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WIEN/ Staatsoper: EUGEN ONEGIN – letzte Aufführung in dieser Serie

Staatsoper Wien: „EUGEN ONEGIN“ – letzte Aufführung in dieser Serie am  26.10.2021

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Elena Guseva (Tatjana). Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

1973 herrschte große Aufregung an der Wiener Staatsoper. Der große Schauspielregisseur Rudolf Noelte war für eine Neuinszenierung von Tschaikowskys „Eugen Onegin“ verpflichtet worden. Um die seelischen Zustände der handelnden Personen besser zu verdeutlichen, hat er es gewagt sämtliche Szenen der Oper (mit Ausnahme der Duellszene) in geschlossenen Innenräumen spielen zu lassen. Im Zuge der Streitereien bei den Proben kam der Aufführung nicht nur die Sopranistin (und ich glaube auch der Dirigent) abhanden, wenig später warf auch der Regisseur selbst das Handtuch und ein Regieassistent musste die Inszenierung zu Ende bringen. Aber immerhin stand diese Produktion (auch Dank einer späteren Neueinstudierung in russischer Sprache) bis zum Jahr 2000 auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper. Und Rudolf Noelte hat seine Inszenierung schließlich doch noch verwirklichen können – allerdings an der Bayerischen Staatsoper, wo diese Produktion jahrelang zu den Juwelen des Münchener Repertoires zählte. Warum ich diese im Vergleich zu heutigen Ausuferungen des Regietheaterwahnsinns geradezu lächerliche Episode erwähne? Heute lässt ein Regisseur „Eugen Onegin“ zur Gänze (inklusive der Duellszene!) in geschlossenen Räumen spielen, und niemand regt sich mehr über solche Kleinigkeiten auf. (Naja, so ganz stimmt das nicht. Als diese Inszenierung 2006 in Moskau Premiere hatte, kündigte die große russische Primadonna Galina Wischnewskaja, die vor wenigen Tagen 95 Jahre alt geworden wäre, an, das Bolschoi-Theater nie wieder betreten zu wollen.)

Ich habe diese Inszenierung bereits 2008 beim Gastspiel des Bolschoi-Theaters Moskau an der Opéra Bastille in Paris gesehen, und bereits damals fiel mir besonders positiv auf, dass Dmitri Tcherniakov aus jedem einzelnen Choristen eine eigenständige Persönlichkeit geformt hat. Bewundernswert ist auch, wie viele großartige Ideen er in seine an sich konventionell aussehende Inszenierung eingebracht hat.

Die ersten beiden Akte spielen im Haus der Larina, genauer gesagt in dessen Speisesaal mit einem riesigen ovalen Esstisch. Tcherniakov verlegt das Geschehen in eine unbestimmte Zeit. Die Tischgesellschaft unterhält sich großartig, nur Tatjana ist von Beginn an eine vor sich hin träumende Außenseiterin, die nur widerwillig mit ihrer Schwester vor der Gesellschaft – quasi als Hausmusik zum Dinner – das Duett zu Beginn zu singen hat. Beim Auftritt Onegins bahnt sich die nachfolgende Katastrophe bereits an, denn sowohl Tatjana als auch Olga verlieben sich augenblicklich in den Fremden. Während Tatjana ihre Gefühle zu Beginn nicht offenbart und zurückhaltend bleibt, macht Olga von Anfang an keinen Hehl aus ihrer Begierde nach Onegin. Diese Olga liebt Lenski keineswegs. Sie hält ihn sich eher als Hofnarren und wenn er mit seinem Arioso („Ach, ich lieb sie, Olga“) praktisch aus dem Stegreif ein Gedicht für Olga verfasst, dann macht sich die ganze Gesellschaft inklusive Olga über ihn nur lustig. Sehr schön geriet auch die Briefszene: Tatjana rückt den Esstische zur Seite und kniet vor dem Stuhl nieder, auf dem zuvor Onegin gesessen ist. An den wohl nur noch in ihrer Fantasie anwesenden Onegin richtet sie nun ihre Liebeserklärung, die sie dann erst später zu Papier bringt.

Auf dem Fest im Hause Larinas folgt dann der nächste sehr ungewöhnliche, aber wirklich überzeugende Regieeinfall Tcherniakovs: der sonst von allen nur verspottete Lenski setzt sich einen Narrenhut auf und bringt Tatjana zu ihrem Namenstag ein Ständchen dar, indem er sich vor den nur als Statisten auftretenden Mr. Triquet drängt. Dies ist dann auch tatsächlich der einzige Moment, wo Lenski seitens der Gesellschaft Anerkennung findet. Als es am Ende des Festes zum Streit und zur Duellforderung kommt, ist es nicht Olga, der die ganze Situation peinlich ist, die von Lenski Abschied nimmt. Tatjana ist die Einzige, die sich mit einer zärtlichen Berührung von ihm verabschiedet; ein wahrhaft berührender Moment. Die Duellszene spielt sich dann im selben Raum ab, offenbar einige Stunden später, da die Gäste alle entweder betrunken herumtorkeln oder herumliegen. Da eine Versöhnung zwischen Lenski und Onegin nicht möglich ist, kommt es zu einem Kampf mit einem Gewehr, wobei sich ein Schuss löst und Lenski tödlich getroffen zusammensinkt. Das alles spielt sich vor den Augen der Gesellschaft ab. Hier zeigt Olga zum ersten Mal, dass ihr Lenski vielleicht doch nicht ganz so egal war, wie sie sonst immer tat.

