenn es Not tut, doch einem weichen Kern verfügt. Mühelos und flexibel klingt sein Sonderling, am Schluss bäumt er sich seines selbst verschuldeten Schicksals bewusst noch einmal gegen dieses auf, ist aber dann doch zu feige, sich selbst zu richten. Seine Darstellung bis dahin ist sehr distanziert, fast teilnahmslos.
Nicht unpassend dazu Asmik Grigorian als Tatjana, diesmal in einer Rolle, die für ihre Stimme weit passender ist als die chinesische Prinzessin oder die schottische Königsmörderin. Sie ist nach wie vor kein wirklich dramatischer Sopran, deswegen liegen ihr die lyrischen und zarten Momente besser, die Stimme klingt dann unangestrengt. Großartig die Briefszene. Berühmt ist sie vor allem für die Gestaltung ihrer Rollen: Hier zeigt sie zunächst ein völlig in sich gekehrtes, verhuschtes Mädchen, das neben sich und der Gesellschaft steht, im letzten Akt darf sie ganz elegante Fürstin sein, und im letzten Bild kommt die tief schlummernde Leidenschaft eines introvertierten Menschen dann doch hervor, wenn auch verhaltener als bei anderen Tatjanas.
Den musikalischen Höhepunkt des Abends setzt zweifelsohne Bogdan Volkov als Lenski, ein Sängerdarsteller von beeindruckender Kraft und Bühnenpräsenz. Der zweite Akt gehört ihm ganz. Sein Lenski ist versponnen, verrückt, voller fehlgeleiteter Leidenschaft, in seiner Arie hört man die berühmte Stecknadel fallen, da er zu all den nach außen getragenen Emotionen noch mit unglaublicher Pian(issim)o-Kultur das Publikum in seinen Bann zu ziehen vermag.
Dmitry Ulyanov reüssiert mit einer sonor vorgetragenen Gremin-Arie, der es auch nicht an den Tiefen fehlt. Darstellerisch zeigt er seinem alten Freund mit großer Deutlichkeit, wer der Herr in Tatjanas Haus (und Bett) ist.
Daria Sushkova gibt mit dunklem Mezzo eine spielfreudige, fast „trutschenhafte“ Olga, Elena Manistina ist sängerisch und darstellerisch mehr die Mutter ihrer jüngeren, als ihrer älteren Tochter und Elena Zaremba zeigt als Nanja mit viel Stil und Eleganz, dass sie die edlere Gutsherrin wäre.
Fehlt nur ein Dirigent mit mehr Verve für einen perfekten Abend!
Sabine Längle