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Elena Guseva (Tatjana). Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Welch ein Unterschied vom ländlichen Wohlstand der Larina zum großstädtischen Reichtum des Gremin. Während sich der Salon der Larina in beigen, sandfarbenen Tönen präsentierte, protzt das Esszimmer im Hause Gremin (mit einem noch größeren Esstisch und einem noch größeren Luster) mit satten Rottönen. (Die Bühnenbilder stammen übrigens von Tscherniakov selbst, die prächtigen Kostüme von Maria Danilova.) Großartig, wie die großstädtische Gesellschaft zu Beginn des 3. Aktes den Landadeligen Onegin ihre verächtliche Zurückweisung spüren lässt. Und auch für das Schlussbild hat sich Tcherniakov einiges einfallen lassen: wenn Tatjana zu Beginn über ihre Beziehung zu Onegin reflektiert, tut sie das nicht allein, sondern ihrem Gatten gegenüber. Gremin gewährt ihr einige Minuten für eine letzte Aussprache mit Onegin. Nachdem Tatjana Onegin zurückgewiesen hat, erscheint Gremin und bedeutet seiner Frau, dass die Zeit abgelaufen ist. Tatjana geht am Arm ihres Gatten ab. Onegin wirft sich vor sie hin und will sich mit einer Pistole eine Kugel in die Brust jagen, aber die Waffe hat eine Ladehemmung (oder fehlt ihm einfach nur der Mut abzudrücken?). Somit gelingt ihm nicht einmal ein würdiger Abgang. Als totaler Looser bleibt er verzweifelt zurück.

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Bogdan Volkov (Lenski). Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Andrè Schuen bringt einen vokal ganz ausgezeichneten Onegin auf die Bühne, sein Bariton ist warm timbriert, schön geführt und besticht mit einer breiten Palette an Farben in der Stimme. Sein Onegin ist sehr nah an Puschkins Original: arrogant und von weltmännischer Kühle. Dieser Mann bleibt liebesunfähig bis zum Schluss, ein narzisstischer Schnösel. Bogdan Volkov ist als Lenski hinreißend. Wie er seine von Todesahnung geprägte Abschiedsarie mit halber Stimme singt, vom Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Tomáš Hanus in bebendem Pianissimo getragen, das beeindruckt schon sehr. Elena Guseva, bereits die zweite Einspringerin für die erkrankte Nicole Car, gestaltet die Figur der von Onegin erst abgewiesenen und später heiß begehrten Tatjana mit jugendlicher Frische, emotionaler Tiefe und szenischer Präsenz. Ihr schlanker dramatischer Sopran entfaltet sich nach und nach, ist fein dunkel timbriert, verfügt aber auch über lyrische Farben. Anna Goryachova ist stimmlich und darstellerisch eine idealtypische Olga. Dimitry Ivashchenko ist in dieser Inszenierung als Fürst Gremin kein alter Mann. Wie er Herzenswärme und die Leichtigkeit des Konversationstons zu verbinden weiß, das nötigt Respekt ab. Auch die kleineren Partien sind sehr gut besetzt: Helene Schneiderman als dem Alkohol nicht ganz abgeneigte Gutsbesitzerin Larina und Dan Paul Dumitrescu als Saretzki. Und dass Larissa Diadkova als Filipjewna mit der Erzählung von ihrer kindlichen Zwangsverheiratung für einen erschütternden Moment sorgt, zeigt, wie genau diese Inszenierung sogar in den Nebenrollen durchgearbeitet ist. (Endlich ist diese Partie wieder mit einer echten Altistin besetzt. In München in der Noelte-Inszenierung hatte ich das Glück einen der wenigen Opernauftritte der deutschen Altistin Marga Höffgen erleben zu dürfen.) Der Chor der Wiener Staatsoper bewegt sich auf dem höchsten Niveau dessen, was ein Opernchor leisten kann, obwohl er in diese Inszenierung ganz kurzfristig eingestiegen ist.

Dass Operndirektor Bogdan Roščić die schlechte Vorgängerproduktion von Falk Richter ersetzen ließ, ist sehr zu begrüßen. Ich persönlich hätte mir zwar noch lieber die Inszenierung von Stefan Herheim, die ich in Amsterdam gesehen habe, gewünscht, oder die Produktion von Robert Carsen, die ich sowohl an der Metropolitan Opera in New York als auch am Grand Théâtre de Genève gesehen habe, aber mit der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov kann ich gerne leben.

Walter Nowotny

 

 

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